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Wie der Dialekt zur Deutschschweizer «Nationalsprache» wurde
Aus Kontext vom 08.02.2021.
abspielen. Laufzeit 14:31 Minuten.
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Dialekt oder Hochdeutsch? Als Schweizer Gelehrte die Mundart loswerden wollten

Ein neues Buch erklärt, wie gewisse Gelehrte einst die Schweizer Dialekte loswerden wollten. Dass das nicht geschah, hängt auch mit der Weltgeschichte zusammen.

Was heute wie Landesverrat klingt, wurde im frühen 19. Jahrhundert unter Deutschschweizer Gebildeten heftig diskutiert: Ob man den Dialekt zugunsten des Hochdeutschen aufgeben sollte.

Wir wissen heute, dass die Antwort «nein» war. Aber wie genau hat sich die sprachliche Sonderrolle der Deutschschweiz entwickelt? Das Buch «Schweizerdeutsch» rollt die Geschichte von Sprache und Identität anhand von Originaldokumenten auf.

Die etwas andere Art der Zweisprachigkeit

Um 1800 hatte sich auch hierzulande Standarddeutsch als Schriftsprache durchgesetzt. Anders als in Deutschland blieb aber der Dialekt die mündliche Alltagssprache.

Durch diese sogenannte funktionale Diglossie, Hochdeutsch fürs Schreiben und Mundart fürs Reden, wurde die sprachliche Sonderrolle der Deutschschweiz offensichtlich. Und diese geriet in den Strudel der herrschenden Spracheinstellungen.

Altes Bild aus einer Bauernstube mit mehreren Frauen und Kindern am Sticken
Legende: Um 1800 hatte sich auch hierzulande Standarddeutsch als Schriftsprache durchgesetzt. Der Dialekt blieb aber die mündliche Alltagssprache unter allen sozialen Schichten. Keystone / PHOTOPRESS-ARCHIV

Hochkultur ohne Hochdeutsch?

Für einige waren Dialekte ein heruntergekommenes Hochdeutsch, das es auszumerzen gelte. Zudem herrschte die Überzeugung, komplexes Denken sei nur in einer kultivierten, komplexen Sprache möglich. Also nicht im Dialekt.

Zum Beispiel forderte der Aargauer Arzt und Politiker Albrecht Rengger im Jahr 1838 von seinen Mitbürgern, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich der «Knechtschaft» der Dialekte zu entziehen und Hochdeutsch zu sprechen.

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Warum gibt es immer mehr Germanismen im Schweizerdeutschen?
Aus Dini Mundart vom 11.09.2020.
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Dialekt gibt der Schweiz Identität

Auf der anderen Seite entdeckte man die Mundarten als authentische Ursprache des Volkes und es begann ihre wissenschaftliche Erforschung. Im Windschatten des Schriftstellers Johann Peter Hebel und seiner «Allemannischen Gedichte» entstanden auch erste literarische Werke auf Mundart.

Vor allem erhielt der Dialekt aber eine dezidiert politische Bedeutung: Grundlage eines republikanischen Staatswesens sei, dass sich «alle Bürger derselben Sprache bedienen», so der Basler Theologe Karl Rudolf Hagenbach in einer Schrift aus dem Jahr 1828.

Um nicht dem deutschen Modell zu folgen, wo es zwischen «Vornehmen und Pöbel» eine sprachliche Scheidewand gebe, sei der Dialektgebrauch geradezu staatsbürgerliche Pflicht aller «höhern Stände», so Hagenbach.

Schweizerdeutsch wird Nationalsprache

Das «einfache Volk» mag von diesem Gelehrtendisput wenig mitbekommen haben. Aber tatsächlich war die demokratische Haltung der gebildeten Schichten ein Grund dafür, dass der Dialekt hierzulande keinen Stallgeruch bekam – also nicht sozial stigmatisiert wurde.

Im Gegenteil: Das Bewusstsein wuchs, dass Schweizerdeutsch eine eigene Sprache ist und ein Symbol für den Nationalcharakter der Deutschschweiz. Zwangsläufig sozusagen, denn Hochdeutsch war als Nationalsprache Deutschlands bereits «vergeben».

Schwarz-Weiss Bild aus einem Schulzimmer aus den 50er-Jahren
Legende: Der Einfluss des Hochdeutschen in Schule, Kirche und sogar in der Öffentlichkeit wurde trotzdem immer grösser. Keystone / Walter Studer

Das Bollwerk Mundart gegen Norden

Die Mundarten bekamen also ihren festen Platz in der Sprachsituation der Deutschschweiz. Aber das ist erst die Hälfte der Geschichte. Der Einfluss des Hochdeutschen in Schule, Kirche und sogar in der Öffentlichkeit wurde trotzdem immer grösser.

Auch die Angst vor der Verwässerung oder gar dem gänzlichen Verlust des Dialekts nahm zu. Dass es nicht so weit kam, hängt wohl weniger mit dem Aktionismus der Sprachgelehrten und Patrioten im 19. Jahrhundert zusammen, als mit der politischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

schwarzweissfoto eines Radiostudios.
Legende: 1931 ging Radio Beromünster auf Sendung und stellte sich in den Dienst der Geistigen Landesverteidigung. Mundart spielte deshalb eine wichtige Rolle. Keystone / PHOTOPRESS-ARCHIV

Zur Zeit des Nationalsozialismus erhielten die Mundarten im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung eine identitätsbewahrende Rolle und eine Aufwertung, die heute noch nachwirkt.

Heisst es nun «stricke» oder «lisme»?

Wer eine Geschichte der Mundart und der Mundartkultur erwartet, wird vom Buch «Schweizerdeutsch. Sprache und Identität von 1800 bis heute» enttäuscht. Mani Matter und Rudolf von Tavel kommen genauso nur am Rande vor wie die Frage, ob «stricke» oder «lisme» korrekt sei.

Der Anspruch der Autorinnen und Autoren ist abstrakter: Sie erzählen die wechselhafte Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen, wie sie in schriftlichen Dokumenten überliefert ist. Das Hin und Her zwischen «Heimatschutz» und «Hochkultur» im Umgang mit dem Dialekt: so unterhaltsam wie spannend. Noch nie wurde diese Geschichte so umfassend erzählt.

Buchhinweis:

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Emanuel Ruoss und Juliane Schröter (Hg.): «Schweizerdeutsch. Sprache und Identität von 1800 bis heute». Schwabe Verlag, 2020.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 9.2.2021, 09:02 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Das Ganze erinnert auch ein bisschen an die Geschichte der norwegischen Sprache, welche bis ins 19. Jhd. «nur» als Dialekt des Dänischen angesehen wurde und sich erst im Zuge der Nationalromantik als geschriebene Sprache etabliert hat.
    In jedem Fall halte ich regionale Dialekte jeder Sprache erhaltenswert, da sie einen wichtigen Teil der lebenden Kultur ausmachen. Dass diese parallel zu einer standardisierten Schriftsprache koexistieren können, zeigt sich in der Deutschschweiz ja sehr schön.
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  • Kommentar von Werner Ruppeiner  (Ruppeiner)
    Mich "nerven" neben Pferd auch Dose anstelle von Büchs. Hinächt verstehen nicht einmal mehr meine Kinder. Auch Vesper ist ihnen fremd. Liegt vielleicht auch an uns weil wir diese Wörter zuwenig brauchen?
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  • Kommentar von ely berger  (bernina)
    David Crystal (Order of t. Empire, Linguist, Herausg. der "Cambridge Ency. of the Engl. Lang.), Interview 2008 Uni. Belgrad: "Rusulic: Was ist Ihr Lieblingszitat hinsichtlich Sprachen? Crystal: Die Zitate, die mir am nächsten sind, haben etwas mit der Gefährdung ..Aussterben der Sprachen zu tun, eines ist walisisch: cenedl heb iaith, cenedl heb galon (Eine Nation ohne Sprache ist eine Nation ohne Herz). Der Unesco-Atlas führt die Mundarten des Hochdeutschen als bedrohte Sprachen. Auch unsere!
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