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Tschau Svizzera – Migranten verlassen die Schweiz
Aus Kontext vom 23.02.2020.
abspielen. Laufzeit 53:32 Minuten.
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Einwanderer wandern wieder aus Lange hier gelebt – aber nie angekommen

Oft ist vom Einwanderungsland Schweiz die Rede – doch die Schweiz ist auch ein Auswanderungsland. Immer mehr Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit verlassen die Schweiz.

Die Zahl der eingewanderten Auswanderer hat sich in den vergangenen 15 Jahren gemäss des Bundesamts für Statistik, Link öffnet in einem neuen Fenster fast verdoppelt.

2002 haben rund 53'000 Menschen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft die Schweiz wieder verlassen. Im Jahr 2018 waren es über 98'000. Einige suchen ihr Glück andernorts, die meisten kehren in ihre Herkunftsländer zurück.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Eine Rückkehrerin, ein Rückkehrer und eine Forscherin erzählen.

Uwe Bula, 57 Jahre, aus Deutschland

Ein Mann in Lederjacke mit verschränkten Armen.
Legende: «Ich bleibe immer der Deutsche», sagt Uwe Bula, der seit 15 Jahren in der Schweiz lebt. SRF / Julian Salinas

«Ich fühle mich ausgeschlossen. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich bleibe immer der Deutsche», sagt Uwe Bula. Vor 15 Jahren ist er mit seiner Frau aus Thüringen in die Schweiz gezogen. Nun kehrt das Ehepaar zurück.

Als Bula Thüringen verliess, tat er das auch wegen des Geldes. «Als gelernter Schreiner habe ich damals 1000 Euro verdient, am Ende des Monats blieb kaum etwas übrig.» Er sorgte sich um seine spätere Rente. In der Schweiz, so hoffte Bula, könnte er mehr Erspartes zur Seite legen.

Doch Arbeit und Geld waren nicht die einzigen Gründe, derentwegen Bula in die Schweiz gezogen ist. Seine Vorfahren stammen aus Fribourg, deshalb hat er seit seiner Kindheit eine besondere Beziehung zur Schweiz. «Wir wollten die Schweiz und ihre Bewohner besser kennenlernen.»

Ein Mann sitzt an einem Küchentisch.
Legende: Familie und Freunde fehlten Uwe Bula in der Schweiz. Auch der Fussball half ihm nicht, Anschluss zu finden. SRF / Julian Salinas

Nach seiner Ankunft wohnte er kurze Zeit bei einer Familie im Kanton Luzern. Es sind bis heute seine einzigen Schweizer Freunde. Schliesslich bezog er mit seiner Frau eine Wohnung in Wohlen, in der Nähe seiner Arbeitsstelle.

Finanziell ist die Rechnung aufgegangen: Uwe Bula und seine Frau konnten jeden Monat rund 1000 Franken sparen und so die eigene Altersvorsorge aufbessern. Doch zwischenmenschlich erfüllten sich ihre Wünsche nicht.

Beide versuchten immer wieder, Freundschaften zu knüpfen. Uwe Bula ging zum Fussballtraining, zum Bier danach sei er aber nie eingeladen worden. Ein Arbeitskollege, den er mehrere Male zum Essen eingeladen hatte, habe jedes mal abgesagt.

Er meldete sich mit seiner Frau auf einer Kontaktplattform an, doch alle, die sich auf ihren Aufruf meldeten, waren Deutsche.

«Ich weiss nicht, woran es liegt», sagt Bula. «Ob die Schweizer einfach nicht wollen mit uns Deutschen?»

Bei der Arbeit versuchte er, Schweizerdeutsch zu sprechen. Er glaubt, dass er mit seiner direkten Art manchmal angeeckt sei. Als Deutscher sage er gerne, wo's lang geht, das sei einfach so. «Das bekommt niemand aus mir raus.»

Doch arrogant sei das nie gemeint gewesen. Vielleicht, denkt er, habe ihm das der eine oder andere Arbeitskollege trotzdem übel genommen.

Es mache ihn traurig, sozial keinen Anschluss zu haben, sagt Bula. Er, der in Deutschland viele Kollegen hatte und Vorstandsvorsitzender des Kegelvereins war. «In Thüringen kann man am Gartenzaun vorbeigehen und der Nachbar lädt einen auf ein Bier ein.»

Ein Mann betrachtet ein Buch mit Bildern aus Thüringen.
Legende: Die Schweiz sei paradiesisch, sagen die Bulas. Trotzdem gehen sie zurück nach Thüringen. SRF / Julian Salinas

Das fehlende Sozialleben sei der Hauptgrund, warum Uwe Bula und seine Frau nun nach Thüringen zurückkehren. «Wir wollen wieder bei unseren Freunden und der Familie sein.»

Die Schweiz? Ein schönes Land, dem Paradies nah, sagt Bula. «Doch die Leute sollten etwas zufriedener sein mit dem, das sie haben.»

Santa Perdomo, 49 Jahre, aus der Dominikanischen Republik

Porträt eine dunkelhäutigen Frau mit Karo-Schal.
Legende: «Ich lebe finanziell am Minimum», sagt Santa Perdomo, die 30 Jahre in der Schweiz lebte. SRf / Julian Salinas

Santa Perdomo kam vor knapp 30 Jahren in die Schweiz. Sie dachte nie daran, das Land wieder zu verlassen. Bis sie vor zwei Jahren erkrankte. Seither fürchtet sie sich vor dem Absturz in die Armut.

Deshalb hat sie sich nun zur Rückkehr in die Dominikanische Republik entschieden. In ihrer Wohnung am Stadtrand von Basel stapeln sich die Umzugsschachteln. Ihre kleine Tochter, die hier zur Schule geht, nimmt sie mit.

Santa Perdomo war 21 Jahre alt, als sie ihre Heimat verliess. Gemeinsam mit ihrem vier Monate alten Sohn und ihrem Mann setzte sie sich damals ins Flugzeug und kam in die Schweiz. Es war ihre erste Reise ins Ausland überhaupt.

«Mein Mann stammte aus der Schweiz und war der Meinung, unser Sohn habe hier bessere Chancen», sagt sie.

Nur wenige Monate nach ihrer Ankunft in der Schweiz wurde sie mit ihrem zweiten Sohn schwanger. Doch die Beziehung mit ihrem Mann zerbrach, einige Jahre später verstarb er. «Das Leben war nicht immer nett zu mir», sagt Santa Perdomo.

Nachdem ihre Söhne etwas älter waren, fand sie eine Stelle bei der Schweizerischen Post. Zuerst in Basel, wo sie Briefe sortierte. Dann wechselte sie nach Härkingen, wo sie als Springerin eingesetzt wurde. Für ihre Arbeitsschichten setzte sie sich oft mitten in der Nacht ins Auto und fuhr von Basel ins Verteilzentrum.

«Die Post war ein Teil von mir und meinem Leben», sagt sie. Während dieser Zeit lernte sie einen neuen Mann kennen und brachte 2013 ihre Tochter zur Welt. Die Beziehung zum Vater ging aber bald in die Brüche.

Eine Frau steht vor Briefkästen.
Legende: Die Post war lange Teil ihres Lebens. Doch durch ihre Krankheit ist es für Santa Perdomo nicht mehr möglich, dort zu arbeiten. SRF / Julian Salinas

Die Schweiz zu verlassen, daran hatte Santa Perdomo nie gedacht. Ihre erwachsenen Söhne leben hier, ihre Tochter wurde hier geboren. Auch wenn das Leben in der Schweiz sie immer wieder vor Herausforderungen stellte: Sie fühlte sich wohl. Bis sie vor zwei Jahren erkrankte.

Es begann mit Schmerzen in den Gelenken, in den Schultern, im Rücken. Nach mehreren Abklärungen die Diagnose: Fibromyalgie. Eine schwere Schmerzerkrankung, deren Ursachen nicht vollständig geklärt sind.

Ihre Arbeit bei der Post musste sie aufgeben. Zuerst lebte sie vom Krankentaggeld, dann von Beiträgen vom RAV. Eine Invalidenrente erhält sie bisher keine, weil die IV ihre Krankheit nur in seltenen Fällen anerkennt. «Meine Tochter und ich leben finanziell am Minimum.»

Während der letzten zwei Jahren reifte in ihr die Idee der Rückkehr. Bei warmem Wetter nehmen ihre Schmerzen ab. Sie hofft deshalb, dass es ihr in der Dominikanischen Republik besser geht.

Eine Frau blickt in Richtung ihrer Tochter, die auf einer Treppe sitzt.
Legende: Santa Perdomo glaubt, auch ihre Tochter habe in der Dominikanischen Republik eine bessere Zukunft. SRF / Julian Salinas

Seit dem Tod ihres ersten Mannes erhält sie eine kleine Rente, vom Vater ihrer Tochter zudem Alimente. Wenig Geld in der Schweiz, genügend in ihrer Heimat.

Santa Perdomo verlässt die Schweiz Ende Februar. Ihre Tochter freue sich, sagt sie. Die wirtschaftliche Lage würde sich für sie verbessern, das Geld reiche für eine Privatschule. Santa Perdomo ist überzeugt, dass ihr Kind auch in der Dominikanischen Republik ein gutes Leben haben wird. Ein besseres vielleicht als in der Schweiz, mit einer kranken Mutter, die von der Sozialhilfe lebt.

Warum verlassen Migranten die Schweiz? Das sagt die Expertin:

Warum verlassen Migranten die Schweiz? Das sagt die Expertin:
Legende:Simone Anne

Anita Manatschal ist Assistenzprofessorin am Swiss Forum for Migration an der Universität Neuenburg und Projektleiterin bei NCCR on the move, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Migrationsforschung. Sie forscht unter anderem darüber, warum Migranten und Migrantinnen die Schweiz verlassen.

Fühlen sich Migrantinnen und Migranten zunehmend unwohl in der Schweiz?

Das ist eine offene Frage. Aber wir können beobachten, dass seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit immer mehr Menschen die Schweiz wieder verlassen. Zudem kommt die Generation der Babyboomer zunehmend ins Pensionsalter. Das heisst, viele Menschen, die in die Schweiz gekommen sind um zu arbeiten, gehen wieder und verbringen ihren Lebensabend im Ursprungsland.

Ist die Schweiz mit diesem Trend ein Einzelfall?

Ähnliches lässt sich auch auf EU-Ebene beobachten. Die Mobilität innerhalb der EU nimmt immer mehr zu.

Wie lange bleiben Migrantinnen und Migranten durchschnittlich in der Schweiz?

Je nach Gruppe ist das Wanderungsverhalten sehr unterschiedlich. Migranten, die aus Arbeitsgründen in die Schweiz gekommen sind, verlassen das Land im Durchschnitt nach fünf Jahren wieder. Daneben gibt es hochmobile Individuen, zum Beispiel aus Japan oder den USA, die oft weniger lang in der Schweiz bleiben. Bei Menschen, die aus Kriegs- oder Krisengebieten kommen, ist der Anteil der Rückkehrenden hingegen deutlich kleiner.

Warum verlassen Migranten und Migrantinnen die Schweiz wieder?

Wir haben Ausländerinnen und Ausländer befragt, wie wahrscheinlich es ist, dass sie die Schweiz wieder verlassen. Dabei sieht man vor allem zwei Faktoren. Da ist die soziale Verankerung: Wer Freunde und Familie im Ausland hat, denkt eher darüber nach, die Schweiz wieder zu verlassen. Eine grosse Rolle spielt auch die Integration in den Arbeitsmarkt. Die Leute gehen eher wieder, wenn sie keinen Job haben.

Gehen Migrantinnen und Migranten auch deshalb, weil sie sich nicht wilkommen fühlen?

Es kann sein, dass das eine Rolle spielt. Im Fall der Schweiz haben wir verschiedene Verschärfungen im Migrationsrecht beobachten können. Auch der Zugang zu Sozialhilfe wurde für verschiedene Migrationsgruppen erschwert. Es ist schwierig, das dingfest zu machen. Die Forschung zeigt aber, dass der Empfangskontext eine Rolle spielt. Ob Migrantinnen und Migranten einen warmen Händedruck erhalten oder die kalte Schulter gezeigt bekommen, kann einen grossen Unterschied machen.

Die Hälfte aller Migrantinnen und Migranten verlässt die Schweiz nach fünf Jahren wieder. In der Öffentlichkeit hält sich dennoch hartnäckig das Bild: Die Menschen kommen in die Schweiz und bleiben. Woran liegt das?

Das hängt damit zusammen, dass man nur jene Menschen sieht, die kommen und bleiben. Es ist auch für uns als Wissenschaftler erst seit kurzem möglich, diese Bewegungen besser nachzuvollziehen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 24.2.20, 9:02 Uhr

Wohin – innerhalb von Europa – wandern eigentlich Schweizerinnen und Schweizer am liebsten aus? Diese Karte gibt einen Überblick:

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