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«Fliegen Sie noch oder reisen Sie schon?»
Aus SRF Kultur vom 20.09.2019.
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Gewissensfrage Fliegen «Fliegen ist kein Menschenrecht»

Anita Brechbühl und Marie-Claire Graf sind viel unterwegs, aber aus gegensätzlichen Gründen: Anita Brechbühl betreibt den Reiseblog «Travelita» und ist im vergangenen Jahr mit ihrem Partner rund um die Welt gereist. Klimaaktivistin Marie-Claire Graf reist oft, durchschnittlich verlässt sie die Schweiz einmal im Monat. Aufs Flugzeug verzichtet sie konsequent, ausser wenn sie zu Klimakonferenzen fliegt. Zuletzt reiste sie per Zug in die Türkei, nach Griechenland und Dänemark.

Das Thema Klimawandel bewegt beide – auf unterschiedliche Weise.

Anita Brechbühl, 31

Anita Brechbühl, 31

Reisebloggerin

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Anita Brechbühl betreibt die Webseite Travelita, Link öffnet in einem neuen Fenster, einen der meistbesuchten Reiseblogs der Schweiz. In den vergangenen Jahren hat Brechbühl mehr als 50 Länder bereist. Neben Reisezielen im Ausland schreibt sie auch regelmässig über Destinationen in der Schweiz.

Brechbühl studierte Geografie und machte danach einen Master in Raumentwicklung und Infrastruktursystemen an der ETH Zürich. Sie arbeitet in einem Zürcher Büro als leitende Raumplanerin.

Marie-Claire Graf, 23

Marie-Claire Graf, 23

Klimaaktivistin

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Marie-Claire Graf studiert Politikwissenschaften und Umweltwissenschaften an der Universität Zürich. Sie ist aktives Mitglied der nationalen und internationalen Klimabewegung.

Graf ist unter anderem Präsidentin des Schweizer Verband Studentischer Organisationen für Nachhaltigkeit, Link öffnet in einem neuen Fenster, Vizepräsidentin der Studentischen Nachhaltigkeitskommission der ETH Zürich, Link öffnet in einem neuen Fenster und Mitbegründerin der Sustainability Week International, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie unterrichtet zudem als Sekundarlehrerin im Kanton Baselland.

SRF: Wann sind Sie zum letzten Mal geflogen?

Marie-Claire Graf: Für Ferien nehme ich den Zug oder das Segelschiff. Zuletzt geflogen bin ich im März zu einer Klimakonferenz der UN nach New York.

Anita Brechbühl: Ich bin im Frühling mit meinem Partner für drei Wochen nach Namibia gereist.

Wir reden immer mehr über die Umweltfolgen des Fliegens. Flugscham ist ein Thema. Wie gehen Sie damit um?

Marie-Claire Graf: Jeder Flug ist ein Flug zu viel. Wenn ich fliege, möchte ich damit möglichst viel bewirken. Im Schnitt fliege ich ein- bis zweimal pro Jahr, meistens auf Einladung an Klimakonferenzen der UN.

Anita Brechbühl: Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, innerhalb von Europa nicht mehr zu fliegen. Schon früher habe ich regelmässig über Destinationen in der Schweiz und im näheren Ausland berichtet. In der Vergangenheit war ich aber punkto Transportmittel weniger achtsam. Noch im letzten Jahr bin ich mit dem Flugzeug um die halbe Welt geflogen. Von Südamerika über China und weiter entlang der Seidenstrasse nach Usbekistan.

Was hat sich seit dem letzten Jahr geändert?

Anita Brechbühl: Aufgrund meines Geografiestudiums bin ich mir schon länger der Tatsache bewusst, dass Fliegen schädlich für die Umwelt ist. Ich hatte mir in der Vergangenheit aber weniger Gedanken darüber gemacht. Die Klimabewegung hat bei mir etwas ausgelöst. Ich habe begonnen, mein Reiseverhalten stärker zu hinterfragen.

Elefanten stehen im Wasser.
Legende: Anita Brechbühls letzte Reise führte sie nach Namibia. Travelita.ch

Marie-Claire Graf: Früher war ich oft die Spassverderberin. Wenn Freunde für ein Wochenende in eine Stadt fliegen wollten, bin ich zu Hause geblieben. Jetzt bitten mich immer mehr Leute um Rat und wollen wissen, wie sie mit dem Zug beispielsweise nach Istanbul oder Barcelona reisen können. Da passiert gerade sehr viel.

Ist der gesellschaftliche Druck gewachsen?

Anita Brechbühl: Als Bloggerin habe ich keinen Druck verspürt. Ich glaube, es gibt immer noch viele Leute, die nicht nachvollziehen können, dass man weniger Fliegen möchte. Ich kann aber ein Vorbild sein und dazu animieren, zumindest in Europa auf das Flugzeug zu verzichten.

Marie-Claire Graf: Ich spüre einen grossen Druck in Anbetracht der wissenschaftlichen Fakten. Ich empfinde auch Wut über Menschen, die diese Fakten ignorieren. Ich sehe in den Bergen, wie die Gletscher verschwinden. Unwetterkatastrophen nehmen zu, Wälder brennen. Tierarten sterben aus. Das tut weh und das ängstigt mich auch. Eigentlich müsste man sagen, es ist vorbei mit Fliegen.

Anita Brechbühl: So radikal bin ich nicht. In einer idealen Welt hätte ich beliebig viel Zeit und könnte alle Reiseziele mit dem Zug und Schiff erreichen. Aber ich habe nur vier Wochen Ferien im Jahr. Da stellt sich die Frage, verbringe ich diese in Europa oder zieht mich die Entdeckerlust weiter weg?

Ist die Aufregung rund um das Fliegen überhaupt gerechtfertigt? Immerhin verursachen wir damit im Gegensatz etwa zur Gesamtnutzung fossiler Energien nur einen kleinen Teil der gesamten CO2-Emissionen. Man könnte sagen, am Ende macht es keinen grossen Unterschied, ob wir fliegen oder den Zug nehmen.

Marie-Claire Graf: Es kommt sehr wohl darauf an. Die Fliegerei ist weltweit für knapp fünf Prozent des menschengemachten Klimaeffekts verantwortlich, in der Schweiz sogar für über 18 Prozent. Jeder und jede Einzelne kann hier einen grossen Unterschied machen. Wir müssen erkennen, dass Fliegen kein Menschenrecht ist. Wir haben kein Recht, auf Kosten der nächsten Generation zu reisen. Viele Leute denken nicht genügend über die Konsequenzen ihres Handelns nach.

Anita Brechbühl: Wenn sich immer mehr Menschen weltweit das Fliegen leisten können, werden diese Zahlen in Zukunft stark ansteigen. Da scheint es mir wichtig, dass man das eigene Handeln hinterfragt.

Woran liegt es, dass wir dennoch so ungern aufs Fliegen verzichten – obwohl wir wissen, dass es der Umwelt schadet?

Marie-Claire Graf: Ein grosses Problem ist – in meinen Augen – das immense Marketing. Wenn ich durch den Bahnhof gehe, muss ich mir mindestens zehn Plakate anschauen, die für exotische Ferienziele werben. Alle zeigen mir, was ich alles noch nicht erlebt habe. Ich war noch nie in Bali am Strand, in Thailand war ich auch noch nie. Im öffentlichen Raum, auf Instagram, Facebook: Überall erhält man ständig Reisewerbung. Und es wird einem suggeriert, man müsse das alles erleben, damit man in der Gesellschaft etwas gilt.

Wandern in den Bergen von Chile, Tauchen in Bali: Interessiert Sie das nicht?

Marie-Claire Graf: Ich tauche auch. Aber ich mache das in Griechenland oder in Schweizer Seen. Ich verspüre durchaus eine gewisse Lust, solche Orte zu besuchen, ich kann es jedoch nicht verantworten. Vielleicht ergibt es sich mal, dass ich nach Afrika reise. Aber dann auf einem nachhaltigen Weg.

Eine Frau springt in die Luft vor Alpenpanorama. Davor ein See.
Legende: Das Gute liegt so nah - Marie-Claire Graf auf einer Wanderung auf dem Niederhorn. Marie-Claire Graf

Anita Brechbühl: Ich habe nach Namibia einen Direktflug genommen und die Flüge kompensiert. Das Land reizte mich wegen der Tierwelt und den weiten Landschaften. Hinzu kommt ein persönliches Interesse an anderen Kulturen und Lebensweisen. Es ist mir aber bewusst, dass das am Ende die Reise eigentlich nicht rechtfertigt. Wie konsequent bist du? Wie viel wert ist dir der persönliche Gewinn, wenn du von weit her neue Erfahrungen nach Hause bringst? Die Antworten habe ich für mich selber noch nicht gefunden.

Führt Reisen nicht auch zu mehr Toleranz für fremde Kulturen?

Marie-Claire Graf: Wenn ich unsere Welt zurzeit anschaue, erhalte ich nicht den Eindruck, dass wir viel internationale Verständigung aufgebaut haben. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Andersfarbigen geht zurück. Dass das Reisen die Leute viel toleranter macht, ist in meinen Augen eine Illusion.

Anita Brechbühl: Ich frage mich, wie viele Leute reisen wirklich, und wie viele machen einfach nur Ferien? Reisen bedeutet für mich, dass man in Austausch mit der lokalen Bevölkerung kommt und sich mit der Kultur auseinandersetzt. Ich glaube schon, dass das zu mehr Toleranz führt.

Sie verzichten dieses Jahr auf Europaflüge. Wie schwer fällt Ihnen das?

Anita Brechbühl: Ich finde es in Europa grundsätzlich nicht schwierig. Viele Reiseziele sind mit dem Zug erreichbar. Das Buchen ist aber oft weniger einfach als mit dem Flugzeug.

Berglandschaft
Legende: Wanderland Schweiz: Anita Brechbühl hat die Tour des Dents du Midi mit der Kamera festgehalten. Travelita.ch

Marie-Claire Graf: Gerade wenn es keine Direktverbindungen gibt oder man etwas weiter weg reist, wird es kompliziert. Als ich zuletzt nach Griechenland gefahren bin, brauchte ich einen halben Tag, bis ich gebucht hatte. Ich wusste bis zuletzt nicht, ob alles klappt. Wenn ich alleine reise, bin ich einigermassen flexibel. Aber für beruflich Reisende oder Familien macht es das schwierig.

Anita Brechbühl: Es gibt Webseiten, die da etwas weiterhelfen. Loco2, Link öffnet in einem neuen Fenster zum Beispiel oder Rome2rio, Link öffnet in einem neuen Fenster. Aber es gibt keine Seite, auf der man so einfach Preise vergleichen oder Reisen buchen kann, wie das fürs Fliegen möglich ist. Für eine bevorstehende Reise nach Manchester bin ich in der Wanderausrüstung in Visp an den SBB-Schalter und wollte mich dort nach dem Preis für die Verbindung erkundigen. Der Mitarbeiter sah mich irritiert an und fragte, ob das versteckte Kamera sei.

Was gewinnen wir persönlich, wenn wir aufs Fliegen verzichten?

Anita Brechbühl: Beim Fliegen steigt man in eine Kapsel und wird an einem fremden Ort wieder ausgespuckt. Das Raum-Zeit-Gefühl ist völlig gestört. Wenn ich mit dem Zug fahre, mache ich diese Reise mit. Und erlebe dabei im besten Fall noch etwas, das ich danach erzählen kann.

Marie-Claire Graf: Ich nehme es nicht als Verzicht war. Ich kann Städte wie Berlin, London, Barcelona oder Wien problemlos mit dem Zug erreichen. Im vergangenen Jahr habe ich 24 Länder besucht, ganz ohne Flugzeug. Es ist ein Problem, dass wir immer meinen, wir müssen möglichst weit weg. Dabei können wir auch mit dem Zug attraktive Orte bereisen. In Osteuropa gibt es wunderschöne Landschaften, nur sind diese hier kaum bekannt.

Drei junge Frauen schauen aus einem Zugfenster.
Legende: Mit dem Zug nach Moldawien? Ja klar, sagt Marie-Claire Graf (links). zvg

Anita Brechbühl: Ich glaube, solange man für 30 Franken beispielsweise nach Nizza fliegen kann, wird die breite Masse noch lange nicht auf den Zug umsteigen. Was wir brauchen, ist Kostenwahrheit, damit das Bahnfahren attraktiver wird.

Marie-Claire Graf: Da bin ich einverstanden. Das Fliegen ist von den meisten Steuern befreit. Es gibt keine Mehrwertsteuer, keine Kerosinsteuer, keine Flugticketabgabe, die externen Kosten werden nirgendwo abgebildet. Da ist die Politik dringend gefordert. Unsere Vorfahren deponierten den Abfall noch in Flüssen, bis es verboten wurde. Heute kommt zum Glück niemand mehr auf diese Idee. Ein Umdenken ist auch jetzt dringend nötig, es läuten längst alle Alarmglocken.

Zum Schluss: Wohin führt Ihre nächste Reise?

Marie-Claire Graf: Ich reise bald wieder nach New York an den UN-Klimagipfel, wo ich zu verschiedenen Panels eingeladen bin. Da ich erst vor wenigen Wochen davon erfahren habe, war es nicht mehr möglich, eine Schiffsreise zu organisieren. Also fliege ich.

Anita Brechbühl: Ich fliege in wenigen Tagen nach Thailand. Ein Reiseanbieter hat mich zu einer Recherchereise eingeladen. Das wird meine zweite Fernreise in diesem Jahr. Dabei stecke ich in einer klassischen Diskrepanz. Einerseits die Chance auf eine spannende Reise, ich war noch nie in Nordthailand. Andererseits mein Wissen um die Umweltauswirkungen und dass ich damit Werbung mache für weitere Langstreckenflüge. Ein innerer Konflikt ist da, den ich noch nicht ausgefochten habe.

Das Gespräch führte Simon Jäggi.

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