Aus für «L'Hebdo» «Wollen wir zuwarten, bis wir die letzten Zeitungen verlieren?»

Ringier stellt das Wochenmagazin «L'Hebdo» ein: für viele Romands ein Schock. Das betrifft auch die Deutschschweiz, sagt Medienwissenschaftler Manuel Puppis.

Ein Mann liest «L'Hebdo». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Februar wird die letzte Ausgabe von «L'Hebdo» gedruckt. Keystone

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Zur Person

Manuel Puppis

SRF

Manuel Puppis ist Professor für Medienwissenschaften an der Uni Freiburg und beschäftigt sich mit Mediensystemen in den verschiedenen Schweizer Sprachregionen.

SRF: Die Redaktion von «L'Hebdo» hat gestern schockiert auf die Nachricht reagiert, dass Ringier die Zeitschrift einstellt. Wie überrascht sind Sie?

Manuel Puppis: «L'Hebdo» hat in den letzten Jahren stark an Leserschaft und Werbung verloren. Wenn Verlage vor allem auf ökonomische Kennzahlen schauen, ist diese Entscheidung daher nicht überraschend.

Aber das ist eine Entwicklung, welche die Presse in der Westschweiz und in der Deutschschweiz gleichermassen betrifft.

Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Romandie vom Medienwandel stärker betroffen ist – denkt man etwa an den starken Stellenabbau bei «La Tribune de Genève» oder «24 heures». Täuscht dieser Eindruck?

Je kleiner der Markt ist – und in der Romandie ist er noch kleiner als er es in der Deutschschweiz bereits ist – desto schwieriger ist es, im Mediengeschäft Geld zu verdienen. Dadurch täuscht der Eindruck sicher nicht, dass die Romandie vom Medienwandel besonders stark betroffen ist. Die Entlassungen bei den Tamedia-Zeitungen sind ein weiterer Hinweis dafür.

«  Die meisten Medien in der Romandie gehören Deutschschweizer Konzernen »

Das Aus für «L'Hebdo»

1:54 min, aus Tagesschau vom 23.1.2017

Aber es ist nicht so, dass die anderen Schweizer Sprachregionen davon verschont werden: Die Digitalisierung hat die gesamte Medienbranche auf dem falschen Fuss erwischt.

Was in der Romandie sicher speziell ist: die meisten Medien gehören Deutschschweizer Konzernen. Somit werden medienpolitische Entscheidungen nicht mehr vor Ort gefällt, sondern in der Deutschschweiz. Und das kommt natürlich schlecht an.

Haben die Deutschschweizer Verleger genügend Sensibilität, um aus der Ferne Zeitungen für die Westschweiz zu managen?

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Die Zeitung

Nach über 35 Jahren ist Schluss: Das Lausanner Wochenmagazin «L'Hebdo» wird im Februar eingestellt. Ringier nennt wirtschaftliche Gründe für das Aus. 37 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle.

Das ist schwierig zu beurteilen. Bei den Romands herrscht auf jeden Fall die Meinung vor, dass die Sensibilität nicht ausreicht. Aber wir sehen auch in der Deutschschweiz dieselben Probleme: etwa dass Redaktionen über die Regionen hinweg zusammenarbeiten müssen.

Der Mantelteil der Zürcher Oberländer-, Unterländer- und der Zürichsee-Zeitung, sowie des Landboten in Winterthur, wird beispielsweise in Bern produziert. Das St. Galler Tagblatt und die Luzerner Zeitung arbeiten verstärkt zusammen.

Für eine regionalen Berichterstattung bleiben dabei weniger Möglichkeiten und Mittel übrig. Das löst auch in der Deutschschweiz Verärgerung und Konsternation aus.

«  Verlage wissen nicht, wie sie mit Journalismus Geld verdienen sollen. »

Inwiefern ist in der Romandie die Vielfalt der Wochenzeitungen noch gewährleistet?

Die Zeitungen versuchen sicher, mit den vorhandenen Mitteln etwas zu machen. Wir haben viele unabhängigen Regionalzeitungen, wie «La Liberté» in Freiburg, die weiterhin nicht aus der Deutschschweiz beherrscht sind.

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Wandel der Medien

Ein Mann bedient ein Smartphone.

Online gefährdet Print. Keystone

Aber: Wir haben eine Medienkrise. Verlage wissen nicht, wie sie mit Journalismus Geld verdienen sollen, weil Leser und Werbung ins Internet, zu Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, abgewandert sind. Dieses Grundproblem lässt sich nicht so einfach lösen.

Der Waadtländer Staatsrat und die Lausanner Stadtregierung haben besorgt reagiert auf die Schliessung von «L'Hebdo». Welche Rolle muss die Politik nun übernehmen?

Dass die Regierungen in den Kantonen und Städten der Romandie sich besorgt zeigen, geschieht nicht das erste Mal. Das haben wir bereits gesehen, als die Tamedia bei ihren Zeitungen in der Romandie massiv Stellen abgebaut hat. Von dem her denke ich nicht, dass Gespräche, die jetzt gesucht werden, hier eine grosse Veränderung bringen werden.

Wenn die Politik aktiv werden will, dann muss sie das auf nationaler Ebene tun. Und ich denke es ist höchste Zeit, dass die Medienpolitik aktiv wird und sich auch über eine staatliche Medienförderung Gedanken macht.

Die Idee einer staatlichen Medienförderung war Thema einer Studie, die Sie erst Anfang Januar vorgestellt haben. Von den Verlegern wurde sie eher skeptisch aufgenommen. Wird die Einstellung von «L'Hebdo» nun zu einem Umdenken führen?

Das Beispiel von« L'Hebdo» zeigt sicher, dass die Lage in der Schweizer Medienlandschaft dramatisch ist. Man muss sich schon fragen: Wie lange wollen wir noch zuwarten, bis wir die letzten wichtigen Presseerzeugnisse verlieren, bis wir noch weniger Vielfalt in der Medienlandschaft haben?

«  In der Romandie ist die Schmerzgrenze erreicht. »

Entsprechend denke ich schon, dass zumindest in der Romandie die Schmerzgrenze erreicht ist. Ob das auch in der Deutschschweiz der Fall ist, ist schwer zu beurteilen. Ich bin auf jeden Fall skeptisch, was die Einführung von direkten Fördermassnahmen angeht.

Das Gespräch führte David Vogel.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 24.1.2017, 17:08 Uhr