Zivilcourage und ich: Die Geschichten der Hörer zum Nachlesen

Der HörPunkt «Zivilcourage» auf Radio SRF 2 Kultur erzählte Geschichten von kleinem und von grossem Mut. Hier können Sie die Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse des Publikums zu Zivilcourage lesen.

Eine Frau, deren Gesicht von einem Megaphon verdeckt ist, reckt die Faus in die Luft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Getty Images

«Ich handle heute bewusster»

J. B.: 1994: Im Garten des Frauenhauses fiel ein Schuss. Ich nahm nur den Knall und die rennenden Frauen wahr. Es war eigentlich nicht Zivilcourage, der im Gras liegenden Frau zu Hilfe zu eilen, sondern ich wollte einfach helfen, da ich früher in Arztpraxen tätig war. Als ich mich zur Frau herunterbeugte, knallte es noch einmal. Meine Hände wurden getroffen. Im Spital klärte man mich auf, dass die Frau und ich von Schrotkugeln getroffen wurden. Die Frau starb an ihren schlimmen Verletzungen.

Mir ist aufgefallen, dass ich heute mutiger bin. Ich spüre manchmal das Bedürfnis mich einzumischen und mache es auch. Ich handle vielleicht heute weniger aus dem Bauch, sondern eher bewusster, wie z.B. letzthin im Bus. Vier Jugendliche sitzen im Bus neben mir. Einer hält einen Becher Eis in der Hand. Die drei Kollegen stossen diesen Becher immer wieder nach oben, und das bereits flüssige Eis schwappte über den Rand auf den Boden. Kräftiges Lachen unter den Kollegen. Ich frage den Jugendlichen mit dem Eis ob er ein Taschentuch möchte. Er bejahte und putze damit den Boden. Es wurde dann wieder still im Bus, und der Jugendliche löffelte sein Eis in Ruhe aus.

Zusammen sind wir stark

E. D.: Vor einigen Jahren konnte ich an einer Stadtführung zum Thema Zivilcourage teilnehmen. Nach einer kurzen Einführung, die uns ermutigte, unser persönliches Verhalten gegenüber Unrecht auf der Strasse auszuprobieren, schlenderten wir in einer Gruppe von ca. 20 TeilnehmerInnen durch die Altstadt. An verschiedenen Orten wurden wir mit unterschiedlichen Szenen der Gewalt oder Diskriminierung konfrontiert. Schauspieler spielten die Szenen. Im Anschluss haben wir jeweils die Szenen reflektiert. Wie wir gefühlt und gedacht haben, wie wir unser Handeln oder Nichthandeln erfahren haben. Auch die «Täter» und die «Opfer» äusserten sich zu ihrem Empfinden.

Was mir geblieben ist: Es ist ratsam sich auch an andere Personen zu wenden. Wer ruft die Polizei? Wer hilft, das Opfer von der Strasse aufzuheben? Man muss gar nicht allein die mutige Heldin sein!

Kinder wurden mit Steinen beworfen

E. L. aus Bern: Hebron/Al Khalil Anfang März 2004 – Teil meiner Arbeit als Ecumenical Accompanier war es, palästinensische Kinder in die Schule zu begleiten. Die frühere Hauptstrasse im besetzten Stadtzentrums war für Kinder gefährlich. Am Shabbat, wenn jüdische Siedlerkinder schulfrei haben, mussten wir auf die palästinensischen Kinder speziell aufpassen. Wegen Krankheit der Kollegin war ich an jenem Samstag allein: Nach Schulschluss machten sich alle Mädchen wie immer gemeinsam auf den Heimweg, begleitet von den Lehrerinnen.

Plötzlich schrien die Kinder zuvorderst. Ich sah eine Horde Jugendlicher unsere Kinder mit Steinen bewerfen – und eilte herbei. In der Schweiz gehörte der Umgang mit verhaltensschwierigen Kindern zu meinem Beruf. Die Siedlerkinder, mehrheitlich aus jüdisch-amerikanischen Einwandererfamilien, waren es nicht gewohnt, gestoppt zu werden. Während sich ihre Aggressionen auf mich richteten, sah ich, dass «unsere» Kinder heimrennen konnten. Die arabischen Mütter, die aus den Fenstern das Geschehen beobachteten, beglückwünschten mich später. Aber am nächsten Tag erhielt ich vom obersten Commander der israelischen Armee in Hebron ein Verbot, diesen Stadtteil wieder zu betreten – Begründung: Provokation.

Nicht mit dem Kind!

B. R.: Herbstferien. Erstmals Pauschalferien. Abendbuffet im Speiseaal. An einem unserer Nebentische sitzt eine junge Familie. Der Vater gestresst, versucht sein Kleinkind unsanft zu füttern. Vergeblich! Er packt das Kind an den Haaren, schnellt den Kopf des Kindes nach hinten und drückt ihm in dieser Stellung das Brot ins Gesicht. Genug! Ich muss aufstehen; gehe zum Tisch, stelle mich kauernd bis auf Kopfhöhe neben das Kind und eröffne dem Vater, dass er dies mit mir machen könne, aber bitte nicht mit dem Kind. Kein lauter Disput bricht aus. Eher ein kurzer Dialog, geprägt von gegenseitigem Respekt. Und langem Nachdenken.

Niemand reagierte auf die Hilferufe

M. H. aus Diepoldsau: Am selben Ort, wo die «Akte Grüninger» spielt, ging ich letztes Jahr an einem heissen Sommerabend mit meinem Sohn schwimmen. Eine kleine Landzunge führt ins Wasser, rundherum ist es nicht sehr tief. In diesem Wasser standen etwa zehn junge ausländische Männer, alle sehr weiss, also nicht gewohnt ans Sonnenbaden oder Schwimmen im Freien.

Mein Sohn und ich schwammen ein Stück den alten Rheinlauf hoch und wieder zurück. Auf einmal hörte ich übers Wasser einen Ruf: «Help!» Ich konnte vom Wasser aus nichts sehen und schwamm so schnell wie möglich ans Ufer. Ich sah ein Männergesicht auftauchen, luftschnappen und wieder untergehen.

Ich wusste, dass es dort tief ist und dass ich den Mann als 68-Jährige nicht selbst retten könnte. Doch niemand reagierte. Endlich stand ein Paar mit Kind auf und kam auf mich zu. Schnell machen wir eine Kette, der Mann konnte den Ertrinkenden am Haarschopf packen und ans Ufer ziehen.

Wir fuhren nach Hause. Die ganze Nacht machte ich mir Vorwürfe, nicht ärztliche Hilfe geholt zu haben, denn der junge Mann könnte ja auch einen Herzinfarkt gehabt haben. Entsetzt hat mich die Haltung der Menschen am Ufer, die meine Rufe ignorierten oder sogar wegliefen. Wie kann man mit dem Wissen, nicht geholfen zu haben, weiterleben?

Die Zivilcourage endete mit einer Verhaftung

I. H. aus Trieste (It): Ende der 90er-Jahre beobachtete ich in St. Gallen die Verhaftung zwei junger Schwarzafrikaner durch Polizeibeamte. Die Verhafteten wehrten sich nicht. Sie wurden gegen das Polizeiauto gestellt und gefesselt. Danach sah ich einen der Polizisten den Kopf des Afrikaners mit einer brutalen Handbewegung gegen das Autodach schmettern. Mein Begleiter sah es gleich. Diese Tat war eine reine Wutaktion und nicht begründet.

Wir gingen auf das Polizeiauto zu. Ich sagte einem der Polizisten, ich hätte die unverhältnismässige Aktion gesehen. Er fuhr mich an, fragte, ob ich mich in eine «polizeiliche Amtshandlung» einmischen wolle? Ich wollte dem Afrikaner zu verstehen geben, dass wir uns einsetzen wollten. Der Polizeibeamte beschimpfte mich wegen unserer Einmischung, ich hätte ihn schliesslich als «Rassisten» betitelt.

Unsere Zivilcourage endete mit einer sofortigen Verhaftung. Wir wurden verhört und angeklagt, bei einer Polizeiaktion interveniert zu haben mit der Absicht, die Verhafteten zu befreien. Bei der Einzelbefragung durch die Richterin gaben die Polizeibeamten zwei völlig verschiedene Versionen der Geschichte von sich – und dies dermassen offensichtlich, dass der Anklagepunkt fallen gelassen wurde. Wegen des Anwurfs« Rassist» wurde ich gebüsst, die mögliche Überreaktion der Polizeibeamten bei der Verhaftung wurde meines Wissens nie öffentlich zugegeben. Allgemein wird die Version «Einmischung in eine Amtshandlung» weiterhin genutzt, wenn ZuschauerInnen gegen besonders brutale Verhaftungen im öffentlichen Raum protestieren.

Eine selbstverständliche Tat

S. S. aus Teufen: Berlin, U-Bahn-Station Zoo, viele Menschen. Eine etwa 50-jährige Frau steht mitten in der Menge, abwesender Blick, strähniges Haar, das Gesicht verschmiert mit weissem Schaum, man kann nicht genau erkennen was. Die Menschen halten Abstand zu ihr. Der Zug fährt ein, sie steigt ein, ich ertappe mich bei dem Gedanken, in den anderen Wagen zu steigen, doch ich folge ihr. Sie setzt sich zwischen ein paar Menschen auf eine Querbank, diese stehen sogleich auf und entfernen sich. Ich bleibe in der Nähe stehen, jetzt sehe ich, dass das Geschmier im Gesicht Mayonnaise ist.

Ich krame in meiner Tasche nach einem Papiertaschentuch. Ich gehe zu ihr und gebe ihr das Taschentuch, sie sagt nichts und wischt sich kurz um den Mund und verfällt wieder in ihre starre Haltung. Ich nehme es ihr aus der Hand und fange an, ganz behutsam, ihr Gesicht und ihren Hals abzuwischen. Die Menschen schauen uns zu, jemand reicht mir eine Papiertüte für das Taschentuch. Unnötig. An der nächsten Station steige ich aus, werfe es weg und bin glücklich über diese im Grunde so selbstverständliche Tat.

Sich für andere exponieren

J. aus Sutz: Eine kleine berufliche Runde, knapp zehn Männer, ich die einzige Frau – ein kleiner Apéro zum Abschluss eines Projekts. Eine Person, die sich auch schon in ähnlicher Weise «hervorgetan» hat, wirft einen sexistischen Witz in die Runde – «harmlos» zwar, aber gleichwohl sehr unangebracht.

Die Szene liegt Jahre zurück, und ich bin meinem Vorgesetzten noch heute dankbar, dass er das nicht so stehen liess, sondern in der ganzen Runde gut hörbar eine klare und gleichwohl unverkrampfte Bemerkung an die Adresse des Sprücheaussenders machte. Ein kleiner Schritt, und dennoch keineswegs selbstverständlich und für mich als Betroffene mit grosser Wirkung. Ich selber hatte jedenfalls in der Situation nicht die Geistesgegenwart oder den Mut, den Sprücheklopfer zurechtzuweisen. Und auch keiner der anderen Anwesenden. Das Beispiel drückt für mich genau die Essenz von Zivilcourage aus: sich selber für andere exponieren.

Nicht als bequem verurteilen

H. S. aus Zürich: Mich bewegt die Diskrepanz von «wollen» und «können». Ich kenne keine Person, die sich gegen Zivilcourage ausspricht. Trotzdem kennen alle genau wie ich auch die Schwierigkeit, in einer konkreten Situation das zu machen, was wir als optimal empfinden.

Alle Menschen handeln immer und ausschliesslich aus «guten Gründen». Rückblickend kann ich eine bestimmte Handlung von mir wohl verurteilen, dennoch war es mir offenbar im Moment der Entscheidung aus vielfältigen und komplexen Gründen nicht möglich, mich anders zu entscheiden. Diese Annahme erlaubt es mir theoretisch, anderen Menschen wohlwollend zu begegnen – was mir natürlich trotzdem oftmals nicht gelingt. Ich differenziere neutral zwischen meinen Werten und den Werten der anderen Person. Ich habe an mich den Anspruch, das Verhalten der anderen Person zu respektieren, jedoch nicht unbedingt zu akzeptieren.

Mut braucht Überwindung, tut aber gut

R. V. aus Villars sur Glâne: Wir sollten uns mehr wehren, etwa beim Postzollamt, der mir eine verrückte Gebühr abverlangte für eine Weihnachtsendung mit Gebäck aus Deutschland. Dank drei Mails der feinen Art bekomme ich nächste Woche den Betrag zurück. Es braucht den Einsatz, der weniger Kraft braucht als die Faust im Sack.

Ein anderes Beispiel: Im Zug rauchen zwei Jugendliche. Ich sage Ihnen, sie mögen das doch unterlassen. Da sagt der eine zum andern, die sei wohl nicht … (Grober Ausdruck der körperlichen Zuwendung) Ich antworte ebenso deutlich: «Nein, aber geliebt wurde ich.» Die Mitreisenden lachten. Die Raucher grüssen mich seitdem, wenn sie mich auf dem Perron sehen. Ist doch eine freundliche Geste der Bejahung, korrigierfähig zu sein. Im Nachhinein tut es uns gut, Mut gezeigt zu haben – zuvor jedoch braucht er Überwindung.

Ein Bauchentscheid

R. M. K. aus Zürich: Zivilcourage passiert oder sie passiert nicht. Wie weit da man wirklich mit dem Kopf dabei ist, ist fraglich. Folgendes hat sich vor drei Jahren ereignet.

Ich fuhr mit dem Velo morgens die Langstrasse entlang zur Arbeit. Irgendwann sah ich vor mir vier junge Männer, die auf etwas einkickten. Ich dachte erst, dass sie Fussball spielen. Als ich näher kam, sah ich, dass die Männer einen am Boden liegenden alten Mann traktierten. In mir stieg eine solche Wut auf, dass ich anhielt und die jungen Männer anschrie, sofort aufzuhören. Ich war dermassen empört, dass ich viel Kraft in der Stimme hatte. Die Männer liessen tatsächlich vom Mann ab und er konnte aufstehen.

Ich stieg wieder aufs Velo und bog um die Ecke. Eine Frau hielt mich an und sagte, da würde man wieder einmal sehen, was Zivilcourage sei. Aber für mich war das einfach ganz natürlich passiert. Ich zögerte keine Sekunde und habe auch keine Sekunde nachgedacht – ich sah nur die Ungerechtigkeit.

Ich fuhr weiter und die jungen Männer warteten etwa weiter vorne auf mich, einer wollte auf mich los. Ich sah ihm in die Augen und sagte nur, «nein, vergiss es!» und fuhr weiter. Ich war ganz sicher, dass mir nichts passiert. Ich fühlte mich nicht mutig, ich tat einfach, was notwendig war. Punkt. Ich war empört, weil Passanten, sich nicht im Geringsten um die Situation kümmerten. Darum denke ich, Zivilcourage passiert oder sie passiert nicht. Wenn, dann handelt die Person nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch.

Ein Zeichen der Solidarität

E. M. aus Basel: Ich bin 70 Jahre alt, die Sache liegt 30 Jahre zurück. Die Aids-Welle war angerollt. Ich war freiwillig in einer kleinen Hilfsorganisation tätig. Eines Tages erhielt ich einen Anruf eines etwa 20-jährigen Schwulen, nennen wir ihn Marcel, den ich vom Sehen kannte. Nach längerem Hin und Her sagte er mir, dass er «sich das Virus geholt habe».

Marcel war Mitglied in der lokalen Jugendgruppe für Schwule. Ein guter Freund von mir sagte mir, in der Jugendgruppe stimme was nicht. Ich schwieg, denn ich wusste, «was nicht stimmte», nämlich der Fall Marcel. Unter dem brüchigsten Siegel, das es gibt, nämlich jenem der Verschwiegenheit, hatte sich Marcel einem Freund anvertraut. Die Kunde machte in Windeseile die Runde in der ganzen Szene. Seine früheren Freunde grüssten ihn nicht mehr oder wechselten die Strassenseite, wenn sie ihm begegneten.

In jener Zeit besuchte ich noch hin und wieder einen Schwulentreffpunkt in unserer Stadt. Wenn ich dort reinkam und Marcel mich sah, kam er sofort auf mich zu, umarmte und küsste mich. Was soll das?, dachte ich mir. Als sich das wiederholte, wurde mir bewusst, dass Marcel ein Zeichen der Solidarität brauchte. Und den Beweis, dass man sich durch Kuss oder eine Umarmung mit einem Infizierten nicht anstecken kann – und dass es Menschen gibt, die mit ihm solidarisch sind.

Ich traf dann im Laufe der Jahre noch viele Infizierte oder bereits Erkrankte, die eine Umarmung als Zeichen der Solidarität nötig hatten. Die Übertragungswege ware ja seinerzeit schon bekannt. Marcel verlor ich aus den Augen, ich weiss nicht, ob er noch lebt.

Mit dem Mute des Unwissenden

M. S. aus Luzern: Vor ein paar Jahren schlenderte ich nachmittags durch die Strassen von Buenos Aires, als vor mir ein älterer Mann zu straucheln schien. Ein jüngerer Mann hielt ihn fest und wollte ihn – wie ich meinte – stützen. Ich dachte an einen epileptischen Anfall des älteren Herrn, rannte sofort auf die beiden zu um zu helfen.

Als der jüngere Mann mich sah, rannte er davon. Ich staunte, griff dem älteren Mann unter die Arme und sah erst dann, dass seine Hose aufgeschnitten war. Das wenige Geld, das er auf sich trug fiel zu Boden. Erst da realisierte ich, dass der Mann überfallen wurde. Ich handelte buchstäblich mit dem Mute des Unwissenden und muss heute noch über meine Naivität schmunzeln. Natürlich bin ich auch dankbar, dass die Situation so glimpflich ausgegangen ist.

Eine Schlägerei nach der Polizeistunde

H. G. aus Buochs: Diese Geschichte ereignete sich vor circa 50 Jahren im Luzerner Hinterland, wo ich aufgewachsen bin. Ich war selber nicht dabei, erzähle also nur weiter, was ich gehört habe.

Nach der Polizeistunde gab es vor einen Restaurant eine Schlägerei. Ein als sehr brutal bekannter Schläger hat einen anderen Mann zusammengeschlagen und ihn sogar noch am Boden mit Fusstritten traktiert. Rundherum standen mehrere Personen, zum Teil recht starke Mannen. Keiner getraute sich, einzuschreiten. Da löste sich Peter Matter aus der Menge und sorgte sich um den am Boden liegenden und stakt blutenden Mann.

Warum ich das erzähle? Peter Matter war körperlich behindert! Ich habe sehr grosse Achtung vor diesem Menschen, der inzwischen gestorben ist.

Sexueller Missbrauch wird tabuisiert

L. S. aus Solothurn: Leider ist der sexuelle Missbrauch trotz intensiver Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit nach wie vor ein Tabuthema, die Betroffenen werden alleine gelassen. Grosse Selbstzweifel und ein unbeschreibliches Schamgefühl lassen die Betroffenen den Übergriff oft jahrelang verdrängen. In vielen Lebenssituationen wirkt sich der Missbrauch aus, doch durch das geringe Selbstwertgefühl und die Zweifel der eigenen Wahrnehmung werden alle Fehler weiter bei sich gesucht.

Ich bin selbst betroffen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Mein Erlebnis, mein Weg und meine Aus-und Weiterbildungen haben es möglich gemacht, dass es mir jetzt gut geht und ich Beratungen für Betroffene nach sexuellem Missbrauch anbieten kann. Es ist mir ein Anliegen zu helfen. Ich wünsche mir, dass Betroffene sich nicht länger verkriechen und das Geschehene verdrängen. Ich möchte Mut machen hinzuschauen, es lohnt sich. Jeder, der es möchte und sich auf den Weg macht, kann Heilung erleben! Wir alle verdienen Glück und Erfolg, wir alle verdienen Liebe!

Alle schauten einfach zu ...

F. M. aus Bern: Vor etwa 25 Jahren war ich mit meiner kleinen Tochter in der Stadt und bemerkte einen Kreis von Leuten. Neugierig schaute ich, was da los war. Ein Drogendealer verdrosch einen bereits blutenden Drögeler und schrie dabei immer wieder: «So geht es, wenn man nicht bezahlt!» Alle schauten einfach zu.

Ich ging zu den beiden und schrie dem Schläger ins Gesicht: «Wenn du ihn totschlägst, siehtst du dein Geld nie wieder!» Der war perplex, liess vom blutenden Mann ab und schaute mich an. Dies gab dem Geschlagenen die Möglichkeit abzuhauen. Ich drehte mich weg und ging.

Eingetragen hat es mir die Kritik der Umstehenden. Sie fanden, ich hätte unnötig meine kleine Tochter gefährdet. Interessant ist für mich: Ich hatte keinen Mut, ich konnte einfach nicht anders. In diesem Sinne ist es kein wirkliches Beispiel für Zivilcourage. Nicht ich handelte, es geschah mir einfach. Geblieben ist mir nur das Erstaunen über die Umstehenden, die in ihrer grossen Zahl den Schläger mit Leichtigkeit hätten überwältigen können.

Missstände in Alterszentren

V. Z. aus Zürich: Ich bin dipl. Pflegefachfrau in der Psychiatrie. Vor einigen Jahren arbeitete ich in einem Alterszentrum in Zürich. Während des Abenddienstes hat man die zum Teil dementen und die der Sprache nicht mächtigen Patienten zu Bett gebracht. Dann kam die Stationsleiterin und verriegelte die Zimmertüren von aussen mit dem Schlüssel, obwohl dies eine in sich geschlossene Pflegestation war. Später traf ich dieselbe Person, wiederum als Stationsleiterin, in einem schicken Altersheim an der Goldküste von Zürich. Sie wurde von derselben Pflegedienstleiterin wiederum eingestellt.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich in Basel in einem geriatrischen Spital mit Zertifizierung. Ein Pfleger hatte einen Patienten die ganze Nacht im Lehnstuhl mit einer Binde fixiert und eine unruhige Patientin während etwa einer Stunde auf dem Stuhl angebunden, wobei sie schrie.

Beide Vorkommnisse meldete ich persönlich auf dem Dienstweg der Stationsleitung, dann der Pflegedienstleitung, später der Direktion, dann der Behörde (ausser in Zürich). Ich hatte umgehend beide Aushilfsstellen verloren. Solche Menschen wie ich sind unbequem, wobei alles unter der Schweigepflicht verheimlicht wird. Das ist für die Patienten menschenverachtend und vor allem können sie sich nicht verbal äussern. Dazu kommt, dass sie keine Schmerzen äussern können und sich diese in Unruhe ausdrücken kann. Die Angehörigen bekommen von all dem nichts mit.

Zivilcourage bei Primarschülern

V.S. aus Owingen-Billafingen: Kurz vor Weihnachten hatte ich meine Grossnichte, die im Herbst eingeschult wurde, bei mir zu Besuch. Wir bastelten zusammen ein Geschenk für ihre Mama, die Unterhaltung war sehr vielseitig; unter anderem erkundigte ich mich: «Wie gefällt es dir denn in der Schule»? – «Schon sehr gut, nur die Pausen sind oft sehr anstrengend»!

«Warum denn das»? – «Wir haben einen Jungen in der Klasse, der schmeisst uns immer Sachen nach oder nimmt uns den Ball weg, das macht mir Stress.»

«Das verstehe ich, aber wie wäre es denn, wenn du den Jungen fragen würdest, warum er das macht, vielleicht hat er Ärger zuhause oder sonst irgendein Problem. Versuche doch mal, ganz normal mit ihm zu sprechen.» – «Ja schon, aber das kann ich nicht tun. Weisst du, wie schnell ich dann ganz alleine auf dem Pausenhof stehe?»

Mir blieb die Spucke weg, wollte gerade eine Antwort zurechtbröseln, da sagte dieses Kind zu mir: «Weisst du, was mir fehlt? Mir fehlt Zivilcourage!» Ich war kurz sprachlos: «Meine Liebe, weisst du, was das ist?» – «Ja. Das ist, wenn man den Mut hat, das zu tun, was eigentlich getan werden sollte.»