Zu lang und bürokratisch – Kritik am Lehrplan 21

Der Lehrplan 21 ist ein eidgenössisches Mammutwerk: 90 Fachleute haben an 550 Seiten gearbeitet. Dazu sind umfangreiche Stellungnahmen in der Vernehmlassung eingegangen. Kritik gibt es von vielen Seiten. Trotzdem ist der Lehrplan 21 in der öffentlichen Debatte kaum Thema.

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Bildlegende: Gleiche Klassen-Ziele von Chur bis Basel: Der Lehrplan 21 soll die Volksschule in der Deutschschweiz harmonisieren. Keystone

Der Lehrplan 21 ist nicht als Lehrplan für das 21. Jahrhundert gedacht. Lehrpläne gelten nach 20 Jahren als überholt. Es geht also um weniger, aber trotzdem um viel: Erstmals sollen alle 21 Kantone der Deutschschweiz eine gemeinsame, einheitliche und verbindliche Grundlage für den Unterricht in der Volksschule bekommen. Was Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zum neunten obligatorischen Schuljahr in jedem Fach lernen sollen, ist nun im Detail festgehalten.

Sexualaufklärung und Medienkunde

Vieles gilt es dabei zu verhandeln: Der Lehrplan soll die bisherigen kantonalen Lehrpläne harmonisieren. Er soll den Auftrag, den die Schule vom Staat bekommt, grundsätzlich klären, und er soll all die zusätzlichen Anliegen, die verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen und politischen Parteien ins Klassenzimmer tragen wollen, berücksichtigen: Verkehrserziehung, Sexualaufklärung und Medienkunde sollen ebenso auf dem Programm stehen wie das Bewusstsein in Sachen Nachhaltigkeit. Gleichberechtigung und Menschenrechte sollen gefördert werden. Das heisst, die Ansprüche sind hoch und vielfältig. Da wartet ein Mammutprojekt an eidgenössischer Konsensfindung auf seine Vollendung.

Korrigierender Rotstift

Gegenwärtig befindet sich der Lehrplan 21 noch in der Schublade. Zum Dossier gehören auch 1200 Seiten an Reaktionen, die in der Vernehmlassung Ende 2013 eingetroffen sind. Die Fachleute machen sich jetzt daran, die Kritik zu analysieren. Bis Ende Jahr soll der Lehrplan überarbeitet sein. Dann werde er den Kantonen übergeben, sagt Kathrin Schmocker vom Projektleitungsteam der Konferenz der Erziehungsdirektoren der Deutschschweiz (EDK-D). Diese hat den Auftrag, einen Lehrplan für die deutsche Sprachregion erarbeiten zu lassen. Absehbar ist, dass der Rotstift zum Zug kommen wird. Kathrin Schmocker räumt ein, dass eine Kritik besonders häufig vertreten ist: Der Lehrplan sei zu umfangreich.

Kompetenzen statt inhaltlicher Ziele

Lehrerinnen und Lehrer bringen an, sie würden durch die detaillierten Vorgaben beim Unterrichten eingeengt. Sie sehen die Methodenfreiheit in Gefahr. Der Lehrplan gibt weniger inhaltliche Ziele vor, als er Kompetenzen auflistet, die Lehrkräfte vermitteln sollen. Danach reicht es nicht, dass ein Jugendlicher nach neun Schuljahren die Schlagzeilen in «20 Minuten», einen Handyvertrag, und eine Gebrauchsanweisung für ein Haushaltgerät lesen und verstehen kann. Vielmehr soll er in der Lage sein, beim Lesen seine «ästhetisch-literarische Leseerfahrung» zu «reflektieren» und bei Problemen seine «Lesestrategie anpassen» zu können. Dieser pädagogikwissenschaftliche Jargon wird von Seiten der Politik bereits angegriffen. So lehnt die Baselbieter Regierung den Lehrplan ab: Er sei zu abstrakt abgefasst und überladen.

Weniger wäre mehr

Kritik gibt es auch aus den eigenen Reihen der Erziehungswissenschaften. Ein Lehrplan sei kein Didaktik-Buch und auch kein Leistungskontrollinstrument für die PISA-Studie, wendet etwa der Lehrplanforscher und emeritierte Pädagogikprofessor Rudolf Künzli ein. Moderne Lehrpläne sollten lediglich einen Rahmen abstecken, der zuvor gesellschaftlich und politisch ausgehandelt worden ist. Alles Weitere sei eine Sache der fundierten Ausbildung der Lehrkräfte und eine Frage, wie Lehrmittel gestaltet würden. Was jetzt vorliege, sei ein Kuddelmuddel, das nicht auf dem neusten professionellen Stand sei. Ausserdem sei es mit der Harmonisierung noch nicht so weit her. Es leuchte nicht ein, warum ein Schüler im Kanton St. Gallen viel mehr Stunden in der Schule verbringen soll als eine Schülerin im Kanton Solothurn. Da müsste der Lehrplan wenigstens eine einheitliche Stundentafel vorgeben.

Der akademische Jargon könnte zum Problem werden

Auch wenn das Papier einst schlanker daherkommen wird, könnte der akademisch-bürokratische Jargon, in dem es abgefasst ist, zum Problem werden. Er bietet sich für hemdsärmelige Politiker als Spielball an. Die Harmonisierung im Schweizer Schulwesen könnte gebodigt werden mit dem Verweis auf eine geistige Elite, die nicht in der Lage sei, sich verständlich zu machen. Die SVP greift den neuen Lehrplan denn auch bereits an. Sie strebt an, dass die Kantonsparlamente einzeln darüber abstimmen können. Und sie fasst sogar eine Initiative für eine Eidgenössische Abstimmung ins Auge. Ein demokratiepolitischer Testfall ist damit vorprogrammiert, schliesslich haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger 2006 dem Bund die Kompetenz erteilt, einen einheitlichen Lehrplan für die Deutschschweiz vorzugeben.

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