Zündeln, bis es brennt: die Macht der Extremisten

Ahmed Rashid ist Pakistans berühmtester Journalist. Auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin stellte sich der in Lahore lebende politische Korrespondent der Diskussion über den Krieg gegen den Terrorismus. Er sprach auch über den Extremismus in der Region und die Wahlen in Afghanistan.

Ahmed Rashid in seinem Arbeitszimmer, das Buch "Taliban - Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia" in den Händen haltend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ahmed Rashid mit seinem New York Times-Bestseller aus dem Jahr 2001. Reuters

Ein politisiertes Literaturfestival und eine Veranstaltung, die sich mit dem Verhältnis zwischen Afghanistan und dem Westen befasst? Brauchen die Deutschen nach zwölf Jahren militärischem Einsatz im Land Aufklärung darüber, wie die Afghanen über den Westen und speziell über die Deutschen denken? «Ja», so Festivalleiter und Literaturexperte Ulrich Schreiber. «Ich schätze die Differenziertheit, mit der Rashid Afghanistan und auch Pakistan durchbuchstabiert.»

Pakistan ist für die Zukunft Afghanistans entscheidend

Jenseits der pakistankritischen bis -feindlichen Berichterstattung gibt es niemanden, der seit mehr als 30 Jahren derart glaubhaft gegen den Zerfall der Gesellschaft in seiner Heimat anschreibt wie Ahmed Rashid. Daher waren Syrien und der Einsatz chemischer Waffen ein Schock für ihn. «Das Thema Syrien hält die Welt in Atem und das beunruhigt mich. Wer weiß jetzt noch, worauf in Zukunft der internationale Fokus liegt, auf Afghanistan und Pakistan oder Syrien und Ägypten?»

Ahmed Rashid zufolge habe der Westen die Dimension des Konfliktes nicht früh genug erkannt. Daher müssten sich allen voran die USA dringend für einen Waffenstillstand und politische Verhandlungen mit den Konfliktparteien einsetzen. So schwer es auch falle, mit Taliban zu verhandeln – und ob diese nun zu den «guten» oder «schlechten» gezählt werden –, es ist heute die Linie deutscher Top-Diplomaten, die sich von Ahmed Rashid beraten lassen. Für den 65-Jährigen Rashid liegt das Problem in Pakistan bei den Taliban: «Mit diesen radikalen Splittergruppen kann weder ich noch irgendein paschtunischer Politiker aus Afghanistan reden, da sie von al-Kaida infiltriert sind.»

An der Schwelle zum Krieg

Das Bild, das Rashid über Pakistan und den wachsenden Sektenradikalismus im Land zeichnet, ist deprimierend. Das einstige «Religionskaleidoskop» Pakistan werde heute als internationales Trainingscamp für internationale Dschihadisten missbraucht. Die neue Regierung unter Nawaz Sharif kämpfe gleich gegen drei Aufstände: radikale Taliban im Nordwesten, säkulare Separatisten in Belutschistan und Extremisten aller Couleur in der Hafenmetropole Karatchi – im Gegensatz zu Afghanistan, wo es allein um den Machtkampf Regierung gegen Taliban gehe. «Bislang hat keine pakistanische Regierung die Gewalt in den Griff bekommen», so Ahmed Rashid.

Folgt man der düsteren Bilanz, könnte das Land in Anarchie und Chaos versinken. Der pakistanische Geheimdienst treibe ein doppeltes Spiel und unterstütze insgeheim die Extremisten. Nicht auszudenken, so der politische Korrespondent, wenn diese in den Besitz von Atom- und der vielen chemischen Waffen im Land kämen. Dieser Gefahr müsse die Politik endlich Rechnung tragen. 2002 habe man an der Schwelle zu einem Krieg mit dem Erzfeind Indien gestanden, nachdem radikale Islamisten im indischen Parlament Attentate verübt hatten. «Das ist die Macht der Extremisten und die reale Gefahr, der unser Teil der Welt ausgesetzt ist.»

In Afghanistan sind ähnlich destruktive Kräfte am Werk

Auch die Lage in Afghanistan ist vor dem geplanten Truppenabzug angespannt. Im April finden Präsidentschaftswahlen statt – die ersten ohne Hamid Karsai. Ahmed Rashid ist skeptisch, dass es freie und faire Wahlen geben wird: «Ich erwarte Sabotageakte der Taliban. Hamid Karsai wird sein Heil in einem Kandidaten suchen, der ihm und seiner Sippe Sicherheit im Land garantiert.» Hinzu komme das Problem der Land- und Warlords, der Drogen- und Waffen-Mafia, die eigene Kandidaten aufstellen wollen. Die Nachbarstaaten würden das geschundene Land nicht unterstützen, sondern aus eigenstrategischen Machtinteressen destabilisieren.

Und das sind neben der Gefahr steigender Arbeitslosigkeit nach Abzug der internationalen Streitkräfte die Probleme der Afghanen. Entscheidend wird sein, wie viele westliche Soldaten im Land verbleiben und ob der Westen an weitere wirtschaftliche Aufbauhilfe Bedingungen knüpfen wird, etwa die einer demokratisch legitimierten neuen Regierung. Die Afghanen warten auf Fakten und Zahlen, aber auch die Taliban.