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Porträt des dänischen Pädagogen Jesper Juul.
Legende: Er schrieb Bücher über «kompetente Kinder»: Jesper Juul. imago images / Ritzau Scanpix
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Zum Tod von Jesper Juul Der Familienflüsterer

Er führte Tausende Eltern durch den Familienalltag. Jesper Juul ist im Alter von 71 Jahren gestorben.

Er gilt als Familienflüsterer. Als Guru der Gelassenheit. Als Sokrates unter den Pädagogen. So wird er auch in Erinnerung bleiben: Jesper Juul.

Wegweiser durch Familienalltag

Man glaubte es kaum, wenn man ihn sah. Er wirkte wie ein Vorortbeizer; unförmig, angegraut und rauchte Kette. Und doch war der Däne für Tausende von modernen Eltern eine Lichtgestalt ist, ein Wegweiser durch den Familienalltag, ein Leuchtturm, ein Leitwolf.

Sendehinweis

Anlässlich des Todes wiederholen wir eine Sendung von Cornelia Kazis aus dem Jahr 2016: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 18 Uhr.

Juul war ein Liebhaber von Umwegen. Die ist er auch selber gegangen. Studiert hat er erst, als ihm das Jobben als Schiffsjunge, Betonarbeiter und Barkeeper zu blöd wurde. Dann entschied er sich für Religion und Geschichte. Noch immer nicht das, was ihn später zum Sokrates der Pädagogen machen sollte.

Vom Schiffsjungen zum Familienflüsterer

Auf den Geschmack seiner späteren beruflichen Passion kam er wohl, als er in einem Heim für schwere Jungs arbeitete. Dort kam er an seine Grenzen. Konfrontiert mit riesigen Wissenslücken, studierte er weiter und wurde zum Familientherapeuten.

Dabei verlor sich der Erfinder der Gleichwürdigkeit nie ausschliesslich im Privaten und Intimen. Immer schon hatte Jesper Juul einen scharfen sozialkritischen Blick.

Grosse Aha-Erlebnisse

Für den engagierten Dänen ist Schwerarbeit die Norm. Lange Zeit arbeitete er jedes Jahr drei Monate lang in Kroatien. Dort half er Flüchtlingsfamilien und Kriegsveteranen seelisch auf die Beine. 2004 gründete er das «Family Lab International», ein länderumspannendes Erziehungsberatungsnetz.

Die «Family Lab Schweiz» Chefin, Caroline Märki, sagt über Juul: « Man kann alle seine Bücher intus haben, aber wenn man ihn im Gespräch über Kinder und Eltern erlebt, hat man immer wieder grosse Aha-Erlebnisse.»

Bücher über Bücher

Jesper Juul war auch ein Vielschreiber. In sieben Jahren sind von dem Dänen 16 Bücher auf Deutsch erschienen. In allen ist viel zu lesen über elterliche Echtheit und kindliche Kompetenz, über persönliche Autorität und das «Nein aus Liebe», über Kooperation und Integrität, über Führung und Gleichwürdigkeit. Ein Begriff, der zu Denken gibt und weiter reicht als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit.

Verstummt, hatte aber viel zu sagen

Vor einigen Jahren warJesper Juul erlahmt und verstummt. Eine schwere Krankeit und ein chirurigischer Missgriff hatten ihn zum «Disabled» gemacht, zum Behinderten. Sprechen konnte er nicht mehr. Aber zu sagen hat er immer noch viel. Via E-Mail bot er Konsultationen an und brachte das Buch heraus: «Leitwölfe sein,- liebevolle Führung in der Familie».

Darin forderte er, dass Eltern ihre Verantwortung als Vorbilder und Leitfiguren sehr bewusst wahrnehmen sollten. Eine Abkehr vom Alltag auf Augenhöhe mit den Kindern? Der Tausendsassa unter den Pädagogen kontert: «Führung muss durchwoben sein von Empathie, Einsicht, Mut und dem Wunsch, viel von denen zu lernen, die man führt.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 26.07.2019, 16:30 Uhr

6 Kommentare

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  • Kommentar von Heinz Hugentobler  (hevrins)
    Der in meiner heutigen Tageszeitung erschienene Nachruf hat mich tief beeindruckt. Ach, wie wahr beschrieben waren die Erziehungsmethoden damals! Viele Wahrheiten lagen drin, die ich eins zu eins übernehmen kann, auf meine Kindheitszeiten bezogen, kurz nach dem 2. Weltkrieg, allerdings unter sehr prekären Lebensverhältnissen. Vieles hat sich inzwischen geändert, können aber nicht vergessen werden. Ruhen Sie in Frieden, Ihre Bücher leben noch.
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  • Kommentar von Reto Meisser  (Reto Meisser)
    habe ein Buch von ihnen gelesen.
    Es zeigt auf, dass man täglich noch viel viel lernen kann.
    Auch habe ich sie im Internet verfolgt.
    Danke ihnen für alles.
    RIF.
    Mfg.
    Reto
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  • Kommentar von Wolfgang Nivard Wolfsgruber  (Nivi)
    Jesper Juul konnte sich hervorragend in Wort und Schrift mitteilen! Entspannt und völlig unmoralisch fand er Lösungen zu Konflikten zwischen Eltern- und Lehrerschaft mit Kindern. Er konnte durch Kinderaugen/Seelen sehen und damit war er ein absoluter Ausnahme-Pädagoge! Seine Bücher sind allen Eltern und Lehrpersonen wärmstens zu empfehlen. Wer dafür keine Zeit hat, möge sich doch mindestens auf Youtube einige seiner Videos anschauen. Kinder sind Persönlichkeiten u als solches wahr zu nehmen!
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    1. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      "Entspannt und völlig unmoralisch" ja Herr Wolfsgruber, schön gesagt ... Die wenigen Interviews, die ich bisher gehört habe und auch den Beitrag von und mit Frau Kazis bringen allein schön durchs Zuhören etwas Ruhe ins System ... wohltuend auch, dass einander Zeitlassen und -geben, das nimmt das Tempo für so manche Eltern mit ihren Kindern, ihren Jugenllichen ganz einfach raus .... Das Schöne dabei ist auch für eine Elder wie mich, es ist immer aktuell....Diesem Menschen Juul schön waren Sie da.
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