Zwei Generationen, ein Kampf: Anja Conzett und Ueli Mäder

Das Schaffen des Soziologen Ueli Mäder dreht sich um Armut, Reichtum, Macht und Ohnmacht. Themen, die auch der jungen Journalistin und angehenden Soziologin Anja Conzett, die auf Schweizer Baustellen zu Lohndumping forschte, ein Anliegen sind.

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Bildlegende: Ein kritischer Geist verlässt das universitäre Terrain: Ueli Mäder. Keystone

Er tritt von der Bühne ab, sie hat ihre ersten Schritte hinter sich: Ueli Mäder, vor kurzem in den Ruhestand getreten, ist ein bekannter Soziologe der Universität Basel. Anja Conzett ist angehene Soziologin, Journalistin und hat ein Buch über Lohndumping auf Schweizer Baustellen geschrieben. Gemeinsam ist ihnen eines: das Faible für heikle Themen.

Arme Menschen in der Schweiz?

1991 wurde Ueli Mäder vor den Basler Regierungsrat zitiert, als seine soziologische Studie über die schweizerischen «working poor» an die Öffentlichkeit gelangte. Er habe ja Recht, rügte ihn der damalige Erziehungsdirektor, aber er solle doch um Gottes Willen nicht die ganze Welt wissen lassen, dass es in der reichen Schweiz Menschen gäbe, die 100 Prozent arbeiten und davon nicht leben können.

Doch das Buch war auf dem Markt und prompt nahmen ZDF und ARD den Ball genüsslich auf, resümiert Ueli Mäder. Er hat es an der Universität Basel bis zum Dekan geschafft hat, obwohl er sich als Mitgründer der POCH, als Militärdienstverweigerer und 68er bis heute klar politisch links positioniert hat.

Ein früher Sinn für Gerechtigkeit

Als die Studie über die «working poor» erschien, war Anja Conzett gerade drei Jahre alt. Das Buch sei ihr trotzdem ein Begriff geworden, erzählt sie. Ihre Mutter hätte es gelesen und immer wieder darauf referenziert. Der Gerechtigkeit als Thema bleibt die Tochter treu. Vorerst journalistisch: Milieustudien und Reportagen sind ihr Markenzeichen, dafür hat sie letztes Jahr vom Kanton Graubünden den Kulturförderpreis erhalten.

Sie wolle wissen, wie Menschen leben, was sie denken, was sie tun. In letzter Zeit hat sie das vor allem auf Baustellen zu ergründen versucht. Ihre Beobachtungen hat sie in der Zeitschrift «Hochparterre» veröffentlicht und vor allem in ihrem frisch erschienen Buch über «Lohndumping».

Anja Conzett im Porträt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hat die Schweizer Baustelle zum Untersuchungsgegenstand gemacht: Anja Conzett. Rotpunktverlag

Auf der Baustelle zur Stelle

Dafür ist sie in Baubaracken gesessen, hat mit Polier und Gipser Feierabendgespräche geführt, hat schwarz beschäftigte Polen besucht, Gewerkschaftsfunktionäre und Arbeitsinspektoren auf Baustellenkontrollen begleitet, mit Unternehmern und Patrons über die «Wildwestmethoden» auf Baustellen und den Grenzen ihrer Macht gesprochen.

Herausgekommen ist eine hervorragend geschriebene, facetten- und faktenreiche journalistische Feldstudie: Panoptikum einer schweizerischen Grauzone, die es so eigentlich nicht geben dürfte. Warum es sie trotzdem gibt? Ausgerechnet bei dieser Frage wurde ihr die Antwort verweigert: vom Amt für Arbeit in Zürich, dass solche Misstände eigentlich verhindern sollte.

Macht und Ohnmacht, Reich und Arm: Sie bleibe dem Thema jedenfalls treu, meint die junge Autorin, die im Frühling mit einem zweiten Studium beginnt. Soziologie – mit Ueli Mäder als Vorbild.

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