Zum Inhalt springen
Inhalt

Zweisprachigkeit im Dialekt Wie Sven Epiney zum Mundart-Switcher wurde

Legende: Video 3 Fragen an Sven Epiney zu seinen zwei Dialekten abspielen. Laufzeit 01:09 Minuten.
Aus Radio SRF 1 vom 09.08.2018.

«Das isch dä Sven und dä redt e biz angersch», sagt die Berner Lehrerin. Doch Schulbub Sven aus dem Wallis will nicht «anders» sein – und wird zum «Mundart-Switcher».

Es geht schnell. Nach ungefähr zwei Monaten spricht Erstklässler Sven Epiney auf dem Pausenplatz «Bärndütsch» und zuhause «Wallisertitsch». Er passt sich seiner neuen Umgebung an, aber behält gleichzeitig die Sprache seiner Eltern.

«Mundart-Switcher» sind Menschen, die zwei oder mehr Dialekte sprechen. Sie hüpfen zwischen diesen Dialekten hin und her, können sie gut auseinanderhalten und vermischen sie nicht.

Sie «switchen» bewusst und wissen immer, in welchem Dialekt sie gerade sind. So wie wir auch merken, wenn wir zwischen Dialekt und Hochdeutsch wechseln.

Sven Epineys «innerer Schalter»

Je nach Gesprächspartner oder Konstellation passen die «Switcher» ihren Dialekt an. «Wenn ich mit Wallisern zusammen bin, wäre es für mich komisch, Berndeutsch zu sprechen. Als Kind habe ich mit Mama und Papa Wallisertitsch gesprochen», sagt Sven Epiney.

Bei allen Nicht-Wallisern, seinen Schulkollegen zum Beispiel, sei Berndeutsch die richtige Sprache gewesen.

«Als ich beim Fernsehen angefangen habe, hat mein Walliser Grosi natürlich zugeschaut. Später fragte sie mich, warum man mich synchronisiert hätte», erinnert sich der Moderator. «Klar – sie hatte mich bis dahin noch nie Berndeutsch sprechen gehört.»

«Switcher» passen sich an

Eigentlich gibt es keinen zwingenden Grund zum «Switchen». In der deutschsprachigen Schweiz verstehen die meisten Leute alle Dialekte ziemlich gut.

Es geht in der Sprache aber nicht nur um Verständigung, sondern auch um das Bedürfnis, einer Gruppe ähnlich zu sein – die gleiche Sprache zu sprechen.

Gerade Kinder wollen dazugehören. Und so kommt es, dass sie daheim die «Familiensprache» sprechen und in der Schule die Sprache ihrer «Gspänli».

Abgeschliffenes Berndeutsch

«Walliserdeutsch spreche ich nur mit Wallisern», sagt Sven Epiney. Deshalb töne es noch ziemlich echt. «Echter als bei meiner Mutter, die heute in Bern lebt und mit allen Walliserdeutsch spricht. Bei ihr sind viele Einflüsse dazu gekommen.»

Bei Epiney hingegen ist es das Berndeutsch, das sich mit der Zeit abgeschliffen hat. Schuld daran ist sein Wohnort: Zürich. «Meine Berner Kollegen korrigieren mich jeweils, wenn ich ‹ich› sage, statt ‹ig›. Oder ‹Grüezi› statt ‹Grüessech›.»

Beim Walliserdeutsch passiere ihm das nicht. Er werde selbstverständlich obschi, nidschi, ambrüff und ambrii sagen, so Epiney. «Ich brauche auch gerne urchige, alte Begriffe. Schöne Wörter wie a Pfiffoltra, das ist ein Schmetterling.»

Keine Studien zum «Mundart-Switchen»

Ausführliche Untersuchungen zum spannenden Thema «Mundart-Switchen» fehlen in der Wissenschaft. In der Dialektologie gebe es die Tradition, sich mit Menschen zu beschäftigen, die ihr Leben an einem Ort bleiben, wie schon ihre Eltern und Grosseltern, sagt die Dialektologin Helen Christen. Dafür habe man sich bisher interessiert, für die Sprache der Sesshaften.

Wechseln, anpassen und bewahren

Wenn man sich im Dialekt-Alltag mal genauer umhört, kann man grob drei Gruppen unterscheiden: Die «Mundart-Switcher», wie Sven Epiney, die «Anpasser» und die «Bewahrer».

Die «Anpasser» nehmen in einer neuen Umgebung das eine oder andere auf, verändern und modifizieren ihren Ursprungsdialekt mit der Zeit. Zu dieser Gruppe zählen wahrscheinlich die meisten Menschen, die in der Schweiz in verschiedenen Dialekt-Regionen leben.

Die «Bewahrer» sind Menschen, die ihren Dialekt im Laufe des Lebens kaum verändern.

Zu kompliziert?

Die Zweisprachigkeit im Dialekt kann man durchaus vergleichen mit der «klassischen» Zweisprachigkeit. Auch wenn der Unterschied beim Switchen zwischen zwei Dialekten natürlich kleiner ist, als zum Beispiel beim Wechseln vom Deutschen ins Französische.

Vom interessanten Phänomen «Mundart-Switchen» haben die Sprachwissenschaftler bisher die Finger gelassen, weil es sehr kompliziert sei, dieses immer häufigere sprachliche Verhalten in den Griff zu bekommen, ergänzt Dialektologin Helen Christen. Eigentlich schade.

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.