Das gestylte Schreckensbild des Francis Bacon

Als er am 28. April 1992 stirbt, hinterlässt er ein Oeuvre, das ist vor allem eines: ein Abgrund. Zertrümmerte menschliche Gestalten, unmenschlich gepeinigt. Verstörend, abstossend, faszinierend. Erstaunlich, was man zu welcher Zeit in seinem Werk sah und was man bewusst ausklammerte.

Doppeltes Selbstportrait in Öl Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Francis Bacon, der Schmerzensreiche: Studien für ein Selbstporträt, 1970. Keystone

  • Bacons Bilder sind der existentielle Schrei unmenschlicher Gewalt, die Menschen Menschen antun.
  • Bacon ist von Gewalt besessen, in vielerlei Hinsicht.
  • Er ist der Sonnenkönig menschlicher Finsternis.

Bacon fordert – heraus

Francis Bacon, Autodidakt und Selbstinszenierer. Gemalte Gewalt in süsslichen Goldrahmen. Inferno als Interieur. Bacon: schrill, schwul, schwülstig. Teuer. Säuft Champagner, literweise, lamentiert, spielt und wird von einem Lover aus dem Fenster geschmissen. Menschliche Abgründe sind sein Faszinosum. Da kennt er sich aus. Spannend, wieviel im Lauf der Zeit unternommen wird, um an Bacons eigenen Abgründen vorbeizuschauen. Hier eine Auswahl aus 50 Jahren Berichterstattung. Und am Schluss: ein dreifacher Blick auf Bacon heute.

    • 1.
      Was fürchtet Francis Bacon? (Ausschnitt aus der Doku von 1967)
      Eine Doku des NDR von 1967. Eine kurze Einführung in Bacons Schreckenskosmos, dann ein Schnitt auf eine Männerhand, Zigarette, Whiskeyglas im Bild, die Hand ruht auf einer Schulter, auf Bacons. «Wir treffen ihn bei einer Zecherei mit Freunden.» Das ist eine diplomatische Chiffre. Die Freunde sind Bacons «Circle», eine Entourage aus Liebhabern, Fotografen, einen hat Bacon bereits als seinen Biografen auserkoren. Ein Kreis von Männern, geschart um den Sonnenkönig der Finsternis. Die Kamera bemüht sich, nichts von ihnen zu zeigen, aufschlussreich, wie sehr hier Kommentar und Bild auseinanderlaufen. Wenn die Kamera an Bacons Wand vorbeistreift, an die er Zeitungsausschnitte, Fotos hängte und hinterher als Sujet verwendete, dann hört der Schwenk auf, bevor der eigentliche Knaller erscheint. An dem hätte man zumindest Teile des Baconschen Kosmos erklären können. Der Knaller kommt später, als «Zwischenschnitt», 20 Frames lang, also weniger als eine Sekunde, kaum sichtbar: Goebbels. Der Reichspropagandaminister in voller Fahrt. Ausgeklammert, was der da an der Wand macht. Wird nicht thematisiert. Dabei ist Nazideutschland ein Dreh- und Angelpunkt für Bacons Sicht auf die Welt. Keine Nachfrage, nichts. Ein filmisches Portrait, das vieles zeigt, indem die Kamera wegschaut. Grossartig, wie das Fernsehteam dem Künstler auf den Leim geht und gerade dadurch nahe kommt.
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      Was fürchtet Francis Bacon? (3.5.1967, Ausschnitt 1)

      1:25 min, vom 21.4.2016
    • 2.
      Was fürchtet Francis Bacon? (Ausschnitt 2 aus der Doku von 1967)
      «Nada!» Nichts habe er erreicht. Damit beginnt der Ausschnitt. Mit der Sinnlosigkeit von Schaffen und Existenz. Bacon, sturzbesoffen, lamentiert, brilliert, narzistisch übersteuerte Selbstinszenierung, selbstvergessen und vermessen, spricht sich französisch durch das Interview und beginnt im Taumel sich zu drehen und zwingt die Kamera, die folgen MUSS, will sie ihn denn haben, in einen Kreisel. Dieser Ausschnitt ist nicht nur die schönste Metapher, sondern zeigt zugleich präzise einen Mechanismus von Bacons PR: Bacon zeigt der Kunstkritik die kalte Schulter und erzwingt zugleich deren volle Beachtung. Er wolle sich eh umbringen, sagt er, aufhängen oder sich die Gurgel durchschneiden. Er lacht und dreht sich weiter. Das Lachen zur Fratze verzerrt, die der Fratze des so oft gemalten Schmerzensschreis zum Verwechseln ähnelt. Warum er sich noch nicht umgebracht habe? «Weil ich das Leben liebe.» Im Hintergrund: Bilder an der Atelierwand und die ganze Entourage von Verehrern.
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      Was fürchtet Francis Bacon? (3.5.1967, Ausschnitt 2)

      1:51 min, vom 21.4.2016
    • 3.
      Interview Francis Bacon 1975
      Arrogant, selbstverliebt, tragisch. Wie er mit Kritikern umgehe, die seine Kunst hassen? «Na ja, sie sind hilfreich, ein Werk zu überdenken, aber ich nehme nicht zu viel Notiz von ihnen.» Bacon entscheidet, wer wichtig ist und wer nicht. Warum er so viele Selbstportraits male? «Weil meine Freunde um mich herum sterben.» Was so sentenzenhaft daherkommt, ist tragisch. Zwei seiner Freunde hat er kurz vorher verloren, einen durch Selbstmord, einen durch eine Überdosis. Dass er schwul ist, wird mit keinem Wort erwähnt. Das waren nicht irgendwelche «Freunde», das waren Lebenspartner.
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      Interview Francis Bacon (Tagesschau, 6.5.1975)

      1:30 min, vom 21.4.2016
    • 4.
      Zum Tod von Francis Bacon 1992
      Der Beitrag der BBC wurde am Todestag von «10vor10» übernommen. Den muss man im Original hören. Ein staatstragender Kommentar über Bacons schrilles Leben. Erst mit 30 habe er mit der Malerei begonnen. Er sei, als er stirbt, einer der teuersten Maler. Seine Bilder würden Hoffnungslosigkeit zeigen, im Original heisst es: «Mankind without hope.» Zum ersten Mal wird seine Berliner Zeit erwähnt, als Teenager sei er nach Berlin gereist und habe dort Nazideutschland erlebt. Diese Bilder hätten sich eingebrannt für den Rest seines Lebens und seine Weltsicht mitgeprägt. Sein Lifestyle sei so «unkonventionell» wie sein Werk gewesen. Er habe von morgens bis abends gemalt, Champagner getrunken und sei ins Casino gegangen. Die Kunstwelt habe er ignoriert. Auch hier wird Vieles ausgeblendet.
      Video «Zum Tod von Francis Bacon (10vor10, 28.4.1992)» abspielen

      Zum Tod von Francis Bacon (10vor10, 28.4.1992)

      1:34 min, vom 21.4.2016
    • 5.
      Bacon-Ausstellung in Lugano 1993
      Ein Ausstellungsbericht, der biografische Eckdaten liefert und zum ersten Mal, wenn auch am Rande, Bacons vielschichtige Affinität zur Gewalt erwähnt sowie seine Homosexualität.
      Video «Bacon-Ausstellung in Lugano (Tagesschau, 4.3.1993)» abspielen

      Bacon-Ausstellung in Lugano (Tagesschau, 4.3.1993)

      2:04 min, vom 21.4.2016
    • 6.
      Tanztheater «Bacon» 1994
      Der Bericht über das Tanztheater «Bacon» beim damaligen Tanzfestival «STEPS». Darüber, was Menschen Menschen Unmenschliches antun können. Im Vordergrund steht die Choreographie Johann Kresniks, dessen kongeniale Umsetzung von Bacons Bildern in Bewegung. Kresniks choreographische Bildgewalt trifft auf die von Bacon. Eine brachiale Begegnung. Wenn es eine Übermaltechnik gibt, dann ist Kresniks Choreographie eine Übertanztechnik. Der Beitrag zeigt das in einer hinreissenden Überblendung. Kresnik kommt der gewaltigen Welt Bacons nah. Wenn sein Protagonist, getanzt von Ismael Ivo, von der Decke hängt, dann hat er den Himmel als Abgrund unter sich, wie Celan das einmal nannte. Kresnik findet Bilder, die Bacons Weltsicht und Schmerz physisch erfahrbar machen. Bilder dafür, was Menschen Menschen antun und wie wenig sie sich selbst entgehen können. Keiner kann aus seiner Haut. Auch das zeigt Kresnik. Gross.
      Video «Tanztheater «Bacon» (Tagesschau, 5.5.1994)» abspielen

      Tanztheater «Bacon» (Tagesschau, 5.5.1994)

      1:40 min, vom 21.4.2016
    • 7.
      Francis Bacon und seine Vorbilder in der Fondation Beyeler 2004
      Francis Bacon im Kreise seiner Vorbilder Velasques, Giacometti, Picasso. Alte Meister und der neue Meister des Schreckens. Kunsthistorischer Zugang, dem Ausstellungskonzept folgend. Die Parallelen werden schön gezeigt, eine zeitgeschichtliche Einordnung wird so wenig gegeben wie Einblicke in die Person Bacon geboten.
      Video «Francis Bacon und seine Vorbilder (Tagesschau, 7.2.2004)» abspielen

      Francis Bacon und seine Vorbilder (Tagesschau, 7.2.2004)

      1:10 min, vom 21.4.2016

Ein dreifacher Blick auf's Heute:

Bacon als Performance

Bacon kommt am 1. Mai 2016 im Theater Bern szenisch heraus, realisiert von Overhead Project. Das ist das Akrobaten- und Choreografenduo Tim Behren und Florian Patschovsky, das seit 2008 Stücke an der Grenze von zeitgenössischem Tanz, Zirkus und Performance entwickelt. Die beiden interessieren, wie sie im Interview sagen, die «gewaltvollen Bilder, die die Wirklichkeit abbilden, das Tier im Menschen, die inneren Abgründe. Bacons Hang zum Finsteren schreit nach Bewegung, abwärts.» Da scheine die aktuelle Weltlage immer durch, obwohl sie «die aktuelle Politik nicht ins Visier nehmen. Aber Bacon funktioniert als Projektionsfläche, die Leute sehen rein.»

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Tobia Bezzola

Schweizer Kunsthistoriker, ehemaliger Kurator am Kunsthaus Zürich. Gilt als Nonkonfirmist, erweitert den klassischen Ausstellungskanon um unkonventionelle Themen. Heute Direktor des Museum Folkwang in Essen. Sein erstes Amtsjahr war das erfolgreichste des Essener Museums.

Aktuelle Einschätzung

Für Tobia Bezzola, Direktor des Museum Folkwang in Essen, ist Bacon heute eine Figur extremer Widersprüche. «Vom Standpunkt westlicher Kunstproduktion aus gesehen, ist sein Einfluss auf jüngere Künstler kaum zu übersehen wie etwa auf Cindy Sherman. Bei ihr findet man einen ähnlichen Umgang mit Körper, sexualisierter Gewalt und der Verzerrung des Ichs.» Bacons Stellung international gesehen sei jedoch nicht so exorbitant wie in England selbst, «das nicht so reich mit bildenden Künstlern gesegnet ist, die in stratosphärische Höhen gestiegen sind.»

Seltsam wirke die «Diskrepanz zwischen den krass-rohen Sujets, der elegant pastellfarbigen Umsetzung und der Präsentation in den pompösen, geschleckt Goldrahmen. Dieser wahnsinnige Chic, der in mondäne Wohninterieurs bestens passt. Neben einem Flügel stört so ein Bacon gar nicht.» Bacons Kunst stehe für das Private, für das Tagebuch: «Null politisch», sagt Bezzola. Bacon habe den Weg vom Privaten ins Politische nie gefunden wie etwa Houellebecq. Bei Bacon bleibe alles privat. Das gehe auch das «rein ästhetische Interesse an jugendlicher männlicher Gesellschaft an.»

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Buchhinweise

  • Michael Peppiat: Francis Bacon in Your Blood: A Memoir, Bloomsbury 2015
  • Michael Peppiat: Francis Bacon: Anatomy of an Enigma, Skyhorse 2009
  • David Sylvester: Interviews with Francis Bacon, Thames & Hudson 1988

Daneben habe er sich ein «Netz an Fahnenträgern aufgebaut». Bereits zu Lebzeiten habe er Michael Peppiat als seinen Biografen benannt und ihm gesagt, wie er die Biografie denn gerne hätte. PR über den Tod hinaus. Die Biografie ist gerade erschienen. Sehr wahrscheinlich wie Bacon sie wollte. Was Peppiat bestreitet.

Werbespot einer Ausstellung

Sitzt man derzeit in Londoner Kinos, sieht man einen Werbespot für eine Ausstellung: schwarze Typographie auf weissem Grund, that's it. Der Text – frei übersetzt: «Sie sind ein schwuler Mann. Ihr Sex ist strafbar. Liebe fühlt sich an wie hetero. Obsessive schwule Liebe ist für Sie etwas, das Sie Ihrem schlimmsten Feind nicht antun würden. Einen Tag vor Ihrer grossen Retrospektive wird Ihr Partner tot aufgefunden, Alkohol, wahrscheinlich. Die Geschichte wiederholt sich: Ein Jahrzehnt später, einen Tag vor Ihrer nächsten grossen Retrospektive, diesmal im Grand Palais Paris, stirbt Ihr neuer Partner an einer Überdosis. Sie sind Francis Bacon. ‹Tryptichon – August 1972› erzählt die Geschichte dieser Folter. Sie malen keine Stillleben mit Blumen in einer Vase und werden auch nicht damit beginnen.» Bezahlt hat den Spot BP. Für die Ausstellung in der Tate Modern Gallery.