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Zusammenschnitt: Gaby Andersen-Schiess kommt ins Ziel (5.8.1984)
Aus Kultur vom 17.06.2016.
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Der Archivar Gaby Andersen-Schiess geht durch die Hölle

5. August 1984. Marathonfinale der Frauen. Ein Sonntag. Gaby Andersen-Schiess torkelt ins Ziel und bricht zusammen. Beinah dehydriert. Körpertemperatur 41 Grad. Wer das damals gesehen hat, hat diesen Tag nie mehr vergessen.

  • Der dramatische Marathonlauf von Gaby Andersen-Schiess schockt die Schweiz.
  • In der Sendung «Medienkritik» wird der sportliche Leistungswahn scharf angegriffen.
  • Grenzen zu überschreiten im Sport hat sich seither nicht zuletzt dank Doping weiterentwickelt.

«Eine Schande für den Sport»

Es ist Sonntag. Zum ersten Mal ist der Marathon der Frauen olympische Disziplin. Der erste Finallauf. Gaby Andersen-Schiess hat die letzte Versorgungsstation mit Getränken verpasst und torkelt die letzte Runde durchs Stadion. Jeden Moment scheint sie zu kollabieren.

90'000 im Stadion feuern sie an. Standing Ovations. Unten eine Frau am Ende ihrer Kräfte. Für die letzten 400 Meter im Stadion benötigt sie sieben Minuten. Helfer stehen rat- und tatenlos am Rand. Im Ziel bricht Andersen-Schiess zusammen. Sie wird abtransportiert.

Beim Schweizer Fernsehen rufen weinende Menschen an und fragen, ob sie noch lebe. Eine Strassenumfrage in den Folgetagen spiegelt, wie es vielen ging. Sie hätten geweint, seien schockiert: «Eine Schande für den Sport.»

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Umfrage (aus «Medienkritik» vom 9.8.1984)
Aus Kultur vom 17.06.2016.
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9. August. Ueli Heiniger moderiert die Sendung «Medienkritik». Ein Statement in der Sendung: Medienschelte sei naheliegend aber auch billig. Was man zu sehen bekam, wäre passiert, auch wenn man es nicht gezeigt hätte. Es gehe nicht um die Abbildung, sondern um den Vorgang.

Ursula Imhof, ehemalige Spitzensportlerin, Ärztin, analysiert damals den Zustand von Gaby Andersen-Schiess als einen, in dem sie nicht mehr die Steuerung über sich selbst besessen habe. Der Volkskundler Werner Röllin beschreibt die moderne Inszenierung olympischer Spiele. In der Architektur der Stadien sieht er «moderne Sakralräume in denen pseudo-sakrale Handlungen stattfinden.»

«Die kotzen, die sterben, das sieht man sonst nie»

Peter Rothenbühler, damals designierter Chefredakteur von «Blick für die Frau» bestätigt, es handele sich da in der Tat um einen Ritualraum, um eine «Olympia-Liturgie». Das sei auch der Grund, weshalb man das habe zeigen müssen: «Diese hirnverbrannte Leistungsoptimierung, das sind die Spielregeln.» Es gehe hier um durchaus Religiöses: um Hölle und Erlösung. So schrecklich das Ereignis gewesen sei, jetzt habe man die Spielregeln endlich einmal gesehen, denn die «die kotzen, die sterben, die an Doping sterben, die sieht man sonst nie», sagt Rothenbühler.

Andreas Blum, ehemaliger Spitzensportler und damals Programmdirektor bei Radio DRS, geht radikal auf den Punkt Verantwortung los: «Man sieht eine Frau am existentiellen Rand, nur noch vom Unterbewusstsein gesteuert, die nicht mehr für sich selbst Verantwortung übernehmen kann. Diese Verantwortung geht dann auf jemand anderen über. Sie war nicht mehr Frau ihrer Sinne. Man hätte sie sterben lassen. Einen Hund oder ein Ross hätte man aus dem Rennen genommen.»

Und heute?

Heute ist die Industrie, die Menschen ermöglicht, physische und psychische Grenzen zu überschreiten, weiter entwickelt. Das habe sogar System, sagte Sebastian Coe im Juni, als er von systematischem Doping russischer Leichtathleten spricht und eine Sperre verhängt.

Coe ist Präsident des Leichtathletik Weltverbands IAAF und gerät gerade selbst in die Kritik. Seit dem 19.Juli liegen neue Untersuchungsberichte vor, die den Verdacht erhärten, dass die real existierenden olympischen Spiele von der Idee eines «sauberen» Olympia weiter weg sind denn je.

Bei Gaby Andersen-Schiess darf man davon ausgehen, dass sie ohne chemische Hilfsmittel ins Ziel kam. Der Durchhaltewille der Läuferin war das eigentlich Erschreckende für viele Zuschauer.

Sie ging nicht nur bis an die Grenze, sondern darüber hinaus. Hätte man sie schützen müssen vor sich selbst? Auch darüber sprach Ueli Heiniger damals mit seiner Runde. Eine Antwort wurde nicht gefunden. Man könnte die Frage neu stellen.

«Bis an die Grenze gehen» ist heute die Parole all derer, die dem Dogma uneingeschränkten Erfolges folgen. Gaby Andersen-Schiess ist zum Sinnbild geworden, sie hat gezeigt wie «Durchhalten bis zum Umfallen» aussehen kann.

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Medienkritik vom 9.8.1984
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