Nazi-Kunst – ist das Kunst oder muss das weg?

Am 26. September 1977 bringt das Schweizer Fernsehen einen Bericht über eine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus. Ausgestellt ist propagandistische Nazikunst. Gefragt wird: Darf einem diese Kunst gefallen? Wer diese Frage für Schnee von gestern hält, irrt gewaltig.

1977. Das Zürcher Kunsthaus übernimmt eine Ausstellung vom Münchner Haus der Kunst. Dieses Haus der Kunst wird von Hitler 1930 in Auftrag gegeben und 1937 als «Haus der deutschen Kunst» eröffnet. Es zeigt Linientreues. Hitler und seine Entourage geben sich kennerhaft, flanieren durch die neoklassizistischen Hallen. Hitler, der Anstreicher aus Braunau, lobt den arischen Pinsel.

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Knapp 40 Jahre später widmet sich das Haus der Kunst diesem, seinem eigenen Kapitel deutscher Geschichte. Ein damals progressiver Versuch der Vergangenheitsbewältigung. Die Ausstellung zeigt Blut-und-Boden-Schinken, die der Führer damals lobt, Herrenmenschen mit erhobenem Blick, den Kitsch der braunen deutschen Scholle. Die Münchner Ausstellung kommt nach Zürich. Plötzlich hängt das braune Zeug im Kunsthaus.

Nazi-Kunst mitten in Zürich

Die Ausstellung wird zerpflückt. Es wird vor ihr gewarnt: In der Publikation zur Ausstellung müsse man das Wort «Hitler» mit der Lupe suchen, ist zu lesen. Die Kunstwerke seien ihrem historischen Kontext entrissen. Unvorbereitete Besucher könnten erschrecken oder noch schlimmer: Es könnte ihnen gefallen. Ein Reporter des Schweizer Fernsehens begleitet eine Schulklasse, «Woran erinnert Sie das?» fragt er. Eine Schülerin antwortet: «An die Bibel.»

Konkret geht es um das Bild «Der Sämann» von Oskar Martin-Amorbach. Die unvorbereiteten Schüler werden nach der Wirkung des Bildes befragt. Dann werden sie «aufgeklärt». Der Kunsthistoriker Robert Stoll bemüht sich redlich, die «Verlogenheit» des Werkes offenzulegen. In seiner Deutung schwankt er zwischen immanenter Werkbetrachtung und Kontextualisierung: Ist das Kunst oder Nazikunst? Stellt der historische Kontext ein Werk in den Zusammenhang, der ihm seine Bedeutung gibt? So aufgeklärt werden die Schüler hinterher nochmals befragt. Ein Mädel bleibt bei ihrer immanenten Werkbetrachtung und schert sich nicht um den Kontext: Das Bild sei nicht böse.

Und heute?

Was macht man, wenn einem Nazi-Kunst gefällt? Das fragt Dankwart Guratzsch in einem überaus lesenswerten Essay in der Wochenzeitschrift «Welt». Ein Auslöser für das Essay ist der Fund eines «Thorak-Pferdes» am Chiemsee. Das war kein Fund lange verborgener Kunst, die gigantomane Plastik eines Hitler-Lieblings stand auf einem Schulgelände. Generationen sind daran vorbeigegangen, Schüler wie Kunstlehrer. Für viele war es wohl nur ein martialisches Ross, nicht mehr.

Das Essay in der «Welt» geht der gleichen Fragestellung nach wie weiland Robert Stoll im Zürcher Kunsthaus stehend: Kann man diese Kunst überhaupt ohne den politischen Kontext betrachten? Und wie geht man dann mit ihr um? Kann Nazi-Kunst weg? Wer beurteilt das?

Politisch kontaminiert

Nazi-Kunst ist «politisch kontaminiert», wie Guratzsch schreibt. Das hat auch der Schweizer Christoph Vitali erfahren, einer der grössten Kuratoren und Museumsleiter unter anderem auch vom Haus der Kunst. Er sagte einmal über diesen Bau, er schätze an ihm die Symmetrie, die Raumproportionen, den Einfall natürlichen Lichts. Der Ausstellungsmacher Vitali ist über jeden politischen Zweifel erhaben. Dennoch: Er hat jahrelang alle Hände voll damit zu tun, diese Äusserung immer wieder klarzustellen. Nazi-Kunst ist eben keine Kunst wie jede andere.

Szene aus Hunger Games, die beiden Hauptfiguren mit erhobenem linken Arm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ausgestreckte Arm, die Albert-Speer-Architektur, die Kostüme: Alles ist Zitat. Lionsgate

Die Werke eindeutiger Propaganda sind leichter zu verorten als das Zitat faschistoider Ästhetik. Weitgehend unerkannt oder bereits wieder vergessen hat sie sich eingeschlichen in unsere Alltagskultur. Dieser Spur geht ein Beitrag aus den späten 80er-Jahren nach: Da wird der Look der Herrenrasse als modische Erscheinung beschrieben. Schwarze Ledersilhouetten werden historisch bewustlos zum sinnentleerten Ornament der Subkultur. Fascho als Pose.

In unserer Gegenwart zitiert der Blockbuster «Hunger Games» nicht nur eine Geste, die einen frieren lässt, sondern auch die ganze Albert-Speer-Ästhetik. Ob das wenigstens den Meisten klar ist, was da zitiert wird?

Apropos klar: Das Haus der Kunst eröffnet am 17.9.2015 eine Installation des französischen Künstlers Christian Boltanski, der nie anderes machte als antifaschistische Kunst. Das Haus der Kunst wird darauf mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Polizei ermittelt.