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Der Krieg ist aus! Schweizer Flüchtlingshilfe: zwischen Protest und Loyalität

Wie Schweizerinnen im Zweiten Weltkrieg jüdischen Flüchtlingen halfen, davon handelt das Buch von Susanne Businger. Die historische Studie ist kein Lobgesang auf die Schweizer Flüchtlingshilfe. Sie zeigt vielmehr Ambivalenzen auf.

Historische Schwarz-Weiss-Fotografie: Eine Frau in weisser Schwesternuniform hält ein Kleinkind auf dem Arm.
Legende: Elsa Ruth, Mitarbeiterin der Kinderhilfe des SRK, mit einem Kind in der Maternité suisse in Elne, Frankreich, ca. 1942. Schweizerisches Rotes Kreuz

Der Historikerin Susanne Businger geht es in ihrer Studie zunächst darum, den vielen Flüchtlingshelferinnen ein gerechtes Denkmal zu setzen. Die aktive Hilfe, das Essen, die Kleidung, das Obdach, das in der Schweiz aufgebracht wurde – das alles kam nämlich zur absoluten Mehrheit aus Frauenhand. Aber Businger schreibt zugleich eine kritische Geschlechtergeschichte.

Wie selbständig Frauenvereine und Helferinnen agieren konnten – oder eben gerade nicht –, hatte wesentlich mit ihrer Stellung in der Gesellschaft und mit dem Selbstbild dieser Frauen zu tun. Gleichberechtigung war noch in weiter Ferne, und auszurufen oder aufzumucken war vor 70 Jahren keine weibliche Tugend. Dem Ideal entsprach eher das mitleidende Mütterliche, eben die «stille Opferbereitschaft».

Susanne Businger schreibt: «‹Stille Hilfe›, ‹opferbereite Hilfe›, ‹mit dem Helferwillen keine Politik machen› waren die Schlagworte». So fügten sich dann auch verschiedene Frauenverbände, als den jüdischen Flüchtlingen – und seien sie Kinder – die Aufnahme in die Schweiz verweigert wurde.

Illegale Hilfe

Andere Frauen jedoch, vor allem Sozialdemokratinnen und Pazifistinnen, widersetzten sich dem. Sie unterliefen sogar die Anordnungen der Fremdenpolizei und wurden illegale Fluchthelferinnen. Sie versorgten die jüdischen Waisenkinder, verhalfen ihnen zu Papieren, zur Weiterreise oder platzierten sie in Schweizer Pflegefamilien.

Später widersetzten sich dann auch die Rot-Kreuz-Frauen und standen jüdischen Flüchtlingen aktiv bei. Die Autorin schreibt: «Frauen scheinen sich tendenziell kritischer verhalten zu haben als die männlichen Behördenvertreter oder die Vorsitzenden der Hilfswerke.» So kam es auch zu einer ersten Zusammenarbeit zwischen christlichen und jüdischen Frauen, die in Teilen bis heute weiterwirkt.

Aus der Erinnerungskultur ausgeblendet

Die Historikerin Businger hat die Fakten, Vorgänge und Beschlüsse sorgfältig recherchiert. Der Anhang ihres Buchs lässt staunen, was noch alles über Frauenverbände und weibliche Hilfskomitees vorhanden ist in den Staatsarchiven Zürichs, Luzerns, St. Gallens oder auch im Bundesarchiv.

Die Geschichte der Schweizer Flüchtlingshelferinnen habe «nur» noch oder besser «endlich» geschrieben werden müssen – mit all ihrer Ambivalenz, betont Businger: «Frauen halfen, sie kooperierten mit den Behörden, sie protestierten. Wenn die Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs neu geschrieben werden sollte, dann müsste gerade diese Ambivalenz des Helfens darin Platz haben.»

Zum Schluss ihrer sachlichen, aber doch zu Herzen gehenden Studie zeigt Businger auf, wie diese Helferinnen in der offiziellen Erinnerungskultur der Schweiz konsequent ausgeblendet wurden. Dabei waren es die Schweizer Rotkreuzschwestern, Pionierinnen wie Clara Ragaz und noch viel mehr namenlose Familienfrauen, die vor 70 Jahren nicht nur Strümpfe strickten, um Leben zu retten.

Buchhinweis

Susanne Businger: «Stille Hilfe und tatkräftige Mitarbeit. Schweizer Frauen und die Unterstützung jüdischer Flüchtlinge (1938-1947)». Chronos 2015.

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