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100 Jahre Spraydose Kunst mit Knöpfchen

Vor 100 Jahren erfand der norwegische Chemiker Erik Rotheim die Spraydose. Angeblich, weil er nach einer guten Möglichkeit suchte, seine Ski gleichmässig mit Wachs zu überziehen. Seither sprühen Rahm, Haarfestiger oder Sonnenschutz aus der Dose – und auch Farbe, wie ein Blick in die Kunstwelt zeigt.

Die Spraydose ist Pinsel und Farbe in einem. Und sie sprüht satte, glänzende Farben, die eine schützende Lackschicht mitbringen. Farben, wie man sie von Autos oder Motorrädern kennt. Genau das faszinierte Kunstschaffende ab den 1960er-Jahren weltweit.

Der Griff zur Dose als rebellischer Akt

In den USA waren es Vertreter der Pop Art wie Roy Liechtenstein, in Deutschland Künstler wie Sigmar Polke: Sie versuchten, das Alltagsleben stärker in die Kunst zu integrieren. Sowohl durch die Wahl ihrer Motive als auch durch die Materialien, mit denen sie arbeiteten. Farbe aus der Spraydose zu verwenden, war bereits damals ein rebellischer Akt. Und das ist es bis heute geblieben.

Mann fotografiert Gemälde in Kunstgalerie.
Legende: Anklingende Spraydosen-Ästhetik: «Gespenst» des Deutschen Kuenstlers Sigmar Polke. Keystone / PETER KLAUNZER

Die Kunstwelt ist oft erstaunlich konservativ, wenn es darum geht, neue Materialien oder Techniken aufzunehmen. Noch dazu, wenn sie so profan daherkommen wie eine Blechdose mit Farbe drin.

Dabei ist die künstlerische Handhabung der Spraydose gar nicht so einfach. Exaktes Arbeiten mit klaren Linien, deutlich voneinander abgesetzten Flächen: Das ist möglich, erfordert aber sehr viel Übung.

Street-Art-Wandgemälde mit Liebesbotschaft und Figuren mit Kapuzen.
Legende: Basquiat, Warhol, Banksy: Referenzen an die künstlerische Verwendung der Spraydose sind in der Ausstellung des italienischen Künstlers TVBOY allgegenwärtig (Mailand, 2025). Getty Images / Emanuele Cremaschi

Die grossen Vorteile der Spraydose liegen im nebeligen Farbauftrag. Schattierungen, sanfte Farbübergänge, changierende Effekte: Das alles lässt sich wunderbar machen.

Von der Strasse ins Museum

Doch die Farbdose blieb in den meisten Köpfen eine Strassenbewohnerin. Unverzichtbar für die Graffiti-Artists, die mit ihren Tags und ihren grossformatigen Spraybildern seit den 1970er-Jahren ganze Strassenzüge aufpeppten.

Künstler malt ein farbiges Wandgemälde auf Ziegelmauer.
Legende: Obwohl Graffiti längst Einzug in Museen gehalten haben, werden sie auch weiter grossflächig auf Häuser, Mauern und Brücken gesprayt. Getty Images / FOTOGRAFIA INC.

Der Kunstwelt gefiel das. Die Jungen Wilden bedienten sich in den 1980er-Jahren der Spraydosen. Und Künstler wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring brachten auch die Motive der Graffiti in die Kunstwelt.

Anarchistischer Held mit Schablonen

Banksy, der seine Bilder mit Stencils (Schablonen) an Hauswände bringt, ist zurzeit der wohl bekannteste Street Artist weltweit. Einige sehen in ihm einen anarchistischen Helden, der dem Kunstbetrieb eine lange Nase dreht und damit Erfolg hat. Auch der Schweizer Sprayer Harald Naegeli ist heute mehr oder weniger in der Kunstwelt angekommen.

Es gibt viele Menschen, die ihre Werke und ihren Mut bewundern. Es gibt aber auch immer noch eine Menge Menschen für die Graffiti einfach Schmierereien sind.

Die Spraydose wird 100 Jahre alt. Doch wenn sie in die richtigen Hände gerät, hat sie immer noch das Image einer jugendlichen Rebellin.

Radio SRF 2 Kultur, Moderation, 09.02.2026, 17:10 Uhr

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