Februar 1896: Kaum wird Hugo von Tschudi zum Direktor der Berliner Nationalgalerie ernannt, beginnt er damit, das bis dahin patriotisch ausgerichtete Museum umzukrempeln. Zusammen mit seinem Freund, dem Maler Max Liebermann, reist Tschudi nach Paris – auf grosse Einkaufstour.
Als er wiederkommt, hat er für die Nationalgalerie mehr als 30 Werke erstanden. Alle von zeitgenössischen Künstlern – unter anderem von Claude Monet, Edgar Degas und Édouard Manet.
Zurück in Berlin, präsentiert er die Sammlung neu: Gemälde, die die preussische Geschichte glorifizieren, verschwinden in weniger prominente Räume. Im Allerheiligsten der Nationalgalerie präsentiert er unter anderem Manets Gemälde «Im Wintergarten».
Revolutionäre Gemälde
Christoph Steiner, Geschäftsführer des Kulturzentrums «Alte Fabrik» in Rapperswil, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Hugo von Tschudi. Dessen erste Ankäufe sorgten für einen Eklat, erzählt er: «Noch kein Museum der Welt hatte einen Manet eingekauft. Das war auch in Paris umstrittene Kunst.»
-
Bild 1 von 4. Im Dezember 1896 wurden Manets «Im Wintergarten» in der Nationalgalerie gezeigt – als erstes Werk des Künstlers, das je für ein Museum gekauft wurde. Bildquelle: Édouard Manet/Wikimedia Commons.
-
Bild 2 von 4. Zusammen in der Ausstellung 1896 zu sehen waren die Werke «Ansicht von Vétheuil» von Claude Monet (1880) …. Bildquelle: Claude Monet/Wikimedia Commons.
-
Bild 3 von 4. … und Edgar Degas' «Die Unterhaltung» (um 1882) – allesamt von Hugo von Tschudis Einkaufsreise nach Paris. Bildquelle: Edgar Degas/Wikimedia Commons.
-
Bild 4 von 4. 1897 dann wurde Paul Cézanne «Die Mühle an der Couleuvre bei Pontoise» (1881) in der Nationalgalerie ausgestellt. Auch hier hatte Hugo von Tschudi den richtigen Riecher: Es war das erste Bild Cézannes in einem Museum. Bildquelle: Paul Cézanne/Wikimedia Commons.
Es habe viele gewundert, weshalb diese Kunst nun ausgerechnet in Berlin zu sehen war – schliesslich waren die Franzosen vor noch gar nicht allzu langer Zeit Kriegsgegner der Deutschen gewesen, beim Krieg 1870/71.
Doch was die Menschen so aufregt, ist nicht allein die Tatsache, dass in der deutschen Nationalgalerie französische Bilder gezeigt werden. Es ist auch das Aussehen dieser Gemälde. Wie revolutionär impressionistische Kunst damals war, kann man sich heute kaum vorstellen. Schliesslich zählen Manet, Monet, Degas und Co. längst zum Kanon der Kunstgeschichte.
Die Impressionisten brechen gleich mehrere Tabus der akademischen Malerei: Statt wichtiger Persönlichkeiten oder historischer Ereignisse bringen sie Alltägliches auf die Leinwand: eine Frau beim Wäscheaufhängen oder Heuschober auf einem Feld.
Jüdische Mäzene unterstützen
Tschudi ist einer der ersten, der die künstlerische Qualität dieser Arbeiten erkennt, erzählt Christoph Steiner: «Für Tschudi zählten die Arbeiten der Impressionisten zur weltbesten Kunst. Und genau die will er in seiner Nationalgalerie zeigen.»
Unterstützt wird er dabei vom Berliner Bürgertum. Vor allem jüdische Mäzene helfen Tschudi. Mit ihren Spenden kauft er Werke an, die Wilhelm II. niemals finanziert hätte. Trotzdem ist der sture Schweizer Museumsdirektor für den Kaiser später untragbar. Deshalb geht Tschudi 1909 nach München. Dort wird er Direktor der Staatlichen Galerien. Zwei Jahre später stirbt er.
Vorbild für Emil Bührle
Tschudi hat nicht nur eine Vielzahl zeitgenössischer Kunstschaffender unterstützt, er hat auch andere Sammler beeinflusst – unter anderem den Zürcher Waffenfabrikanten Emil Bührle. Als Bührle Mitte der 1930er-Jahre anfängt, seine eigene Sammlung aufzubauen, orientiert er sich dabei an Tschudi. Auch Bührle kauft impressionistische Kunst – allerdings, als sie längst etabliert ist.
Anders als Tschudi sei er mit seinen Käufen keinerlei Risiko eingegangen, sagt Christoph Steiner: «Das waren damals schon bedeutende Künstler.»
Wie bedeutend Hugo von Tschudi für viele zeitgenössische Künstler war, zeigt unter anderem die kunsttheoretische Schrift «Der blaue Reiter» aus dem Jahr 1912. Die Herausgeber Wassily Kandinsky und Franz Marc widmeten ihre Publikation dem «edlen Andenken Tschudis».