Ai Weiwei rockt gegen das Regime

Auf seinem ersten Album singt der chinesische Künstler Ai Weiwei bitterböse und hochpolitische Rocksongs. Auch an dieser Aktion des Avantgardisten wird das chinesische Regime wenig Freude haben – es kommt gar nicht gut weg. Aber auch die USA muss Kritik einstecken.

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Bildlegende: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat mit «The Divine Comedy» ein hochpolitisches Rockalbum herausgebracht. aiweiwei.com

«Wer klopft an der Tür? Wir sind die Polizei! Warum brecht ihr die Tür auf? Um dir eine Lektion zu erteilen! Warum schlägst du mich? Warum sollte ich nicht? Es gibt ja keine Zeugen», schildert Ai Weiweis Sprechgesang im Song «Laoma Tihua», dem düstersten und bittersten seines ersten Albums.

Die Regierung als kriminelle Organisation

Der Song beschreibt seine eigenen Erfahrungen nach dem Erdbeben in 2008 Sichuan. Damals versuchten er und viele Helfer herauszufinden, wie viele Kinder unter den Trümmern von miserabel gebauten Schulhäusern zu Tode kamen. Das führte immer wieder zu Schwierigkeiten mit der Polizei, die das Aufdecken dieser Missstände verhindern wollte. Dabei wurde Ai Weiwei so schwer zusammen geschlagen, dass er beinahe an einer Gehirnblutung gestorben wäre.

«Bei diesem Erlebnis ist mir auf einen Schlag die Rolle von Regierung, Beamten, Polizei und Justizapparat in China klar geworden. Sie zielen auf nichts anderes ab als sich gegenseitig bei ihren üblen Machenschaften zu decken. Es sind alles Teile einer einzigen, kriminellen Organisation», sagt Ai Weiwei.

Widmung für Aktivist Chen

«Just Climb the Wall» heisst das Einstiegsstück auf Ai Weiweis Album. Dieses Lied habe eine doppelte Bedeutung, erklärt der Künstler. «Einmal geht es darum, dass die Chinesen immer zuerst die Great Firewall der Zensur überwinden müssen, um in die Freiheit des ausländischen Internets zu gelangen. Zudem ist es aber dem blinden Menschenrechtsaktivisten Chen Guangchen gewidmet, dem letztes Jahr mit dem Überklettern einer Mauer die spektakuläre Flucht aus dem Hausarrest gelungen ist und der danach ins amerikanische Asyl ausreisen durfte.»

Kritik auch an den USA

Ai Weiwei hat Chen Guangchen auch ein zweites Stück auf dem Album gewidmet – «Hotel USA». In Anspielung darauf, dass Chen vor seiner Ausreise aus China vorübergehend Aufnahme in der amerikanischen Botschaft in Peking fand. «In diesem Stück kommen die USA logischerweise gut weg. Aber aus aktuellem Anlass muss ich das Land auch kritisieren. Dass die USA nun offiziell von Hongkong die Festnahme und Auslieferung von Whistleblower Edward Snowden fordern, finde ich überhaupt nicht gut.»

Die Affäre Snowden zeige, wohin staatliche Allmacht führe. «Sicher, China übt diese Allmacht auf primitive, brutale Art aus. Aber der Fall Snowden zeigt, dass die USA keinen Deut besser sind. Raffinierter halt, aber nicht weniger bösartig.»

Musik als Vergangenheitsbewältigung

«Dumbass», das letzte Stück auf dem Album ist das härteste – musikalisch, aber auch inhaltlich. «Mit diesem Song verarbeite ich, dass der Staat 2011 versucht hat, mich mit 81 Tagen Untersuchungshaft mundtot zu machen.» Aber genau während dieser Gefangenschaft sei ihm die Idee gekommen, auch Musik zu machen.

Und die damalige Festnahme ist auch der Grund dafür, dass Weiwei sein erstes Album gerade jetzt veröffentlicht: Es ist genau zwei Jahre her, seit dem er aus der Haft freikam. «Für alle Menschen, die mich auch damals weiter unterstützt haben, ist es ein Zeichen, dass ich immer noch lebe und nicht unterzukriegen bin.»

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