Zum Inhalt springen

Header

Video
Ausstellung: Annemarie Schwarzenbach als Fotografin
Aus Tagesschau vom 19.09.2020.
abspielen
Inhalt

Annemarie Schwarzenbach Sie konnte es auch mit der Kamera

Man kennt Annemarie Schwarzenbach als Schriftstellerin und Journalistin. Eine Ausstellung in Bern beweist: Sie war auch eine Pionierin der Reise- und Reportagefotografie.

Ein Schiff brennt. Annemarie Schwarzenbach nähert sich ihm auf einer Schiffsreise. «Es wurde beinahe fünf Uhr und begann schon zu dunkeln, als wir endlich vor uns den brennenden Orazio auftauchen sahen», schreibt sie in der National-Zeitung am 26. Januar 1940. «Wir fragten uns, wie man nachts und bei diesem Seegang die Boote würde absetzen können.»

Dazu ein Foto, geschossen aus luftiger Höhe eines Schiffes. Es lenkt den Blick zwischen Schiffseilen hindurch auf ein Rettungsboot, in dem etliche Besatzungsmitglieder sitzen. Und runhderum das Meer, Stürmisch aufgepeitscht.

Schwarz-weiss Fotografie eines Rettungsbootes im Meer
Legende: Mehr als ein Schnappschuss: Rettung von Überlebenden der gesunkenen «Orazio». (1940). Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Nachlass Annemarie Schwarzenbach

Gutes Auge

Annemarie Schwarzenbachs Blick ist konzentriert und durchaus geleitet von einem Sinn für Ästhetik. Nicht nur auf diesem Foto, sondern auch auf vielen anderen beweist sie einen Sinn für Konzeption und Dramatik.

Sie habe sich jedoch nicht als Fotografin, sondern als Schriftstellerin verstanden, sagt der Ausstellungskurator Martin Waldmeier. «Das war ihre Ambition, das war ihre Mission.»

Die Fotografien spielten allerdings eine entscheidende Rolle in Bezug auf ihre Texte, so Waldmeier «Annemarie Schwarzenbach hat ihre Texte in einer Zeit verfasst, in der man erst gerade anfing, in der Schweiz mit Fotografien Geschichten zu erzählen.»

Audio
Annemarie Schwarzenbach im Zentrum Paul Klee Bern
03:37 min, aus Kultur-Aktualität vom 18.09.2020.
abspielen. Laufzeit 03:37 Minuten.

Wie alles anfängt

Schweizer Magazine, vornehmlich die Zürcher Illustrierte, drucken ihre Fotos. Ihre ersten Bilder entstehen 1932 auf einer Reise nach Spanien. Annemarie Schwarzenbach reist gemeinsam mit der deutschen Fotografin Marianne Breslauer. Diese ist Jüdin und stösst in Nazi-Deutschland auf grosse Schwierigkeiten.

Als sie von der Reise zurückkommt, kann Marianne Breslauer die Fotos nicht mehr unter ihrem Namen veröffentlichen, weil die deutsche Presse gleichgeschaltet und arisiert wurde.

Marianne Breslauer kann Annemarie Schwarzenbach nicht mehr begleiten. Also greift die Journalistin selber zur Kamera: eine Rollei Flex, eine Mittelformat-Kamera.

eine schwarz-weiss Fotografie eines entgleisten Zuges
Legende: Endstation Sehnsucht? Impression aus der Demokratischen Republik Kongo der 1940er-Jahre. Schweizerisches Literaturarchiv | Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Nachlass Annemarie Schwarzenbach

Position beziehen

Es sind unruhige Zeiten. Europa steuert auf den Zweiten Weltkrieg zu. Die Weltwirtschaftskrise führt zu Massenarbeitslosigkeit.

In der Schweiz ist die Zeit der geistigen Landesverteidigung. Annemarie Schwarzenbach unternimmt Reisen, um aus der Enge auszubrechen. Die Kamera gibt ihr die Möglichkeit, sich zu positionieren.

«Das Fotografieren war für Schwarzenbach ein Versuch, selbst politisch tätig zu sein. Über ihre Texte und ihre Bilder für die Probleme ihrer Zeit ein Bewusstsein zu schaffen», sagt Kurator Martin Waldmeier.

eine schwarz-weiss Fotografie zweier Männer vor einem Gebäude
Legende: Unbefangene Blicke: Junge Arbeitlose im Ohio der 1930er-Jahre. Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Nachlass Annemarie Schwarzenbach

Also hält Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Kamera Arbeitssuchende in Cincinnati fest oder Jugendliche vor einem Bekleidungsgeschäft in Alabama. Auch der Industrialisierung begegnet Schwarzenbach neugierig und kritisch. Sie zeigt eine gigantische Erzgrube in Schweden oder brache Kohlefelder in Pennsylvania.

Grosse Begabung

Nebst einigen wenigen kleinformatigen Originalen sind meist nur die Negative der Fotografien erhalten. Das Zentrum Paul Klee hat grossformatige Abzüge anfertigen lassen. Diese stellte es in den Kontext der Reportagen.

Am berührendsten in der Ausstellung sind ihre vielen Porträts, die sie von Bekannten und Unbekannten gemacht hat. Die Menschen schauen die Fotografin meist direkt an. Unverstellt, als hielten sie nur kurz in ihrer Beschäftigung inne.

Dass Annemarie Schwarzenbach es schafft, die Menschen auf solche Weise mit der Kamera einzufangen, führt eindrücklich vor Augen, wie begabt sie als Fotografin war.

Ausstellungshinweis

Box aufklappenBox zuklappen

Die Ausstellung «Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach» als Fotografinläuft noch bis zum 3. Januar 2021 im Zentrum Paul Klee Bern.

Sendung: Radio SRF 2, Kultur Aktualität, 18.9.2020, 8:06 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Beat R. von Wartburg  (Beat R. von Wartburg)
    Was soll das? Da werden die Leistungen einer Person von verschiedenen Leuten am Leben von deren Grossvater (U. Wille) gemessen. Absurderweise sind aber die Grossväter der Kommentarschreiber völlig unbekannt! Frage: sind darum die Kommntare automatisch schlecht?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Katharina Studer  (gino)
    Eine sehr bemerkenswerte Frau! Leider zu früh verstorben. General Wille war ihr Grossvater! Ihre Mutter, Renée Schwarzenbach-Wille.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Jos Schmid  (Jos Schmid)
      Im Juli 1915 bezeichnete Wille im sogenannten «Säbelrasslerbrief» an den deutschfreundlichen Bundesrat Arthur Hoffmann den Zeitpunkt für einen Eintritt der Schweiz in den Krieg an der Seite des Deutschen Reichs als für geeignet.(Wikipedia)
  • Kommentar von markus kohler  (nonickname)
    Schwarzenbach wird völlig verklärt dargestellt, sie ist eine Ikone der LGBTIQA+ und deswegen hat sie einen solche Position in der Kunstwelt erhalten. Sie war drogenabhängig, stammte aus reichsten Verhältnissen und wurde mindestens psychisch von ihrer Mutter schwer missbraucht. Aber das ist nie ein Thema, da sie ihr lesbisch sein dank des unendlichen Geldstromes von ihrer Familie bis zum Letzten zelebrieren konnte. Darin sehe ich keine Leistung.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Jos Schmid  (Jos Schmid)
      Ich habe auch den Eindruck, dass sie dem LGBT Gleichberechtigung leider eher schadet als nützt. Ihr künstlerischer Output finde ich im Vergleich mit Zeitgenossen uninteressant, es sei denn man interessiere sich für die Aristokratie, die sich im Gegensatz zum Bürgertum noch nie für Konventionen interessiert hatte.
    2. Antwort von markus kohler  (nonickname)
      @Schmid. Da haben Sie mit ihrer Einschätzung recht. Die Mutter Schwarzenbach war schon ständig am Fotografieren und nahm auch sehr voyeuristische Bilder ihrer Tochter auf. Der Schwarzenbach-Wille Clan verhielt sich sehr dekadent und das hat mit Kunst nichts zu tun.
    3. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Dass Künstler drogenabhängig sind, inklusive Alkohol, war und ist nicht selten. Dass sie aus einer reichen und äusserst problematischen Familie stammt, kann man ihr nicht vorwerfen. All das tut weder ihrem Talent und ihrer Leistung als Schriftstellerin und als Fotografin Abbruch. Zu erwähnen, dass sie lesbisch war, ist heute nur noch peinlich.