Ateliers werden Waffenlager, ukrainische Künstler kämpfen

Im Osten der Ukraine herrscht Krieg. Kulturschaffende übernehmen die Rolle von Kämpfern um die Wahrheit: mit Lesungen, Partys oder Theaterinszenierungen. Die Kulturstätten gehören zu den wichtigsten Orten gesellschaftlicher Debatten – doch sind sie schwer umkämpft.

Künstler und Publikum stehen draussen vor der Tür. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Kulturfabrik ist von Waffen besetzt, Künstler und Publikum stehen draussen vor der Tür. Dima Sergeev

Auf einem Schornstein in der ostukrainischen Bergbau- und Industriemetropole Donezk thront das Markenzeichen des Kulturzentrums: ein pinkfarbener Lippenstift. Früher wurden in dem Fabrikgelände Isolierstoffe für die gesamte Sowjetunion gefertigt. Seit 2010 war das riesige Werksgelände Heimat des unabhängigen Zentrums für zeitgenössische Kunst Izolyatsia.

Waffen statt Kunst

Überdimensionaler Lippenstift auf einem Industriekamin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Wahrzeichen des Kulturzentrums, das einem Waffenlager weichen musste. ZVG / Dima Sergeev

«Der Lippenstift war das erste Denkmal, das an all die Frauen erinnert hat, die den Donbass nach dem Krieg wiederaufgebaut hatten», erzählt Anna Agafonova, Kulturmanagerin bei Izolyatsia.

In den vergangenen vier Jahren schufen internationale Künstler für die Kulturfabrik Kunstwerke, die sich mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt haben.

Doch seit Pfingstmontag sind die Ateliers und Galerien von Izolyatsia geschlossen. Anna Agafonova: «Unser Gelände war eines der ersten in der Stadt, das überfallen wurde. Vor allem weil es den grössten Bunker hat und die Lagerhäuser sich für Waffen eignen.»

Seither ist die international gut vernetzte Kunstinstitution Hauptquartier der Paramilitärs. Für die Kunst vor Ort haben die Schergen der selbsternannten «Volksrepublik Donezk» nichts übrig – sie halten sie für degeneriert.

Partys gegen den Kriegsalltag

«Das ist eine Tragödie für uns, weil sehr viele Kunstwerke in das Gelände eingebaut sind», sagt Anna Agafonova. Die Macher von Izolyatsia mussten ihre eigene Kunstsammlung zurücklassen. Retten konnten sie nur ihre Idee. Nun hat das Kulturzentrum ein Exil in einem Schiffsreparaturwerk in Kiew bezogen.

Dort laden sie derzeit zu sogenannten Tormozok-Parties. Tormozok bezeichnet das einfache Essen der Bergleute im Donbass. Brot, Gurken und Speck zählt dazu. Die Partys sind Treffen für Donbass-Flüchtlinge, die so den Krieg hinter sich lassen können. Kultur wird zur Gruppentherapie gegen die Krisenalltag.

Brücken bauen und beim Wiederaufbau helfen

In Kiew soll zudem ein Zentrum für Donbass-Studien entstehen. Ein Archiv, das die Industriekultur des Donbass vor dem Verschwinden durch den Krieg retten soll. Sollte der Krieg irgendwann einmal vorbei sein, wird Izolyatsia als Think-Tank beim Wiederaufbau beraten.

Auch im ostukrainischen Charkiw versuchen Kulturschaffende Brücken zu bauen zwischen den politisch verfeindeten Gruppen. Die Theaterkompanie Arabesky macht dokumentarisches Theater über die Geschichte der Ukraine: «Unsere Mission ist es, einen Dialog zwischen Menschen mit verschiedenen Überzeugungen und auch mit verschiedenen Traumata herzustellen», sagt Marya Zaichenko, so etwas wie die Intendantin von Arabesyky.

Theater als Therapie

Eines ihrer Stücke handelt vom ukrainischen Nationalismus, der 1943 zum «Wolhynien-Massaker» mit tausenden toten Polen führte. Nach den Vorstellungen veranstaltet Arabesky Publikumsdiskussionen.

«Wir waren überrascht, wie aktuell das alles ist. Wir mussten feststellen, dass wir uns heute mit den gleichen Fragen wie damals beschäftigen: Was ist unsere Nation, was ist unsere Identität?»

Das wirkt wie Medizin. Die Aufführungen sind immer ausverkauft. Zu den Theatervorstellungen kommen Demonstranten des Euromaidans wie auch Anhänger der Separatisten.

Künstler im Kampf um Wahrheit

Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor sich ein Buch, auf das er blickt. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem grossen roten Stern auf der Brust. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Serhij Zhadan bei einer Buchpräsentation im polnischen Posen, 2007. Wikimedia / Maciek Król

Auch die Schriftsteller sorgen dafür, dass über Korruption, Vetternwirtschaft, sowjetische Nostalgie und somit über die Zukunft des Landes diskutiert wird.

«Im Moment befinden wir uns in einer sehr interessanten, aber auch dramatischen Epoche unsere Geschichte. Die Gesellschaft formiert sich neu», sagt Serghij Zhadan, eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen ukrainischen Literatur.

«Natürlich müssen in einer solchen Situation die Stimmen der Autoren zu hören sein. Schriftsteller haben kein Recht zu schweigen», so Zhadan weiter.

Wichtig sei der Kampf um Wahrheit gegen die Propaganda. Die Künstler seien vielleicht diejenigen, die den Umbruch in der Ukraine wahrheitsgemäss dokumentieren können.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 17.12.2014, 17:06 Uhr.