Augenflimmern vor den Werken des Poster-Popstars Victor Vasarely

Mit schlichten geometrischen Formen schuf Victor Vasarely Gemälde, die dreidimensionale Räume vortäuschen. Für den Künstler waren die mathematisch exakt konstruierten Gemälde nicht nur Kunst sondern ein Verweis auf die kosmische Ordnung. Eine Schau im Haus Konstruktiv in Zürich.

Victor Vasarely war ein echter Popstar der Kunst. Seine farbintensiven Gemälde hingen als Poster in zahllosen Wohnzimmern und WG-Fluren: Gitternetze, die unmögliche Räume bilden oder sich dem Betrachter blasig entgegen zu wölben scheinen. Vasarely war überall. Doch sein Ruhm verblasste. Obwohl sich seine Werke heute in den Sammlungen vieler grosser Museen finden, werden sie selten gezeigt. Das Haus Konstruktiv in Zürich zeigt nun eine Ausstellung unter dem Titel: «Die Wiederentdeckung des Malers.»

Und der Titel ist Programm. Zu sehen sind Gemälde aus den Jahren 1947 bis 1974, in denen Vasarely seinen persönlichen Stil, seine Sprache der Abstraktion entwickelt hat. Diese Bildsprache Vasarelys steht im Zentrum der Schau. Zu sehen sind vor allem Schwarz-Weiss-Gemälde, die zeigen, wie Vasarely mit simplen Formen verblüffende Bilder schuf. Mit Kreis, Quadrat und Raute gestaltete er komplexe Muster und irreale Räume.

Porträt von Victor Vasarely, schwarzweiss mit Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ungarische Künstler Victor Vasarely zählt zu den Mitbegründern der künstlerischen Richtung Op-Art. Keystone

Abstrahierte Muscheln

Der 1906 im ungarischen Pécs geborene Victor Vasarely gehört zu den grossen Mitbegründern der Optical Art oder kurz Op-Art, die mit abstrakten Formmustern optische Täuschungen erzeugt. Er studierte in Budapest an der Kunstakademie und an der vom Bauhaus inspirierten Mühely Schule für Grafik. 1930 zog er nach Paris und arbeitete als Werbegrafiker. Schon damals interessierte er sich für dreidimensionale Effekte und Augentäuschereien, so genannte Trompe-l'œuil-Effekte.

In den 1940er Jahren begann er zu malen. In seinen frühen Arbeiten versuchte er reale Objekte in abstrakte Formen zu übersetzen: Muscheln und Steine wurden zu geheimnisvoll klaren Flächen in Gemälden, die noch deutlich an Kasimir Malewitsch und die Wegbereiter der Abstraktion erinnern. Nach und nach entwickelte er seine eigene Bildsprache, für die er schlichte grafische Zeichen in wechselnden Kombinationen, in Spiegelungen und Wiederholungen zu ebenso strengen wie verwirrenden Mustern anordnete.

Kosmische Ordnung

In Vasarelys Werk waltet mathematische Präzision. Und das ganz ohne digitale Hilfen. Vasarely gestaltete seine komplexen Bilder allein mit der Kraft seiner Vorstellung und der Geschicklichkeit seiner Hände – und später mit der seiner Mitarbeiter. In der Struktur seiner Bilder sah er ein Äquivalent zur kosmischen Ordnung. Und er glaubte, dass die Schönheit der Kunst zum Wohl der Menschheit beitragen kann. Der Werbeprofi Vasarely hing kommunistischen Ideen an und produzierte Drucke und Editionen in grosser Zahl, um möglichst viele Menschen mit Kunst zu beglücken. So wurde er zum Superstar, der nicht nur in der Kunstszene bekannt war.

Der österreichische Künstler Andreas Fogarasi Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der österreichische Künstler Andreas Fogarasi zeigt in der Ausstellung seine Videoarbeit «Vasarely Go Home». Keystone

Vasarely Go Home!

Auch in Ungarn wollte man vom Glanz Vasarely profitieren. Eigentlich verhinderte die Kulturpolitik des unter sowjetischem Einfluss stehenden Staates jede freie künstlerische Entfaltung im Land. Doch Vasarely wurde 1969 der rote Teppich ausgerollt. Eine grossen Ausstellung in Budapest sollte zeigen, dass der Op-Art-Star ein Landessohn war, und dass Ungarn grosse und progressive Kunst hervorbrachte.

Der ungarische Künstler János Major veranstaltete anlässlich der Ausstellungseröffnung 1969 eine Ein-Mann-Demonstration. Sobald ein Künstlerkollege vorbeikam, zog er ein kleines Schild unter dem Mantel hervor, auf dem stand: Vasarely Go Home! Major wollte mit so auf die Widersprüchlichkeit der ungarischen Kulturpolitik aufmerksam machen. Seine diskrete Aktion ist nicht dokumentiert, wird aber bis heute in Künstlerkreisen verbreitet. Der junge österreichische Künstler Andreas Fogarasi hat diesen Berichten nachgespürt und daraus eine Videoarbeit gemacht, die die Vasarely Schau informativ flankiert.