Aus dem Untergrund ins Museum

Das «Strapazin» ist eines der dienstältesten Comicmagazine der Welt. Aus der Jugendbewegung der 80er Jahre und der Punkästhetik gestartet, kann es jetzt auf knapp drei Jahrzehnte Geschichte zurückblicken. Eine Ausstellung im Cartoonmuseum Basel skizziert die wichtigsten Etappen der Zeitschrift.

Totale eines Raumes dessen rote Wand mit Titelbildern von Strapazin-Ausgaben gepflastert ist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit 1984 sind mehr als 100 Ausgaben erschienen, die ganze Museumswände pflastern können. Cartoonmuseum Basel

Die Nr.1 des «Strapazin» erscheint 1984 anlässlich des ersten Comicsalons in Erlangen. Nachdem die Heftmacher aus dem Umfeld der alternativen Münchner Stadtzeitung «Blatt» Konkurs anmelden müssen, rettet der Comicverleger David Basler die Zeitschrift, indem er sie nach Zürich holt.

Bewegte Gründerjahre

Druckbild eines grossen Kopfes, der eine blaue Maske trägt. Der affenähnliche Mensch flätscht die Zähne, auf die Stirn sind ein tropfemdes Herz und ein Kreuz in Flammen dargestellt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jubiläumsausgabe zu 50 Jahren «Strapazin». Cartoonmuseum Basel

Die «Strapazin»-Herausgeber haben ihre Wurzeln in der Schweizer Jugendbewegung der frühen 80er Jahre und engagieren sich in der alternativen Presse. Rasch scharen sich heimische Zeichner wie Thomas Ott, Ursula Fürst, Andrea Caprez und Peter Bäder, die sogenannte «Zürcher Schule», um die Zeitschrift. Die Ausstellung präsentiert grossformatige Arbeiten der Künstler, die aufwändig per Hand gearbeitet sind: Die Comics sind auf Folie gemalt oder gekratzt, die Sprechblasen ausgeschnitten und aufgeklebt. Ihre Ästhetik ist von Punk und Dadaismus beeinflusst: Schroffe Schwarzweiss-Zeichnungen, rasante Perspektivwechsel und beklemmende Atmosphären. Die Inhalte kreisen um Themen wie Sexualität, Drogen und soziale Missstände.

Plattform der deutschsprachigen Comicszene

Von Anfang an veröffentlicht das «Strapazin» auch grosse internationale Namen: Spätere Comicstars wie Art Spiegelmann, Jaques Tardi und Muñoz/Sampayo werden hier erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Auch Ralf König veröffentlicht im «Strapazin» seine selbstironischen Schwulencomics – lange bevor sie zum Bestseller werden.

In den 90er Jahren entwickelt sich eine eigenständige deutschsprachige Comicszene, der das «Strapazin» als Podium dient – darunter viele Künstler aus der ehemaligen DDR. Zeichner wie ATAK, MS Bastian oder Anke Feuchtenberger nähern sich mit ihren Comics der Kunstmalerei an. Sie brechen mit der klassischen linearen Erzählweise und bringen neue Inhalte ein, etwa den Themenkomplex Frau und weiblicher Körper.

Blicke über den Tellerand

Ein Ausstellungsraum im Cartoonmuseum Basel zeigt derzeit mit über 100 Titelblättern aus 28 Jahren Heftgeschichte, wie vielfältig das Strapazin-Universum ist: Die Kulturform Comic, sagt die Ausstellungskuratorin Anette Gehrig, sei international.

Die jungen Zeichner, die in der Ausstellung vertreten sind, haben meist an Kunsthochschulen studiert, wo heute viele «Strapazin»-Autoren als Dozenten tätig sind. Heute entwerfen sie ihre Comics längst am Computer. Zum Beispiel Sascha Hommer: Sein Comicstrip «Vier Augen» ist eine Art kunstvoller Manga mit Graustufen und klarer Linie. Er erzählt darin eine lakonische Geschichte über eine Jugend im Schwarzwald.

«Im Comic gibt es heute viel Autobiographisches»

«Das Politische im deutschen Comic ist sicher nicht mehr so stark wie es damals war. Heute gibt es viel Autobiographisches und Adaptionen von Literatur, ich denke der Blick ist wieder nach Innen gegangen», erzählt Kati Rickenbach, Zürcher Comiczeichnerin und Mitarbeiterin im 16köpfigen «Strapazin»-Redaktionskollektiv.

Die Ausstellung «Comics Deluxe!» im Cartoonmuseum Basel läuft noch bis zum 3.März 2013. Zu der von Museumsleiterin Anettte Gehrig und dem Comicjournalisten Christian Gasser kuratierten Ausstellung ist beim Christian Merian Verlag Basel ein reich bebilderter Begleitband erschienen.