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«Fiktion Kongo» – Ausstellung im Museum Rietberg
Aus Kulturplatz vom 04.12.2019.
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Ausstellung in Zürich Der Kongo und die Last des Kolonialismus

Das Museum Rietberg zeigt Kunst aus dem Kongo und verbindet koloniale mit postkolonialen Perspektiven. Da kann einem schwindlig werden.

Im Kongo wütete der Kolonialismus. Bis 1960 wurde die belgische Kolonie systematisch ausgeplündert, die Bevölkerung terrorisiert und ermordet.

Um 1900 dokumentierte die britische Missionarin Alice Seeley Harris, was als «Kongo-Gräuel» in die Geschichte einging. Verstümmelte Menschen in Ketten, drakonische Strafmassnahmen mit der Nilpferdpeitsche, abgehackte Hände und Füsse.

Ein schwarzer Mann hockt auf dem Boden einer Veranda, hinter ihm stehen weitere Männer, die in die Kamera schauen.
Legende: So dokumentierte Alice Seeley Harris den Kongo: Aufnahme aus dem Nsongo District. Alice Seeley Harris / Wikimedia

Die Fotos von Harris und anderen führten zur ersten internationalen Menschenrechtsbewegung und dazu, dass der belgische König Leopold II. den Kongo nicht mehr als sein Privateigentum ausbeuten konnte. 1908 trat er das Gebiet als Kolonie an den belgischen Staat ab.

Über 100 Jahre später analysiert der kongolesische Künstler und Komponist David Shongo im Museum Rietberg die Ambivalenz von Harris’ Fotos. Sie hätten eine anti-koloniale Aussage, gleichzeitig aber eine koloniale Grundhaltung. «Alice Seeley Harris war von der Überlegenheit der weissen Rasse überzeugt».

Mangelnde Wertschätzung

Für die Ausstellung «Fiktion Kongo» hat sich Shongo mit kolonialer Fotografie aus dem Archiv von Hans Himmelheber auseinandergesetzt.

Wer war Hans Himmelheber?

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Der deutsche Kunstethnologe (1908-2003) bereiste den Kongo 1938/39. Er erforschte die Entstehung und Geschichte kongolesischer Kunst, die auf dem europäischen Kunstmarkt seit der Jahrhundertwende boomte.

Himmelheber dokumentierte seine Forschungsreise mit vielen Fotos. Und er kaufte Unmengen an Kunstwerken für den Kunsthandel und für Schweizer Museen in Genf und Basel. Das Museum Rietberg besitzt einige Objekte aus der Provenienz Himmelheber und erbte vor einigen Jahren seinen Nachlass.

Nun erforscht das Haus in Zusammenarbeit mit der Uni Zürich im Rahmen eines Projekts des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) das Archiv Himmelhebers. Die Ausstellung ist die erste Folge dieser Forschung.

Auch auf Himmelhebers Fotos entdeckt Shongo Ambivalenzen: Wertschätzung für die Porträtierten, der Versuch sie zu würdigen, sei ebenso zu sehen wie Himmelhebers koloniale Haltung. «Er war wie ein Jäger stolz auf seine Fotobeute», sagt Shongo.

Ein schwarzer Mann mit Federschmuck.
Legende: Chief mit Federkappe und Schwert. Hans Himmelheber, Yaka-Region, 1938, SW-Negativ. Museum Rietberg Zürich

Der kongolesische Künstler fügt Himmelhebers ambivalenten Fotos eine eigene Schicht hinzu, indem er sie als Collagen weiterverarbeitet.

Neben David Shongo spiegeln weitere kongolesische Künstlerinnen und Künstler wie Sammy Baloji, Michèle Magema, Monsengo Shula und Sinzo Aanza in dieser Ausstellung Himmelhebers Fotos.

Ein schwarzes Kind, über dessen Oberkörper ein Strichcode liegt.
Legende: Black Out Poetry. David Shongo, 2019 Museum Rietberg

«Wir wollten dieses Archiv nicht nur aus unserer westlichen Perspektive interpretieren», sagt Michaela Oberhofer vom Museum Rietberg, eine der beiden Kuratorinnen der Schau.

Zu sehen sind in der multiperspektivischen Ausstellung die Kunstwerke, die Himmelheber im Kongo erwarb, Teile seines Archivs (Tagebücher, Notizen, Fotos, Briefe) und die zeitgenössischen Arbeiten der kongolesischen Künstlerinnen und Künstler.

Ein Schwarzweissfoto, das den Schatten eines Mannes zeigt.
Legende: Hans Himmelhebers Schatten. Hans Himmelheber, Kongo, 1938. Museum Rietberg, Geschenk Erbengemeinschaft Hans Himmelheber

Ihre Werke reflektieren das Archiv Himmelhebers und die Objekte, die er im kolonialen System des Kongo für Europa zusammenkaufte. Das ist verdienstvoll, interessant und bequem. Denn so denken die Nachfahren der Kolonisierten für das Museum Rietberg über den Kolonialismus nach.

Wird hier Verantwortung delegiert? Michaela Oberhofer vom Museum Rietberg antwortet mit einer Gegenfrage: «Was wäre die Alternative gewesen?» Vermutlich gibt es keine. Es hat eben alles zwei Seiten. Mindestens.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Fiktion Kongo» im Zürcher Rietberg Museum läuft noch bis zum 15. März 2020.

1 Kommentar

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Der Kolonialismus in Afrika trug ein Doppelgesicht: Er hat die Schwarzen im besten Fall paternalistisch behandelt und den Kontinent skrupelloser Ausbeutung unterworfen. Menschen musste für die Kolonialherren schuften, wurden wie Dreck behandelt. Wenn die Verantwortlichen dafür vor Gericht kämen, stünde das Urteil von vornherein fest: schuldig. Millionen Afrikaner leben heute noch in Leid und Armut. Grosse Konzerne beute ihre Länder weiterhin aus. Korrupte Diktatoren helfen ihnen noch für Geld.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten