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Ausstellung «Maisons Mères» Wild gebaut: Diese Häuser stellen unsere Wohnkultur infrage

Bauen ohne Grenzen: Eine Ausstellung im Kanton Waadt widmet sich der utopischen Architektur.

«Ich wollte das Meer sehen.» Annunzio Lagomarsini lebte mit seiner Frau in La Spezia an der ligurischen Küste. Doch versperrten andere Häuser den Blick ins weite Blau. Also setzte Lagomarsini sein Einfamilienhaus auf eine Art Hebebühne, die es um 20 Meter anheben konnte. Ausserdem konnte sich das Haus um die eigene Achse drehen. Ehefrau Emilia war das nicht geheuer: Sie verliess lieber das Haus, bevor Annunzio es in Bewegung setzte. 

Ein Einfamilienhaus auf einer Hebebühne.
Legende: Freie Sicht aufs Mittelmeer: Annunzio Lagomarsinis Eigenkonstruktion verblüfft auch heute noch. Lorenzo Tricoli / La Ferme des Tilleuls

Die Geschichte klingt wie aus einem kuriosen Film, hat sich aber tatsächlich so zugetragen. Das Haus steht noch, seine Bewegungsfähigkeit hat es jedoch verloren. Das Alter macht auch vor Gebäuden nicht Halt.

Was künftig aus diesem eigenartigen Eigenheim werden soll, ist unklar. Die Gemeinde erliess eine Abrissverfügung, doch diese schlummert in den Akten. 

Einfach mal loslegen 

Das bewegliche Haus hat nie einen Architekten oder eine offizielle Baugenehmigung gesehen. Annunzio Lagomarsini hat einfach selbst Hand angelegt. Er kommt aus dem Baugewerbe, hatte Kontakte – und ein Ziel: das Meer zu sehen. 

So wie Lagomarsini machen es viele Männer und Frauen weltweit. Sie warten nicht auf Bewilligungen, Expertisen oder Baupläne, sondern legen einfach mal los. Manchmal mit den Materialien, die sich gerade anbieten.

In North Carolina etwa entstand in den 1970er-Jahren ein Haus aus Pepsi-Flaschen und Zement. Clarence Schmidt wiederum, der als junger Mann Kulissen für Stummfilme hergestellt hatte, baute bei Woodstock ein weitverzweigtes Haus aus Fundmaterialien. Und der Brite Ron Gittins verwandelte seine Mietwohnung in eine Art pompejanische Villa mit aufwendigen Malereien und Gipsarbeiten an Wänden, Decken und Kaminen. 

Die Ausstellung «Maisons Mères» in der Ferme des Tilleuls in Renens (VD) versammelt rund 60 Beispiele für eigenwillige und eigenmächtige Bautätigkeiten rund um den Globus. Viele der mithilfe von Fotos, Maquetten und Filmen dokumentierten Häuser existieren bereits nicht mehr: Behörden, Nachbarn oder Verwandten ist dieses wilde Bauen oft ein Ärgernis.

Normen bewusst ignorieren

Als «utopische Architektur» sieht es Chantal Bellon, Direktorin der Ferme des Tilleuls. Die Menschen, die diese Häuser gestalten, fragen nicht nach Normen. «Sie fragen sich nicht, ob die Materialien richtig sind, ob das Haus die richtige Farbe hat, ob es den Sicherheitsansprüchen genügt. Sie konstruieren einfach das Haus, in dem sie leben wollen.» 

Dies ist gar nicht immer so leicht. Die Bauvorschriften sind in den meisten westlichen Ländern stets strenger geworden – das wiederum beschränkt die Individualität. Was heute mit Genehmigung gebaut wird, ähnelt sich, ob das nun in Zürich oder Aachen, Berlin oder Yverdon-les-Bains steht.

Utopien, die auch Architekten interessieren 

Wild gebaut wird meist dort, wo die nächste Behörde möglichst weit weg ist. Im Wilden Westen der USA zum Beispiel, oder in den Weiten Russlands. Doch auch in der Schweiz gibt es überraschende Architekturen. Der Bildhauer Erwin Schatzmann zum Beispiel hat in Winterthur Haus und Garten in ein «Morgenland» verwandelt. 

Mann mit weisser Mütze in Raum mit bunten Dekorationen und Statuen.
Legende: Schatztruhe von Schatzmann: In Winterthur hat Bildhauer Erwin Schatzmann sein Haus in ein veritables Kunstwerk verwandelt. Mario del Curto / La Ferme des Tilleuls

Die Ideen der eigenwilligen Bauherren sind dabei oft gar nicht so weit weg von dem, was auch in der Architektur durchgespielt wird: Das drehbare Haus in La Spezia erinnert an offiziell gebaute Drehrestaurants, wie jenes an der Bergstation der Metro Alpin in den Walliser Alpen. Und auch das Bauen mit Altmaterialien ist inzwischen Thema in der offiziellen Architektur.

Ausstellungshinweis

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Die Ausstellung «Maisons Mères» ist noch bis 21. Juni in der Ferme des Tilleuls in Renens (VD) zu sehen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 13.4.26, 17:20 Uhr

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