Beruf Künstler: Der Chef bin ich

Beni Bischof ist Künstler. Neugierig blickt er auf die Welt und ihre Absurdität und erschafft daraus einen eigenen künstlerischen Kosmos. Wie sieht dabei sein Berufsalltag aus, seine tägliche Routine? Anlässlich der Manifesta 11 in Zürich spricht er in seinem Atelier über Arbeit, Beruf und Berufung.

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Zur Person

Beni Bischof ist 1976 in St. Gallen geboren, wo er immer noch arbeitet, im Rheintal wohnt er. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und seine Kunst auch in Einzelausstellungen gezeigt, zum Beispiel im Kunstmuseum St. Gallen. Aktuell stellt er im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam aus. Bischof hat diverse Kunstpreise gewonnen.

Das Wort «Kosmos» drängt sich mir unweigerlich auf, als ich Beni Bischofs Atelier in St. Gallen betrete. In einem unscheinbaren Bürogebäude unweit der Altstadt wirkt und werkelt der 40-Jährige an seinen Bildern, Collagen und Objekten. Der Raum ist voll, farbig, lebendig.

Humor, der haften bleibt

Der Kosmos Beni Bischof umfasst säuberlich zerkratzte Hochglanzmagazine im A4-Format, mannshohe, bunte Wasserfarbengemälde, kleine Kugelschreiber- und Filzstiftzeichnungen. Auf denen bestellt schon mal ein schielender Delfin einen Gin Tonic. Einfach so, weil es Beni Bischof gefällt.

Die Werke, welche die Wände in seinem länglichen Atelier zu Dutzenden säumen, sind allesamt von einem feinen, manchmal fast beiläufigen Humor durchdrungen. Bischofs Bilder amüsieren auf den ersten Blick, und regen auf den zweiten Blick zum Denken an.

Rhythmus bringt Struktur

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Beruf Künstler

Im Zuge des Mottos «What People Do For Money» der Kunstbiennale Manifesta befragt SRF Kultur die Künstler Beni Bischof, Maja Hürst, Claudia Comte und Julian Charrière zu ihrem Verständnis von Beruf und Berufung.

Sie sind Teil des Projektes u40, das während mehreren Jahren Einblick gibt in das Werk und Leben von jungen Schweizer Künstlern.

Ich tauche in Beni Bischofs Kosmos zur Mittagszeit ein. Normalerweise trifft er sich um diese Zeit mit Freunden zum Essen, später nachmittags zum Kaffee oder zum abendlichen Apéro. Die Pausen, sagt Beni Bischof, seien für ihn ebenso wichtig wie die Schaffensphasen. Sie gäben seinem Arbeiten einen Rhythmus. Einen Rhythmus, der zentral für sein Schaffen ist.

So steigt er morgens immer um dieselbe Zeit in den Zug. Der bringt ihn von seinem Wohnort an der deutschen Grenze nach St. Gallen. Die Rückfahrt allerdings gelingt ihm nicht immer zur gleichen Zeit. Selten schafft er es, richtig Feierabend zu machen, die Arbeit im Atelier zu lassen; meistens reist sie mit nach Hause: «Der Kopf läuft halt immer weiter, den kann ich nicht abschalten», sagt Bischof.

Die Absurditäten des Alltags

Bischofs Arbeiten sind vielschichtig, denn sie zehren von gesammelten, oft zufällig erhaschten Eindrücken. Sie fallen Bischof via Mails, Zeitungen und Werbeanzeigen in die Hände. So lebt auch sein neuestes Buch von unbeabsichtigten Absurditäten übereifriger Werber, Kritiker und Schreiberlinge, die Sätze wie: «Der Charakter muss performen» oder «die menschliche Notbremse» hervorbringen.

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Buchhinweis

Beni Bischof: «Texte 2», Edition Patrick Frei, 2016.

Ärger oder Hunger – Hauptsache Emotion

Zum Künstlersein gab es für Bischof nie wirklich eine Alternative. Und er schätzt es, selbständig seinen Projekten nachgehen zu können, keinen Chef zu haben, dem er genügen muss. Auch wenn er versteht, warum es viele Angestellte geniessen in einer Art Blackbox zu arbeiten: Man kann Verantwortung abgeben, wenn man nicht genau weiss, für wen man ein Produkt herstellt.

Wofür wir leben: u40 – Junge Künstler in der Schweiz

29 min, aus Sternstunde Kunst vom 1.6.2014

Er selber braucht Feedback, Reaktionen. Wie die Luft zum Atmen. «Deshalb habe ich immer gerne ausgestellt. Weil man in Ausstellungen sieht, was die Werke bei anderen auslösen. Das Gegenüber soll lachen, sich aufregen, die Ausstellung hassen oder lieben oder vielleicht einfach Hunger bekommen.»

Anker und Schreckgespenst

Ausstellungen und Projekte geben seiner Arbeit den Rhythmus, den er dringend braucht. Doch sie bringen ihn auch an seine Grenzen. «Vor einer Ausstellung ist man nicht mehr kreativ, man organisiert nur noch. Man ist gefangen in einer Endlosschlaufe und verliert die Lust am Arbeiten. Ich kündige mir dann selber und sage, dass dies nun die letzte Ausstellung ist.»

Ist die Ausstellung dann vorbei, fallen ihm alsbald wieder neue Themen und Ideen in die Hände. Ideen, die in Kunstwerke umgesetzt werden wollen.

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Die Manifesta 11

«What people do for money» heisst das Motto der elften Ausgabe der Manifesta, die in Zürich stattfindet. An der vom Künstler Christian Jankowski kuratierten Kunstbiennale beleben Kooperationen zwischen Künstlern und Berufsleuten die ganze Stadt. Die Manifesta 11 dauert 100 Tage, vom 11. Juni bis zum 18. September 2016.

Existenzangst ist produktiv

Beni Bischof braucht Ausstellungen auch, um seine Kunst an den Kunden zu bringen, um Geld zu verdienen. Momentan läuft es gut, auch wenn Bischof der Existenzangst eine produktive Seite beimisst: «Das ist wie beim Klettern. Wenn das Seil zuckt und du meinst, du fällst, dann bist du plötzlich wieder hellwach. Existenzangst bringt einen auch weiter.»

Hellwach erscheint einem Beni Bischof im Gespräch durchaus, auch wenn er zwischendurch immer wieder verträumt zur Decke blickt, der klassischen Musik zuhört, die in seinem Atelier im Hintergrund läuft. Dieser Kopf raucht, dampft und arbeitet stetig am Kosmos Beni Bischof.

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