Biennale von Sharjah: das Kunstlabor Arabiens

Gebete tönen aus Waschmaschinen, eine «Höllenmaschine» symbolisiert die Suche nach der arabischen Identität: Die Biennale von Sharajah 2013 wurde am 13. März eröffnet. Nirgendwo sonst gewinnt man solche Einblicke in die arabische Kunstszene. Ein bisschen brisanter dürfte die Schau freilich sein.

Sie sehen traurig aus, die Tulpen der ägyptischen Revolution. Der Künstler Basim Magdy hat ihnen in der Videoinstallation «13 Essential Rules for Understanding the World» ein Gesicht aufgemalt, in dem sich Angst und Entsetzen spiegeln – ein bisschen wie in Munchs berühmtem Gemälde «Der Schrei».

Ägyptens Künstler, sagt Magdy, seien ratlos und steckten selbst in einer Krise. «Wir fühlen uns unfähig, auf die politischen Umbrüche zu reagieren: Es fällt uns im Moment schwer, zu arbeiten», erzählt Magdy, der zwischen der Schweiz und Kairo hin- und herpendelt und aktuell an der 11. Biennale von Sharjah ausstellt.

«Alles war so intensiv. Viele haben gedacht, die Revolution würde alles sofort umkrempeln, wie durch ein Wunder. Das war naiv.» Aber man dürfe auf Künstler niemals Druck ausüben: «Niemand ist verpflichtet, Revolutionskünstler zu sein.»

Spannende, intelligent kuratierte Schauen

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Sharjah Biennial 11

Die Sharjah Biennial 11 findet vom 13. März bis am 13. Mai 2013 in Sharjah statt. Thema ist Re:emerge, Towards a New Cultural Cartography - die neue Vermessung der Kunstwelt. Die Kuratorin Yuko Hasegawa will damit aufzeigen, wie komplex die globalen Kulturbeziehungen sind und dass nicht alles über die gängigen Muster des Eurozentrismus läuft.

Willkommen auf der Biennale von Sharjah, dem wichtigsten Ereignis der arabischen Gegenwartskunst. Wer das Herz des arabischen Kunstkontinents kennenlernen möchte, das Labor und die Vitrine dieser Kunst, der kommt alle zwei Jahre nach Sharjah, ins drittgrösste der sieben Vereinigten Arabischen Emirate, in unmittelbarer Nachbarschaft zum glamourösen Dubai.

Seit 20 Jahren findet hier Mitte März die Sharjah-Biennale statt. Sie hat sich in der Kunstwelt einen exzellenten Ruf erworben. Kritiker aus dem Westen eilen hierher, erleben spannende, intelligent kuratierte Schauen, die auch schon einmal Kontroversen auslösen. «More Courage, Less Oil» – das war beispielsweise das Motto der Biennale von 2007. Und das ist schon ein unglaubliches Statement in einem Land, das neun Prozent der weltweit bekannten Erdölreserven besitzt und zu den grössten Exporteuren der Welt gehört.

Eine japanische Kuratorin mit Ambitionen

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Bildlegende: Kuratorin der diesjährigen Sharjah Biennale ist die Japanerin Yuko Hasegawa. Sharjah Biennial

Kuratorin der diesjährigen Sharjah Biennale ist die Japanerin Yuko Hasegawa. Mit ihrem Programm «Re:emerge, Towards a New Cultural Cartography» will sie nichts weniger als eine neue Vermessung der Kunstwelt.

 «Ich will zeigen, wie komplex die globalen Kulturbeziehungen sind und dass nicht alles über die gängigen Muster des Eurozentrismus läuft», sagt Hasegawa, die zum Staatsdinner beim Emir von Sharjah im rosa Kimono erschien.

109 Künstler werden in diesem Jahr präsentiert – aus allen Bereichen der Kunst, darunter besonders viele Performances. Sharjah ist das Emirat der Künste – und setzt sich wohltuend von dem Geschrei ab, das regelmässig in der Region immer dann anhebt, wenn es um Kunst geht. Das zeigt sich in dem Kontrast zwischen Sharjah und der Hauptstadt Abu Dhabi. Dort tendiert der Ton leicht in Richtung Grössenwahn. Von den vier angekündigten grossen Museen – darunter das Guggenheim und der Louvre Abu Dhabi – ist nichts zu sehen, obwohl die Museen ursprünglich bereits 2013 eröffnet werden sollten.

Kunst wird in die Stadt integriert

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Bildlegende: Prinzessin Hoor al-Qasimi, Tochter des Emirs. Sharjah Biennial

Genau das macht den Unterschied zwischen Sharjah und Abu Dhabi. «Wir brauchen keinen grossartigen Neubau, bei uns ist die Kunst in die Stadt integriert», erzählt Hisham al-Madhouhm, der Berater des Emirs. Der Herrscher von Sharjah ist ein veritabler Kunstfreak, er hat seit den 1980er Jahren mehr als zwei Dutzend Museen errichtet.

Seit Prinzessin Hoor al-Qasimi, die Tochter des Emirs, 2009 die Geschäfte der Sharjah Art Foundation übernahm, regt sich hier etwas. Nächstes Jahr wird Sharjah Kulturhauptstadt der Islamischen Welt. Bis dahin soll das Städtchen auf Vordermann gebracht werden.

Verspieltes und Nachdenkliches

Man findet auf dieser Biennale viel Verspieltes. Das Architekturbüro Sanaa hat lustige grosse Seifenblasen vor dem Kunstmuseum von Sharhaj installiert, kleine künstliche Oasen mit Palmengärten sind in der Stadt angelegt worden.

Daneben gibt es aber auch viel Nachdenkliches. Der saudische Künstler Ahmed Mater geht den Zerstörungen in der heiligen Stadt Mekka nach, die in einem gigantischen Bauentwicklungsprojekt bis zum Jahr 2020 in die Moderne katapultiert wird. «Ich lebe seit drei Jahren in Mekka, dokumentiere täglich den dramatischen Wandel der Stadt», erzählt Ahmed Mater, der in den letzten drei Jahren zum grossen Star der arabischen Kunstwelt avanciert ist.

Kritisches zu Mekka

Auf seinen grossformatigen Fotos im Gursky-Stil zeigt er, wie weit die Bauarbeiten in Mekka bereits fortgeschritten sind. Ein 601 Meter hoher Hotelturm, der Abraaj al-Bait, reckt sich unmittelbar neben der Grossen Heiligen Moschee in den Himmel, die Kaaba, das Allerheiligste des Islams, wirkt daneben wie ein verirrter Lego-Stein. Über 40 Hochhäuser sollen hier entstehen und die Geschichte und die Spiritualität der Stadt erdrücken. Diese Fotos und viele weitere Kunstwerke findet man nun im Gebäude der «Islamic Bank», die ihre Räume der Biennale von Sharjah regelmässig zur Verfügung stellt.

In Sharjah hat Ahmed Mater ein Hotelzimmer nachgebaut, das er «A 3000 Dollar Room» nennt: ein Luxus-Appartement aus dem Hotelturm für betuchte Pilger. Hier trinkt man Tee mit Blick auf die Kaaba, die nur 80 Meter hinter den Fensterscheiben entfernt ist.

Predigt aus Waschmaschine

Der Ägypter Magdi Mostafa zeigt in seiner «Sound cells»-Serie Zimmer voller Waschmaschinen, zu deren Waschgeräusch aus Lautsprechern die Rede eines Predigers beim Freitagsgebet ertönt. «In meinem Stadtteil kommen jeden Freitag beide Geräusche zusammen: das Rumoren der Waschmaschinen und die scheppernde, per Mikrofon übertragene Predigt. Es ist die allwöchentliche Kakophonie in meinem Viertel.» Religion und Alltag kommen hier sinnfällig zusammen. Für dieses Werk hat der Künstler einen der Biennale-Preise gewonnen.

Auf den Spuren der arabischen Identität

Der Iraker Künstler Adel Abidin spürt mit seiner Installation «Blueprint» der arabischen Identität nach – mit einer Art «Höllenmaschine». Eine 25 Meter breite Produktionshalle mit Schaltplänen, ein Querschnitt durch eine gigantische, völlig unüberschaubare Maschinerie, dahinter heult eine Wand von Lautsprechern.

«Mein Werk handelt davon, wie arabische Identität künstlich hergestellt wird», sagt der in Helsinki lebende Künstler. «Was ist eigentlich ein Araber? Ich habe festgestellt, dass das Arabische meist vom Ausland definiert wird. Identität aber entsteht nicht durch Traditionen, sondern durch das, was wir in der Zukunft daraus machen.»

Wie viel künstlerische Freiheit erträgt das Emirat?

T-Shirt mit Aufdruck Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Konservative Kreise in Sharjah empfanden diese Trikots als blasphemisch. Fashion+art from the Middle-East

Vor zwei Jahren gab es in Sharjah einen Eklat. Der langjährige Leiter der Biennale, Jack Persekian, wurde vom Emir brüsk entlassen. Der algerische Künstler Mustapha Benfodil hatte in seiner Installation «Maportaliche / It Has No Importance.» zwei Teams von Schaufensterpuppen aufgebaut, auf deren Trikot vulgäre Flüche und Verwünschungen standen.

Konservative Kreise in Sharjah empfanden das als blasphemisch. Der Emir griff zum Telefon und warf Persekian hinaus.

Seitdem gab es immer wieder Diskussionen um die Frage, wie viel und welche Art von Kunst in einem arabischen Land gezeigt werden kann. «Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Gefühle der lokalen Bevölkerung», erklärt Prinzessin Hoor. «Eine rein konfrontative Strategie, wie sie im Westen vorkommt, wäre unserer Entwicklung nicht förderlich.»

Kunst darf nicht zu direkt politisch sein

Tatsächlich wurden in diesem Jahr eher leise Töne angeschlagen. Yuko Hasehawa ist eher für Verspieltes bekannt als für scharfe Auseinandersetzungen. Vom arabischen Frühling hält sie wenig: «Kunst darf niemals zu direkt politisch sein.» Ein bisschen brisanter hätte die Schau freilich ruhig werden können.

Dafür stellt der irakische Künstler Wafaa Bilal mit seinem Werk die ganze Welt in Frage. «The hierarchy of being» heisst seine grosse, begehbare Installation, die in einem Park errichtet wurde. Sie setzt das Prinzip der Lochkamera um.

Ein Raum, dessen Dach sich öffnen und schliessen lässt und in dessen Decke Blenden eingebaut sind. Wenn sich das Dach wieder schliesst, erkennt der Besucher das Foto: die Welt steht Kopf.

Die «Camera oscura» ist eine arabische Erfindung aus der mittelalterlichen Blütezeit des Islam. Dieser Erfindungsreichtum wird im Kunstwerk neu gewürdigt. Doch es geht um mehr: Allein der Titel, «Die Hierarchie des Seins», gibt zu verstehen, dass dies auch als politisches und soziales Statement gemeint ist.