Bilder und ihre Vorbilder: zeitgenössische Malerei in Solothurn

Der Schnappschuss mit der Handykamera ist allgegenwärtig, die Bilderflut sprichwörtlich. Wer sich heute für das langsame und analoge Medium der Malerei entschliesst, tut das bewusst. Welche Strategien zeitgenössische Maler dabei verfolgen, zeigt die Ausstellung «Das doppelte Bild» in Solothurn.

Sie haben die Tradition im Blick: Die zwölf Künstlerinnen und Künstler, welche die Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn zeigt, kennen die Kunstgeschichte und nutzen sie für ihre Zwecke. Ihre Bilder gewinnen viele dieser Künstlerinnen und Künstler, indem sie mit der Kunstgeschichte arbeiten und sich dabei auf abstrakte wie auf gegenständliche Lösungen berufen.

30 Selbstbildnisse, jedes ein Zitat

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«Das doppelte Bild»

Das Kunstmuseum Solothurn vereint in «Das doppelte Bild. Aspekte zeitgenössischer Malerei» Arbeiten von Philip Akkermann, Ian Anüll, Francis Baudevin, Svenja Deininger, Klodin Erb, Pia Fries, Markus Gadient, Michael van Ofen, Giacomo Santiago Rogado, Thomas Scheibitz, Uwe Wittwer und Robert Zandvliet. Zu sehen bis zum 11. August.

Da ist zum Beispiel der niederländische Maler Philip Akkermann. Seit 30 Jahren malt er ausschliesslich Selbstporträts. Und dekliniert mit diesen Selbstporträts die Kunstgeschichte rauf und runter.

Mal zitiert er mittels harter Schatten den Expressionisten Max Beckmann, mal einen Altmeister mit einem bläulichen Kopf und ziselierter Lockenpracht, mal Vincent van Gogh. 30 Selbstbildnisse von Philip Akkermann hängen als Wolke an einer Wand im Kunstmuseum Solothurn. Nicht nur die schiere Menge wird deutlich an dieser Wand, sondern auch die grosse Lust, mit der dieser Künstler heute in diesem, morgen in einem anderen Stil malt.

Rembrandt als Blondine

Auch die Schweizer Künstlerin Klodin Erb zitiert Kunstgeschichte und entwickelt sie weiter. In Solothurn zu sehen ist ihrer Porträtserie «REM», ihr Ausgangspunkt ist ein bekanntes Selbstbildnis Rembrandts. Etwas erschreckt blickt der Barockmaler seine Betrachter an. Klodin Erb variiert das Bild in 29 Kleinformaten, entwickelt im Malprozess Varianten und eignet sich das ikonische Selbstporträt an.

Sie macht aus Rembrandt einen Pinocchio und malt ihm eine lange Nase, sie legt ihm eine Zigarette in die Finger oder verwandelt ihn in eine Blondine mit bravem Kleid. Oder aber sie löst ihn auf in dick aufgetragene Farbschichten. Nur entfernt erinnern diese Schichten an die Lippe des niederländischen Meisters. Ist das noch Rembrandt? Sind diese Bildnisse noch Porträts?

Die Malerei findet neue Aufgaben

Die ausgestellten Arbeiten befragen Bilder an sich. Was ist ein Bild? Was kann es? Was soll es? Wie keine andere Kunst, sei gerade die Malerei mit ihrer langen Geschichte geeignet, über Bilder nachzudenken, sagt Andreas Fiedler. Er hat die Ausstellung mit Christoph Vögele, dem Direktor des Kunstmuseums Solothurn, kuratiert.

Die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler, die in Solothurn zu sehen sind, profitieren dabei vielleicht auch von einer historischen Krise, die die Malerei erfasste, als die Fotografie aufkam. Plötzlich konnte da eine Kunst sehr viel besser abbilden, was ist. Die Malerei suchte sich neue Aufgaben.

Malerei mit digitaler Bildbearbeitung

Und sie tut das auch heute noch – ziemlich selbstbewusst. Rückzugsgefechte sind jedenfalls keine zu sehen in der Solothurner Ausstellung. Einige Künstler nutzen gar die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Der deutsche Künstler Michael van Ofen reduziert historische Bildnisse am Computer, entfernt Schicht um Schicht bis zur allerletzten Spur; kurz vor dem Nichts halten drei Farbflecken die Erinnerung an das Vorbild fest.

Der Schweizer Markus Gadient nutzt Fotografien von Parkansichten, die er in geradezu fotorealistischer Manier abmalt, um danach heftige Pinselstriche auf die Ansichten zu setzen. Als wäre das eine abstraktere Version derselben Ansicht oder eine malerische Infragestellung der akkuraten unteren Schicht.

Die Ausstellung ist mustergültig

Doppelte Bilder sind in Solothurn also auf vielfältige Weise zu sehen. Sei es, dass Künstlerinnen und Künstler mit dem kunsthistorischen Zitat arbeiten und es abwandeln. Sei es, dass sie mehrere Bildebenen übereinanderlegen oder mit Reduktion arbeiten. Der Strategien sind viele.

Die Ausstellung «Das doppelte Bild» fächert die zeitgenössischen Aspekte der Malerei mustergültig auf. Der Ausstellungstitel ist mehr als ein Tribut an die mediale Selbstreflexion. Denn jedes Bild ist doppelt, wenn nicht gar drei- oder vierfach. Nach Vorzeichnungen entsteht Schicht um Schicht ein Bild auf der Leinwand, das mit den übereinandergelegten Farbschichten viele Bilder in sich trägt.

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