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Buch über Transhumanisten So unheimlich schön können Cyborgs aussehen

Der Lausanner Fotograf Matthieu Gafsou hat über vier Jahre die Welt von Transhumanisten abgebildet. Nun sind die Fotografien als Buch erschienen.

Eine Frau trägt eine rot strahlende Maske auf dem Gesicht.
Legende: Technologie statt Chirurgie: Wer sich täglich diese Lichtmaske auflegt, soll länger jung bleiben. Matthieu Gafsou

Existiert Gott? «Nun, ich würde sagen: Noch nicht.» Dieses Zitat des Technologie-Gurus und Futuristen Ray Kurzweil findet sich auf der ersten Seite des Bildbands «H+».

«H+» ist das Zeichen der Transhumanisten: Das H steht für «Homo», Mensch. Das Plus für das, womit die Anhänger dieser philosophischen Bewegung den menschlichen Körper und Geist erweitern wollen.

Was heisst Transhumanismus?

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Trans- oder Posthumanisten wollen die Evolution des Menschen in die eigene Hand nehmen – und ihre körperlichen und geistigen Möglichkeiten durch neuste Technologie erweitern.

Viele Transhumanisten bejahen das Verschmelzen von Mensch und Maschine zu Cyborgs, das Schaffen künstlicher Superintelligenzen oder das Konservieren menschlichen Lebens.

Die lose Bewegung geht auf die 1980er-Jahre zurück und umfasst verschiedene Unterströmungen. Biohackers etwa versuchen den Körper durch kybernetische oder chemische Hilfsmittel zu ergänzen – ganz nach Science-Fiction-Vorbild.

Über vier Jahre hat sich der Lausanner Fotograf Matthieu Gafsou weltweit auf die Spuren dieser Bewegung begeben.

Artefakte der Zukunft

Gafsou zeigt in der Fotoserie «H+» die exzentrischen Vordenker der Bewegung, lässt in teils unheimliche, teils unheimlich faszinierende Welten blicken. Er zeigt die Präparate und Produkte, mit denen sich die Transhumanisten umgeben.

Diese sind wie Artefakte aus der Zukunft inszeniert: Die Gegenstände stehen alleine und aus dem Zusammenhang gerissen da. Sie wirken so glatt, als seien sie eher einem Science-Fiction-Film entsprungen als der Realität.

Buch und Ausstellung

Ein Teil der Bilder aus der Serie «H+», Link öffnet in einem neuen Fenster wird bis 23.9. an den «Rencontres de la Photographie», Link öffnet in einem neuen Fenster in Arles gezeigt.

Als Buch ist im Kehrer Verlag erschienen:

  • Matthieu Gafsou: «H+ – Transhumanism(s)». Mit einem Vorwort von David le Breton. Kehrer Verlag, 2018.

Fliessende Übergänge

Dabei zeigt die Serie zu Beginn harmlose Objekte: Zahnspangen, Pillendosen, Herzschrittmacher, ein Brutkasten für Babys und Armbänder, die unsere Körperfunktionen überwachen.

Dass diese banalen Dinge sich in einem Fotobuch über Transhumanismus finden, unterstreicht die Aussage, dass der erweiterte Mensch längst zu unserem Alltag gehört.

Eine ältere Frau atmet durch eine Maske, an die ein Schlauch angeschlossen ist.
Legende: Euphorie für Technik: Marie Claude Bailiff wäre ohne ihr Beatmungsgerät vor 30 Jahren gestorben. Matthieu Gafsou

Zudem lässt sich gerade an diesen gewöhnlichen technologischen Helfer zeigen, wie fliessend der Übergang zwischen heutigem Wissen, technologischem Fortschritt und dem utopischen und teils extremen Techno-Enthusiasmus der Transhumanisten ist.

Ein Bild zeigt etwa ein Exoskelett, normalerweise eine Stütze, um motorische Fähigkeiten zu trainieren Gleichzeitig forscht das amerikanische Verteidigungsministerium – so verrät die Bildunterschrift – an Möglichkeiten, Soldaten dank solcher Prothesen zu praktisch unermüdlichen Kriegsmaschinen zu machen.

Unheimliche Kontraste

Durch das ständige Wechseln zwischen Vertrautem und Verfremdetem, zwischen dem Gezeigten, Greifbaren und dem Weggelassenen, lösen Matthieu Gafsous Bilder Gänsehaut aus.

Matthieu Gafsou

Matthieu Gafsou

Fotograf

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Der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou, geb. 1981, studierte Filmwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Université de Lausanne, danach Fotografie in Vevey. Seine Bilder wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt und in bisher sechs Fotobänden veröffentlicht.

Webseite des Fotografen, Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein ganzes Kapitel ist sogenannten Nootropika gewidmet – smarten Drogen, die Hirnleistung oder Kreativität kerngesunder Menschen verbessern sollen.

Von der Hundertjährigen, die täglich einen starken Espresso trinkt, um länger jung zu bleiben, ist es nur ein kleiner Schritt zu den chemischen Präparaten der Firma Elysium Health, einem Start-up aus dem Silicon Valley. Weisses Pulver schimmert in Kapseln: ein Heilsversprechen in cleaner, medizinischer Optik.

Auf einer schwarzen Fläche liegen Kapseln mit weissem Pulver verstreut, in der Mitte eine auf einem Podest.
Legende: Umstrittenes Start-up: Elysium Health verkauft Kapseln, die den Alterungsprozess ausbremsen sollen. Matthieu Gafsou

Eifer trifft auf Augenzwinkern

Den Weg in die Unsterblichkeit, den weist auch Ray Kurzweil, ein amerikanischer Transhumanist und Leiter der technologischen Entwicklung bei Google: Bald könne der menschliche Geist in Maschinen verpflanzt werden, prognostiziert er in seinen Schriften.

Wie die Bibel, in dunklem Ledereinband, hat Matthieu Gafsou Kurzweils Buch abgelichtet. Laborräume wirken auf seinen Fotos wie kultische Stätten, Transhumanisten wie Heilige.

Ein blonder Mann trägt eine gekrümmte Antenne auf dem Kopf.
Legende: Der Künstler Neil Harbisson hat sich eine Antenne im Schädel operiert, die Farben in Töne umwandelt. Er ist der erste offiziell anerkannte Cyborg. Matthieu Gafsou.

Völlig übertrieben? Ja, aber wohl bewusst. Die unterschwellige Ironie steht im Kontrast zum Eifer der technologischen Tüftler, ohne dass die Protagonisten lächerlich gemacht werden.

Staubsaugende Magnete

So muss man Schmunzeln, selbst wenn's auf den Bildern ans Eingemachte geht: Wenn Biohacker selbst Hand anlegen, um ihren Körper – wie andere ihr Auto – auszubessern und mit neuster Technik auszustaffieren, etwa mit Mikrochips und elektronischen Tattoos.

Oder mit Magneten unter der Haut, wie der Schweizer Julien Deceroi. Er ist ein sogenannter «Grinder», der den Körper in Eigenregie mit Implantaten erweitert.

Eine Fingerkuppe, an der kleine Metallsplitter hängen.
Legende: Julien Deceroi ist einer der wenigen Schweizer «Grinder»: Im Mittelfinger trägt er einen Magneten. Matthieu Gafsou

Er hat einen Sinn mehr als andere Menschen: Im Mittelfinger trägt er einen Magneten, um magnetische Felder zu erspüren. Natürlich lassen sich damit auch, wie mit einer Art magnetischem Staubsauger, Metallteilchen auflesen.

Eingefroren für die Ewigkeit

Das Lachen im Hals stecken bleibt einem auf der letzten Seiten des Bildbands: Es zeigt eine karge Industriehalle mit riesigen, weissen Bottichen.

Kriorus mit Sitz ausserhalb von Moskau, ist eine von drei Kryonik-Firmen weltweit. Die Crew um den Geschäftsmann Igor Trapeznikov, selbst ein Cyborg, will Menschen mit wissenschaftlichen Methoden unsterblich machen.

Vier Männer und eine Frau in matten Kitteln blicken ernst in die Kamera.
Legende: Pioniere des ewigen Lebens: Die Crew von Kriorus präpariert Leichen für die spätere Wiederbelebung. Matthieu Gafsou

Dafür haben sie eine Methode entwickelt, Tote so einzufrieren, dass sie später wieder zum Leben erweckt werden können.

Gesetze gibt es dafür bisher kaum. In den Bottichen warten tiefgefrorene Hirne und Körper auf zukünftige Wiederbelebung – und das ewige Leben.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Armin Meile (MrMele)
    Nun ja, wer das Gefühl hat, das Leben auf unserer Erde beschränke sich auf die materielle Ebene, der ist offen für solch abstruse Ideen wie eine scheinbare Weiterentwicklung des Menschen oder das Streben nach materieller Unsterblichkeit. Aus spiritueller Sicht haben Transhumanisten eine sehr eingeengte Wahrnehmung, denn das Prinzip der Endlichkeit unseres Lebens ermöglicht erst eine wirklich substanzielle Entwicklung.
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  • Kommentar von Jeanôt Cohen (Jeanot)
    Ich bin dieser Wahn glückligerweise nicht verfallen, immer jung sein, und auch noch ewig zu leben. Ich darf glücklig und alt in absehbarer Zeit in Ruhe sterben. Mein vorteil: ich weiß was nachher kommt.
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