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Buch zu Frida Kahlo An der Grenze zum Voyeurismus

Kleider, Schminke, Beinprothese: Ein neues Buch zeigt die persönlichen Dinge der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo. Das ist oft aufschlussreich, manchmal aber sehr intim.

Porträt einer Frau mit fast zusammengewachsenen Augenbrauen
Legende: Monobraue und Damenbart: Selbstporträt der Künstlerin Frida Kahlo, die sich gängigen Schönheitsidealen entzog. Jacques and Natasha Gelman Collection

Alles ist da, was von einem Menschen nach dem Tod bleibt: Briefe, Zeichnungen, Medikamente, Schminksachen, Kleidung, Schmuck. Auch ihre medizinischen Korsetts hat Frida Kahlo hinterlassen.

Ihr Ehemann, der Wandmaler Diego Rivera, hat alles weggeschlossen, weil er Kahlos Besitz bis nach seinem eigenen Tod unangetastet haben wollte.

Im Badezimmer gefunden

Es dauerte insgesamt 50 Jahre, bis man das vollgestopfte Badezimmer in Kahlos Wohnhaus in der Nähe von Mexico City aufgeschlossen hatte. Der Fund eröffnete einer neuen Frida-Kahlo-Forschung Tor und Tür.

Frau mittleren Alters auffälligem Hals- und Ohrenschmuck, roter Schleife im Haar und ernstem Blick.
Legende: Frida Kahlo präsentierte sich meist als stolze Frau mit ihrem eigenen Stil. Nickolas Muray / Photo Archives

Wie kaum eine andere Künstlerin hat Frida Kahlo ihre persönliche Aufmachung in ihre Werke miteinbezogen. Es sind vor allem Selbstporträts.

Mit ihnen zeigte sie ihre eigene Realität: Sie malte ihre Ängste und Schmerzen. Den körperlichen Schmerz, weil wegen einer Polio-Erkrankung ihr rechtes Bein verkümmert war. Und weil sie mit 18 Jahren beinahe in einem Verkehrsunfall umgekommen wäre. Den seelischen Schmerz, weil sie unter ihrer Kinderlosigkeit, aber auch unter der Untreue ihres Ehemannes litt.

Behinderung, Ängste und Schmerzen

Weil sie nach ihrem Unfall lange liegen musste, begann sie zu malen. Sie montierte einen Spiegel im Bett und malte das, was sie sah – sich selber.

Zeit ihres Lebens musste sie medizinische Korsetts und Gipsgestelle tragen. Ihre körperliche Versehrtheit zeigt sie in ihren Gemälden: Einmal ist ihr Körper transparent und anstelle der Wirbelsäule sehen wir eine gebrochene antike Säule.

Eine Frau betrachtet ein Gemälde, das eine Frau mit einer antiken Säule anstelle einer Wirbelsäule zeigt
Legende: Ihre körpliche Versehrtheit war auch Thema in ihren Gemälden: «La Columna Rota» von Frida Kahlo Reuters

In der Realität wie in ihrem Werk zeigt sie sich bevorzugt als stolze Frau mit hochgesteckter Frisur und vielen Blumen im Haar. Dazu trug sie Tehuana – eine traditionelle Bekleidung der Zapoteken. Diese matriarchalisch organisierte Volksgruppe gehört zur Urbevölkerung Mexikos.

Gemälde einer Frau, deren Gesicht von einem aufwändigen Kopfschmuck eingerahmt ist.
Legende: Frida Kahlo trug oft traditionelle Bekleidung der Zapoteken, einer Bevölkerungsgruppe, von der Kahlo abstammte. Privatsammlung / Victoria and Albert Museum

Frida Kahlo stammte mütterlicherseits von den Zapoteken ab. In ihrem Nachlass fand man Tehuana-Bekeidung wie Blusen, Röcke und Capes.

Hinweis auf Kahlos Arbeitsweise

Diese Original-Kleidung ist aufschlussreich für die Erforschung von Kahlos Arbeitsweise. Frida Kahlo hat zum Beispiel Jade-Steine aus präkolumbianischer Zeit gesammelt und zu Ketten aufgereiht. Auf einem dieser Steine finden sich grüne Farbstriche. Offenbar hat Kahlo am echten Objekt versucht, den richtigen Farbton zu treffen. Denn auf einem ihrer Bilder trägt sie genau diese Kette.

Jadestein-Kette auf weissem Hintergrund
Legende: Jade-Kette mit Farbspuren: Manche Objekte geben Hinweise darauf, wie die Künstlerin gearbeitet hat. Diego Rivera and Frida Kahlo Archives / Javier Hinojosa

Solche Erkenntnisse sind spannend. Doch bei anderem aus dem Nachlass stellt sich die Voyeurismus-Frage – zum Beispiel bei einer angebrochenen Creme für Wimpern- und Brauenwachstum.

Creme für Brauenwachstum

Frida Kahlo war auch eine Ikone der Feministinnen: Sie hat sich dem gängigen Schönheitsideal entzogen. Ihre Augenbrauen wuchsen über der Nase zusammen – sie hat sie nicht immer ausrasiert.

Die Monobraue wurde zu ihrem Markenzeichen. Durch den Fund der Creme weiss man nun, dass sie sogar versucht hat, ihre Brauen stärker wachsen zu lassen. Doch muss man das wissen?

Buchhinweis

Claire Wilcox & Circe Henestrosa: «Frida Kahlo Stilikone». Prestel Verlag, 2018.

Ob es im Sinne Kahlos ist, alle Funde zu veröffentlichen, bleibt fraglich. Tatsache ist: Frida Kahlo hatte keine Berührungsängste, auch ihre eigene Geschichte in ihrer Kunst zu thematisieren. Das ist für die Kuratorinnen und Wissenschaftler, die die Hinterlassenschaft aufarbeiten, Legitimation genug.

Kurz vor ihrem Tod musste sich die damals 46-jährige Kahlo ihr versehrtes Bein amputieren lassen. Fortan benutze sie eine Beinprothese – mit knallrotem Stiefel und chinesischer Stickerei versehen. Auch diese ist in ihrem Nachlass aufgetaucht.

Beinprothese in roten Stiefeln
Legende: Nach einer Beinamputation trug Kahlo eine Prothese mit rotem Stiefel. imago / ZUMA Press

Kahlos Beinprothese wirft einen auf die eigenen Stereotypen zurück: Wie gehen wir heute mit Gebrechlichkeit und Behinderung um? Im Zeitalter der sozialen Medien und der Allgegenwärtigkeit von Selfies und Posieren streben viele nach körperlicher Perfektion.

Ausstellung zu Frida Kahlo

Die Ausstellung «Frida Kahlo: Making Her Self Up, Link öffnet in einem neuen Fenster» ist noch bis zum 4. November im Victoria and Albert Museum in London zu sehen.

Frida Kahlo hat ihre Gebrechen immer sichtbar gemacht – in ihrer Kunst. Sie hat sie als Teil ihrer Existenz gesehen.

Und dies längst bevor der geniale englische Wunderdesigner Alexander McQueen 1999 das englische Model Aimee Mullins mit Beinprothesen auf den Laufsteg schickte. Hier zeigt sich: Frida Kahlo war ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus.

Korrektur: In einer ersten Version des Artikels stand zu Beginn fälschlicherweise, dass er sich auf die Ausstellung zu Frida Kahlo in London beziehe. Dieser Fehler entstand bei der Bearbeitung des Artikels. Die Autorin bezieht sich im Artikel ausschliesslich auf das Buch zu Frida Kahlos Nachlass. Der fehlerhaft Abschnitt wurde korrigiert.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Fabienne Eggelhöfer (Eggelhoefer)
    Ich finde es schon ein bisschen befremdend, wenn eine halbstündige Sendung über eine Ausstellung ausgestrahlt wird, die die Journalistin nicht gesehen hat. Umso mehr wenn es vor ein paar Monaten die umfangreichste Frida Kahlo Ausstellung in Mailand zu sehen gab, die sich auf jahrelange Forschung stützte und daher einem breiten Publikum unzählige Leihgaben präsentieren konnte, die noch nie öffentlich ausgestellt waren.
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    1. Antwort von Origi Makambi (Orikambi065)
      Also ich finde es überhaupt nicht befremdend, wenn eine Journalistin eine Sendung über eine Ausstellung macht, die sie nicht gesehen hat. Man merkt in diesem Beitrag sehr gut, dass sie sich extrem gut informiert hat.
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    2. Antwort von SRF Kultur
      Guten Tag, Noëmi Gradwohl spricht in diesem Artikel vom neu erschienen Buch mit dem Nachlass von Frida Kahlo - nicht von der Ausstellung in London. In einer ersten Version des Artikels stand zu Beginn des Artikels fälschlich, dass er von der Ausstellung handle. Dies entstammt einem Missverständnis bei der Bearbeitung des Artikels. Wir bitten für den Fehler um Entschuldigung.
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