Ein junger schwarzer Mann rennt um sein Leben. Er versucht verzweifelt, den Fängen der britischen Polizei zu entkommen, die ihn aber mit Gewalt doch noch zu Boden ringt – diese Szene ist zurzeit auf einem der vielen Monitore im Erdgeschoss des Migros Museums für Gegenwartskunst zu sehen. Ein Zeitdokument über die sozialen Unruhen in Birmingham 1985.
Kunst als Werkzeug der Gegenwart
Im oberen Stock ist auf anderen Monitoren der weltweite Protest von Frauen zu sehen, die für mehr Rechte demonstrieren. Daneben zeugen Videos vom Kampf geflüchteter Menschen für ein besseres Leben. All diese Szenen gehören zum sogenannten «Disobedience Archive», einer Sammlung von Videos, die sich mit zivilem Ungehorsam auseinandersetzen.
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Bild 1 von 4. Die Ausstellung reagiert auf unsere unsichere Gegenwart mit einem offenen, flexiblen Raumkonzept. Als Inspiration dient das Shamiana: ein einfaches Zeltdach aus Südasien, das schnell aufgebaut ist und Menschen einen temporären Schutz- und Begegnungsraum bietet. Bildquelle: Migros Museum/Disobedience Archive/Studio Stucky.
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Bild 2 von 4. Das «Disobedience Archive» wurde 2005 vom Kurator und Theoretiker Marco Scotini ins Leben gerufen und ist ein sich stetig wandelndes Videoarchiv ohne festen Standort. Es widmet sich der Beziehung zwischen künstlerischer Praxis und politischem Handeln. Bildquelle: Migros Museum/Disobedience Archive/Studio Stucky.
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Bild 3 von 4. Die Filme zeigen unterschiedliche Formen des Widerstands, des sozialen Kampfes und der kollektiven Selbstorganisation. Bildquelle: Migros Museum/Disobedience Archive/Studio Stucky.
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Bild 4 von 4. Anders als die vorherrschende Geschichtsschreibung, die sich hierarchisch und linear aufbaut, versteht dieser Ansatz Fortschritt als ein Geflecht möglicher Beziehungen. Bildquelle: Migros Museum/Disobedience Archive/Studio Stucky.
«Es geht nicht um Ungehorsam als Verweigerung, sondern vielmehr als Aufruf, zusammenzukommen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln, wie wir zusammenleben wollen», sagt Yasmin Naderi Afschar, Co-Leiterin des Migros Museums. Für sie wird die aktuelle Jubiläumsausstellung «Disobedience Archive (Canopy for Broken Time)» der Idee des Museums mehr als gerecht: «Wir verstehen zeitgenössische Kunst als Werkzeug, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, die uns umgibt. Und wir schaffen Räume, in denen das möglich wird.»
Nationale und internationale Kunst-Startbahn
In dieser Tradition steht das Migros Museum seit 30 Jahren: Am 5. Mai 1996 wurde im Zürcher Löwenbräu-Areal die Kunstsammlung der Migros einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Ursprung der Sammlung geht noch weiter zurück, bis in die 1950er-Jahre, als der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler begann, zeitgenössische Kunst zu sammeln, um Schweizer Kunstschaffende zu unterstützen und die Kulturszene im Allgemeinen zu fördern.
Dieser Gedanke wurde dann 1996 auch vom neu gegründeten Migros Museum übernommen. Von Anfang an ging es um die Förderung nationaler und internationaler Kunstschaffender, sagt Yasmin Naderi Afschar: «Das Migros Museum für Gegenwartskunst hat immer wieder internationale Kunstschaffende, die später dann Weltkarrieren hatten, relativ früh in die Schweiz gebracht. Gleichzeitig war das auch für die Bevölkerung hier eine Möglichkeit, mit internationaler Kunst in Berührung zu kommen.»
Im Sinne des Erfinders
Bruce Naumann, Maurizio Cattelan, Christoph Schlingensief, Heidi Bucher, Urs Fischer – die Liste der renommierten Künstlerinnen und Künstler, die in der Vergangenheit im Migros Museum zu sehen waren, ist lang.
Das Besondere ist: Seit drei Jahren ist der Eintritt fürs Migros Museum für Gegenwartskunst kostenlos. Eine bewusste Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen, sagt die Co-Leiterin Yasmin Naderi Afschar. In Zeiten von Vereinzelung, Einsamkeit, aber auch Polarisierung und weltanschaulichen Gräben, sei das Museum als barrierefreier Begegnungsort umso wichtiger geworden.
Das Migros Museum für Gegenwartskunst versteht sich als Ort des sozialen Austauschs und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen – auch nach 30 Jahren also ganz im Sinne des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler.