Comics auf iPad und Co.

An der 11. Ausgabe des Animationsfilmfestivals Fantoche in Baden beschäftigen sich eine interaktive Austellung und ein Seminar mit so genannten Motion Comics: Bildergeschichten, die auf digitalen Bildschirmen zum Leben erwachen.

In «Monde binaire» von Julien und Baptiste Milési erweckt das Handy-Display das herkömmliche Comic-Buch zum Leben. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «Monde binaire» von Julien und Baptiste Milési erweckt das Handy-Display das herkömmliche Comic-Buch zum Leben. Julien und Baptiste Milési

Etwas länger als zehn Jahre gibt es Motion Comics nun schon. Einfach gesagt handelt es sich um ein Mittelding zwichen einem Comic und dessen Verfilmung: Ein Motion Comic ist eine klassische oder digitale Animation, in der Standbilder aus Graphic Novels aufeinander folgen und mit Musik und Schauspielerstimmen unterlegt sind. Zooms und Schwenks kommen vor, einzelne animierte Elemente sind integriert, aber der visuelle Eindruck bleibt statischer Natur: Die ästhetische Nähe zum Comic in Buchform wird angestrebt.

Christian Ströhle, Spezialist für Film und Transmedia Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Ströhle, Spezialist für Film und Transmedia, hat sich fürs Fantoche mit dem Phänomen Motion Comics befasst. ZVG

Zumindest auf DVDs sind Motion Comics nie wirklich populär geworden – einerseits waren sie verschrien als Comics für Lesefaule, andererseits waren sie auf der technischen Ebene den aufwändigen Comic-Verfilmungen für die Kinos stets unterlegen. Doch in der jüngsten Zeit erlebt das Genre eine Renaissance: portable Bildschirme, interaktive Optionen und die Möglichkeit, einen Motion Comic nicht mehr als Film, sondern als Applikation zu verkaufen, sorgen für Aufwind in der Branche.

Gezeichnete Kunst für Screens

Christian Ströhle, Spezialist für Film und Transmedia, hat für die 11. Ausgabe des Animationsfilmfestivals Fantoche in Baden das Phänomen Motion Comics unter die Lupe genommen und eine Ausstellung mit begleitendem Seminar organisiert. «Wir befinden uns an einer jungen, kreativen Schnittstelle von Illustration, Animation, Interaktion und Game Design. Die Sprache des Papiercomics wird auf digitale Medienträger übersetzt und mit diversen neuen Medieninhalten wie Sound Design kombiniert und ergänzt.»

Ideale Trägermedien für Motion Comics sind Laptops, Tablets und Smartphones: «Es ist, als würde man ein Buch lesen», erklärt Ströhle. «Aber man kann mit dem Finger von Illustration zu Illustration wischen, das Bild kippen, zoomen und so weiter. Es sind spielerische, animierte Elemente dabei, aber im Gegensatz zu einem Film oder Game bestimmt man den Leserhythmus selbst.»

Natürlich haben die beiden grossen US-Comicverlage Marvel Comics und DC Comics das Potenzial der Kunstform längst erkannt und versorgen Tablet-Leser mit dazu passenden Apps, aber auch immer mehr unabhängige Autoren und Entwickler probieren sich daran aus. Konkret vorgestellt werden am Fantoche fünf Projekte, bei denen zuerst einmal auffällt, wie unterschiedlich sie konzipiert sind.

Zwischen Papier und Bildschirm

«Monde binaire» von Julien und Baptiste Milési aus Genf ist ein schwarzweisser Comic in Buchform, der an vielen Stellen grafische Elemente enthält, die wie ein Barcode von einem iPhone eingelesen werden können, das zuvor mit einer App ausgestattet wurde. Das Handy wird dann auf das Buch gelegt, und auf dem Display erwacht die Geschichte zum Leben.

Still aus dem Comic der App Wagnerwahn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Zielgruppe der App «Wagnerwahn» ist relativ klar: Liebhaber der klassischen Musik. GBF

«WagnerWahn» der Gebrüder Beetz ist ein für iPads optimiertes interaktives Buch, das mit viel Klangeffekten und Texteinschüben das Leben von Richard Wagner erzählt. «Interessant an diesem Projekt ist, das es sich an eine bestehende Zielgruppe wendet, nämlich die Liebhaber von klassischer Musik, und sie an das neue Medium heranführt. Aber natürlich lassen sich mit Motion Comics auch neue Zielgruppen erschliessen», ergänzt Ströhle.

«The Art of Pho» von Lois van Baarle und «The Killer» von Fons Schiedon basieren beide auf ursprünglich in Papierform erschienen Comics und können online in einem PC-Browser betrachtet werden. Beiden Werken spürt man die Bemühung an, die gezeichneten Originale um dynamische Elemente zu ergänzen, ohne an ihrem Stil etwas zu verändern.

Bereit für Innovationen

Das für Tablets bestimmte «Upgrade Soul» von Ezra Clayton Daniels schliesslich bringt eine zusätzliche Neuheit ins Spiel: 3D-Effekte, die auch ohne Brille räumlich wirken. Ein weiterer Beweis, dass den Motion Comics keine Grenzen gesetzt sind, wenn es um technische Neuerungen geht. Das wird auch in Zukunft so sein, wenn Konzepte wie Augmented Reality und intelligente Brillen in unser Leben Einzug halten.

«Wir befinden uns auch nach zehn Jahren immer noch in einer Pionierphase», resümiert Ströhle. «Am wichtigsten ist es zurzeit, dass die zahlreichen Tablet-Besitzer diese Motion-Comic-Angebote kennen, finden und nutzen.»