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Tutti a Casa: Der Blick eines Fotografen auf die Menschen zuhause
Aus Kultur-Aktualität vom 22.04.2020.
abspielen. Laufzeit 03:39 Minuten.
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Corona in Bildern Der Blick auf die Balkone – aus der Ferne und doch intim

Corona in Bildern: Ein Schweizer Fotograf porträtiert von der Strasse Menschen, die aktuell zuhause bleiben.

«Hallo, entschuldigen Sie die Störung. Ich mache eine Fotoserie zu Menschen auf ihren Balkonen.» Der Fotograf Marko Stevic steht im Quartier Sous-Gare in Lausanne. Auf dem Balkon sitzen vier Frauen und trinken Kaffee.

Sie sind sofort einverstanden, dass der 33-Jährige Fotos von ihnen macht. Danach fragt er nach den Vornamen der Frauen: Vanessa, Tara, Samanta und Georgia. «Wollen Sie auch meine Telefonnummer?», fragt die eine Frau lachend. «Derzeit ist das wirklich schwierig.»

Vier junge Frauen stehen und sitzen auf einem Balkon.
Legende: Zusammen zuhause: Telefonnummern werden allerdings keine getauscht. Marko Stevic

Marko geht weiter um das Wohnhaus. Er trägt Vollbart und ein T-Shirt, auf dessen Rückseite auf Serbisch steht: «Alle zusammen».

Serbien und die Schweiz, das sind die zwei Welten des Marko Stevic. Er ist in der Westschweiz aufgewachsen und hat die Kunsthochschule ECAL in Lausanne besucht.

Ältere Menschen sind skeptisch

Im Wohnhaus der vier Frauen wollte er eigentlich Selam einen Besuch abstatten, einer Freundin von ihm. Doch beim Weg um das Haus wartet schon das nächste, unerwartete Porträt: Aïcha steht auf dem Balkon, auch sie willigt ein. Ihr Vorname schreibe sich gleich wie das Lied: «A-ï-c-h-a».

Auf dem Balkon über ihr schaut ein älterer Mann heraus. Er will sich nicht fotografieren lassen und geht wieder in seine Wohnung.

Eine Frau auf einem Balkon.
Legende: Aïcha lässt sich fotografieren. Der ältere Herr im Stock über ihr will nicht. Marko Stevic

Eine Erfahrung, wie sie Marko Stevic immer wieder macht auf seinen Streifzügen durch Lausanne. Jüngere Menschen willigen oft ein, bei den Pensionären ist die Skepsis grösser und es gibt viele Absagen.

Drei Puzzle, Küche, Ofen

Als Marko Stevic endlich um den Block gegangen ist, freut sich Selam, ihn zu sehen. Wie es ihr gehe? «Ça va», sagt sie. Sie habe schon den Keller aufgeräumt, den Kühlschrank geputzt und auch den Backofen. Drei grosse Puzzle habe sie gemacht. Jetzt gingen ihr die Aktivitäten langsam aus.

Eine Frau steht auf ihrem Balkon, lächelt.
Legende: Eine willkommene Abwechslung: Auch Selam freut sich über den Besuch. Marko Stevic

Was auffällt beim Spaziergang mit Marko Stevic: Die Leute freuen sich über den Besuch. Auch das ist anders als in Zeiten von Courant Normal, wenn jeder voll beschäftigt ist.

Stevic organisiert seine Spaziergänge jeweils den Wohnungen von drei bis vier Freunden nach. So hat er einige Fotos auf sicher.

Ein junger Mann lehnt aus einem Fenster, darunter ein Leuchtschriftzug.
Legende: Nicht immer ist es ein Balkon: Seinen Bekannten Hervé sieht Marko Stevic am Fenster. Marko Stevic

Für ihn als Fotograf ist die Corona-Krise auch eine Chance. Er war schon vor dem Lockdown ohne festen Job. Nun wird die Fotoserie in einem Buch und einer Ausstellung münden.

Begegnen trotz Stay Home

Den Nachmittag begonnen hatten wir in seinem Quartier, im oberen Teil der Stadt Lausanne. Auf dem Balkon im dritten Stock steht Ngoclan, eine Nachbarin von Marko Stevic. Er dirigiert sie per Telefon, lichtet sie ab, über ihr eine Fähnchen-Girlande: «Stay Home».

Ein Mann steht auf einer Strasse und streckt ein Teleskop-Mikrophon in Richtung einer Frau auf einem Balkon im zweiten Stock.
Legende: «Stay Home» steht hinter Ngoclan. Auch SRF-Redaktor Andreas Stüdli spricht mit ihr auf Distanz. Marko Stevic

Auch mit Fatma hat der Fotograf abgemacht. Sie schaut aus einem Fenster. Auf dem Weg zu ihr entdeckt ihn Hervé – mit ihm hatte sich Marko Stevic nicht verabredet, er kennt ihn aber. Hervé hat gerade wieder begonnen zu arbeiten, zuvor war er auf Kurzarbeit.

Jedes Foto ein Stück Geschichte

Auch zur Mutter eines Freundes von Marko Stevic geht es an diesem Nachmittag noch. Es ist die Mutter des Regisseurs Basil de Cunha, der gerade mit dem Schweizer Filmpreis für die beste Kamera ausgezeichnet wurde.

Sie wohnt in der Dachwohnung eines Mehrfamilienhauses. Weit weg von der Strasse aus fotografiert Marko Stevic – keine einfachen Bedingungen für gute Bilder.

Eine Frau sitzt an ihrem Dachfenster und blickt zum Fotograf hinunter.
Legende: Unter Dach: Aus manchem Blickwinkel gelingen gute Bilder gar nicht so einfach. Marko Stevic

Aber genau das mache den Charme dieser Serie aus, sagt er. «Diese spezielle Zeit muss man einfach dokumentieren.» Und: «C’est historique.»

Jedes Foto sei ein Stück Geschichte, auch wenn das Konzept dahinter einfach sei. Solange der Lockdown noch anhält, schaut Marko Stevic in Lausanne weiter auf die Balkone und die Fenster.

Das Projekt

«Tutti a Casa» nennt Marko Stevic seine Fotoserie zum Lockdown. Weitere Bilder gibt es hier, Link öffnet in einem neuen Fenster zu sehen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 22.4.2020, 17:20 Uhr

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