Das heilige Monster der Porträtmalerei Lucian Freud

Die Gemälde Lucian Freuds erzielen Sensationspreise. Sein berühmtes Porträt der Queen hängt im Buckingham Palace, und der russische Oligarch Abramowitsch hat für ein anderes 33 Millionen Pfund hingeblättert. Jetzt erobert Freud das Kunsthistorische Museum in Wien. Seinen Grossvater hätte es gefreut

Lucian Freud, das heilige Monster der Porträtmalerei, liebte das Risiko, ja, man kann sagen: Der Mann war ein Riskio-Junkie. In jüngeren Jahren hatte der 2011 verstorbene Künstler ein Faible fürs Schlittschuhlaufen, weil man einbrechen und fürs schnelle Autofahren, weil man verunglücken konnte. Spielsüchtig war Freud auch, aber nur, solange die Kunstproduktion bloss karge Erträge abwarf. Sobald der Maler zu Geld gekommen war und das Risiko des Existenzverlusts sich erheblich relativierte, hörte Freud über Nacht mit dem Spielen auf.

Upperclass und Unterwelt

Der Künstler Lucian Freud auf dem Sofa mit einem jungen Fuchs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Lucian with Fox Cub»: Porträtfoto des Künstlers Lucian Freud aus einer Privatsammlung. David Dawson/The Bridgeman Art Library

Mythen und Anekdoten aller Art ranken sich um den Londoner Maler, der britische Aristokraten ebenso porträtierte wie halbseidene Unterweltler und alltägliche Durschnittstypen von nebenan. Genüsslich druckt die Londoner «Daily Mail» dieser Tage einen Vorabdruck der neuen Lucian-Freud-Biographie von Geordie Greig ab. Hier wird der Künstler einmal mehr als Sex-Maniac mit hunderten Geliebten dargestellt, der es zur Vaterschaft von immerhin 14 Kindern gebracht hat und auch sonst Spleens und Marotten sonder Zahl gepflegt hat.

In der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum geht es um all die Freud-Mythen nur am Rande. In den altehrwürdigen Hallen des Kunsttempels an der Wiener Ringstrasse steht die Malerei des Meisters im Vordergrund. 43 Arbeiten aus 70 Schaffensjahren sind zu sehen. Bilder, die Lucian Freud – Enkel übrigens von Sigmund Freud – zum grössten Teil noch persönlich für die Wiener Schau ausgesucht hat.

Der beste Realist seit Velasquez

In rauen, breiten, bis zur Körnigkeit trockenen Pinselstrichen hat der «beste Realist seit Velazquez», als den ihn die Kunstkritik feiert, Freunde und Weggefährten, immer wieder aber auch sich selbst auf die Leinwand gebannt. Eines der eindrucksvollsten Exponate der Schau stammt aus dem Jahr 1993: Man sieht Lucian Freud pudelnackt in seinem Atelier stehend, in den Händen Palette und Malgerät, die Füsse in offenen Filzpantoffeln: Porträt des Künstlers als nackichter Oldie in Schlappen.

Imposant in jeder Hinsicht

Auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch hat als Leihgeber sein Scherflein zum Zustandekommen der Wiener Ausstellung beigetragen: Für eines von Lucian Freuds Porträts der übergewichtigen Londoner Arbeitsamtangestellten Sue Tilley hatte Abramowitsch vor einigen Jahren 33,6 Millionen Pfund hingeblättert. Ein in jeder Hinsicht imposantes Bild: Sue Tilleys opulente Fettwülste betten sich da als eindrucksvolle Körperlandschaft auf ein robustes Blümchensofa. Es ist nichts anderes als die pure Materialität des menschlichen Fleisches, die Freud da feiert.

Lucian Freud stand im Ruf, seine Modelle mitunter bis aufs Blut gequält zu haben. Das stimme so nicht, betont Jasper Sharp, Kurator der Wiener Ausstellung. Die Sitzungen mit dem Künstler gestalteten sich in aller Regel zwar mühsam und einigermassen aufreibend, immerhin musste man dem Meister drei Mal täglich Modell sitzen, und das oft mehrere Wochen lang: Die erste Sitzung fand üblicherweise am Morgen statt, die zweite nachmittags bei Tageslicht und die dritte abends bei künstlicher Beleuchtung.

Das ging natürlich nicht ohne Qualen ab, denn der Meister legte Wert auf äusserste Reglosigkeit. «Dabei hat Lucian Freud seine Modelle immer rührend umsorgt», hebt Jasper Sharp hervor. Die Herrschaften wurden bekocht und mit Musik und Poesie verwöhnt. Und wenn die Stimmung in den Keller zu sinken drohte, soll Freud seine Modelle mit dem Vortrag selbstgedichteter Limericks bei Laune gehalten haben.