Den Göttern der Anden ganz nah

In 3200 Metern Höhe, verborgen in einem engen Tal der Anden, liegt die monumentale Tempelanlage von Chavin - älter als die Pyramiden in Ägypten. Das Zürcher Museum Rietberg widmet Chavin nun eine aufwendig gestaltete Ausstellung: ein Fest für die Sinne.

Detailreich gestaltete Mundmaske eines Priesters aus Gold Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Goldene Mundmaske eines Priesters aus dem Kuntur-Wasi-Tempel, ca. 800-550 v. Chr. Ministerio de Cultura del Peru; Museo Kuntur Wasi Foto: Yutaka Yoshii

Sein Klang bringt das Zwerchfell zum Vibrieren: das Muschelhorn, das man in dieser Ausstellung stets im Ohr hat. Bei den Ritualen im 3000 Jahre alten Andentempel von Chavin spielte das Instrument eine zentrale Rolle: Es versetzte die Pilger mit seinem dramatischen Klang in eine jenseitige, göttliche Welt.

Ein multimediales Spektakel

Nebst Muschelhorn-Chören trug auch die Einnahme des meskalinhaltigen San-Pedro-Kaktusses dazu bei, die Menschen in einen anderen Bewusstseinszustand zu versetzen. Steinköpfe in der Tempelanlage – nun in der Ausstellung zu sehen – zeigen auf eindrückliche Weise die schrittweise Verwandlung eines Menschen in ein Jaguarwesen:

Menschengestaltige Mischwesen-Skulptur aus dem Tempel von von Chavin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Menschengestaltige Mischwesen-Skulptur aus dem Tempel von von Chavin. Ministerio de Cultura del Peru; Museo Nacional Chavin. Foto: Yutaka Yoshii

Als erstes ziehen sich die Mundwinkel zurück (eine Folge des Drogenkonsums), Reisszähne schiessen aus den Mundwinkeln, die Augen weiten sich und schliesslich steigt der Blick nach oben. Die Einheit mit der Gottheit ist vollzogen.

«Es war ein multimediales Megaspektakel», erklärt Ausstellungskurator Peter Fux die Vorgänge im Tempel. Lichteffekte, Bildhauerei, Landschaftsgestaltung, Musik, Drogen und performative Aufführungen trugen dazu bei.

Die Tempel standen in einer Konkurrenz zueinander, erklärt der Kurator: «Wer das eindrücklichste Spektakel bot, konnte am meisten Pilger und Tributpflichtige an sich binden.»

Lange vor den Inka

Chavin gilt als die andine Ursprungskultur. 2000 Jahre vor den Inka entwickelte sich hier mit einem Mal eine komplexe Gesellschaftsstruktur mit spezialisierten Handwerkern, Musikern und sozialen Klassen. Ausschlaggebend für den Kultursprung war vermutlich die Einführung der Bewässerungswirtschaft. Die monumentale Zeremonialanlage in einem Tal auf über 3000 Metern ist eine Folgeerscheinung dieser Produktivitätssteigerung.

Museumsbesucher als Pilger

Das Museum Rietberg begnügt sich nicht damit, 200 Objekte vor allem aus peruanischen Sammlungen erstmals ausserhalb Perus zu zeigen. Es nimmt den Besucher mit auf den Weg des Pilgers: Man durchschreitet drei Zeremonialplätze, bis man ins labyrinthartige Tempelinnere gelangt und der Hauptgottheit gegenübersteht.

Im Bann der Klänge

Chavin oder der Klang der Muschelhörner

4:15 min, aus Echo der Zeit vom 22.11.2012

Unterschiedliche Klangbilder, bestehend aus Muschelhorn-Chören, begleiten diesen Parcours. Der Posaunist Michael Flury hat sie im Rahmen einer musik-archäologischen Forschung geschaffen. Eine untergegangene Kultur wird so nicht nur zum Leben erweckt, sondern auch sinnlich erlebbar gemacht.

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