Der Geburtsort der Kriegsfotografie liegt auf der Krim

Die Krise auf der Krim beherrscht derzeit die Medien. Das war vor 160 Jahren gar nicht viel anders. Der historische Krimkrieg gilt als erster Medienkrieg. Und als Geburtsstunde der Kriegsfotografie.

Ab 1854 bekämpften sich Russland und eine Allianz aus britisch-französisch-türkischen Truppen im Krimkrieg. Und in diesem Krimkrieg betritt die Fotografie die Schlachtfelder, sagt der Kunsthistoriker Ulrich Keller, der an der University of California in Santa Barbara lehrt und sich auf historische Kriegsfotografie spezialisiert hat.

Menschenleere Befestigungen

Britische und französische Fotografen begleiteten ihre Truppen und brachten die noch junge Technik auf die Krim. Roger Fenton heisst der berühmteste dieser Fotografen. Doch die Fotos, die er und seine Kollegen schossen, die zeigten keine Kampfhandlungen, keine Soldaten im Konflikt, keine Schnappschüsse. Für dramatische Szenen war die Belichtungszeit viel zu lang. Sie dauerte über zehn Sekunden. Und die Kameras waren schwer.

Selbstporträt von Roger Fenton Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Selbstporträt des britischen Fotografen Roger Fenton. wikimedia

Zu sehen sind auf den Fotos aus dem Krimkrieg darum vor allem menschenleere Befestigungen, aufgenommen nach dem Kampf oder inszenierte Gruppenporträts von Offizieren und Landschaften.

Schon damals wurde inszeniert

Um ein solches Foto handelte es sich auch beim berühmtesten Bild aus dem Krimkrieg «The Valley of the Shadow of Death» zeigte eine unbefestigte Strasse die über einen Schotterhügel führt. Nur wer genau hinsieht erkennt überhaupt Spuren des Krieges: einige Kanonenkugeln liegen verstreut im Strassengraben.

Allerdings hat Fenton diese Szene in einer zweiten Aufnahme dramatisiert: Er verteilte die Kanonenkugeln auf der Strasse, um den Eindruck zu erwecken, die Kampfhandlung habe eben stattgefunden. Der Eingriff ist bedeutsam, denn er zeigt, dass Fotografie schon immer im Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Dokumentation stand.

Erhebende Souvenirs, keine Bilder für die Massen

Weitere historische Fotos aus dem Krimkrieg zeigen verlassene Befestigungen oder zerstörte Städte. Und auf keinem der Bilder sind Tote zu sehen. Obwohl nur wenige Jahre später mit derselben Technik viele Tote abgelichtet wurden: im US-amerikanischen Bürgerkrieg. Diese Fotos allerdings, so der Kunsthistoriker Ulrich Keller, entstanden für ein Massenpublikum, das Leichen sehen wollte.

Die Fotos aus dem Krimkrieg schossen Fenton und seine Kollegen für den britischen Adel und der verlangte nach erhebenden Souvenirs, nach Porträts siegreicher adliger Offiziere und nicht nach der Realität eines Krieges, nicht nach Tod und Verwüstung.

Seit Beginn also steht die Kriegsfotografie im Spannungsfeld von Manipulation und Wahrheit und als dritter Pol kommt dazu: die Erwartungshaltung des Publikums. Und das heisst auch: die Pionierzeit der Kriegsfotografie ist keineswegs unschuldig, sondern trägt die ganze Problematik um Wahrheitsansprüche, Propaganda und Fälschungen bereits in sich.

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