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Notre-Dame – Das verbrannte Herz der Grande Nation (Gespräch)
Aus Sternstunde Kunst vom 10.04.2020.
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Ein Jahr nach dem Brand «Notre-Dame steht für eine ganze Nation»

Kaum ein Bauwerk löst solch emotionale Diskussionen aus wie die Kathedrale Notre-Dame in Paris. Kriegt die mittelalterliche Kathedrale ein modernes Glasdach oder soll traditionell gotisch restauriert werden?

Der Wiederaufbau ist ein Politikum geworden, sagt Architekturhistoriker Dieter Schnell. Er glaubt aber, dass die Nation der grossen Baumeister selber am besten weiss, was zu Frankreich passt.

Dieter Schnell

Dieter Schnell

Architekturhistoriker

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Dieter Schnell ist Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur sowie Leiter des MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. Er forscht zu Denkmalpflegetheorien und Architektur seit dem 2. Weltkrieg

SRF: Innerhalb von nur zwei Tagen nach dem Brand kamen für ein lebloses Objekt eine Milliarde Euro Spendengelder zusammen. Wieso?

Dieter Schnell: So leblos ist das nicht. Jede Stadt hat ihre Symbolbauten: London hat die Tower Bridge, Berlin hat das Brandenburger Tor.

Aber die Notre-Dame ist wahrscheinlich das einzige Gebäude, das nicht nur für eine Stadt, sondern für eine Nation steht: für Frankreich, «la grande nation».

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Aus dem Archiv: Ein Tag nach dem Brand der Notre-Dame de Paris
Aus SRF News vom 16.04.2019.
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Es gab schnell Kritik an den Spendengeldern: Mit dem Geld hätte man besser humanitäre Projekte unterstützen sollen, die Zerstörung des Great Barrier Reefs aufhalten oder Plastik aus den Meeren fischen. Haben wir die Relationen verloren?

Was sind die Relationen von Emotionen? Es scheint dermassen emotional zu sein, dass das Geld locker sitzt. Das Great Barrier Reef ist geografisch und emotional weiter weg.

Sehnt man sich in diesen schnelllebigen Zeiten nach etwas Geschichtsträchtigem?

Sicher. Philosophen behaupten, es gab noch nie eine geschichtsversessenere Zeit als heute. Mit all den Flohmärkten, Museen und Mittelalterumzügen.

Der Franzose fühlt am besten, welche Art von Kathedrale für Frankreich angemessen ist.

Es hat damit zu tun, wie lang man Gegenwart empfindet. Gegenwart ist eigentlich nichts. Eine Sekunde voraus ist Zukunft, eine zurück ist Vergangenheit. Aber im Empfinden ist das nicht so.

Im 18. Jahrhundert hat ein Bauer sich noch ein Leben lang gegenwärtig gefühlt. Heute ist Gegenwart ein paar wenige Jahre, dann ist die Welt eine andere. Die Gegenwart ist gefühlsmässig geschrumpft. Und je kürzer sie sich anfühlt, umso wichtiger wird die Geschichte.

Die Notre-Dame ist ein Gemeinschaftswerk, an dem es immer wieder Restaurationen gab. Nach dem Brand diskutierten Fachleute: Restaurieren wir traditionell gotisch oder modern?

Der Franzose fühlt besser, was für Frankreich angemessen ist. Ich denke nicht, dass man diesen etwas banalen Unfall des Brandes für die nächsten 800 Jahre irgendwie visualisieren muss.

Die Frage stellt sich allerdings schon, ob die Restauration sich am Mittelalter orientiert oder zurückgeht auf den Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der die Kathedrale im 19. Jahrhundert restaurierte.

Diese Frage muss man im Sinne des Bauwerks lösen. Die Fachleute müssen diskutieren, was dem Bau am besten tut.

Emanuel Macron will die Notre-Dame innert fünf Jahren wieder aufbauen. Ist das realistisch?

In fünf Jahren sind wieder Wahlen. Macrons Aussage ist Wahlkampf und hat mit der Sache wenig zu tun. Es wird definitiv länger dauern. Nach 800 Jahren ist es auch egal, ob die Restauration fünf Jahre oder 15 Jahre dauert.

Es ist sinnvoll, dass man es bestmöglich macht. Aber wahrscheinlich ist man auch in fünf Jahren noch gar nicht so weit, dass man überhaupt bauen kann.

Das Gespräch führte Yves Bossart.

SRF 1, Sternstunde Kunst, 10.4.2020, 11:00 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Udo Gerschler  (UG)
    Statt das Geld irgendwelchen Rot-Grünen Spinnereien nachzuwerfen lieber nach Dresden schauen.Ein Glück wie erfolgreich die Frauenkirche und das Ensemble ringsherum aufgebaut wurde. Hoffendlich geht es Notre-Dame auch so.
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Diese heiligen Reliquien und Paläste sind nur ein Fass ohne Boden und reine Geld verschwendung, es gäbe viel notwendigeres und nützlicheres zu finanzieren!
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    1. Antwort von Samuel Müller  (Samuel Müller)
      Was zum Beispiel Herr Heusser? Geschichte beantwortet die Frage woher wir kommen. Und damit die Frage, was wir sind und wo wir jetzt und heute stehen. Es gibt zu viele Menschen die meinen heute sei normal und selbstverständlich. Ein Vorteil auch an Corona, ein Wachrütteln, speziell der verwöhnten jungen Generationen.
    2. Antwort von marc rist  (mcrist)
      @SM: Mag ja stimmen. Aber für die Selfies reicht die Frontseite von Notre- Dame locker. Das Kirchenschiff war nie sonderlich sehenswert, im Gegenteil, es war sogar hässlich.
  • Kommentar von Remo Tschanz  (remotschanz)
    Etwas Öl fürs Feuer: Die Milliarde wären heute in der COVID-Sars2-Forschung besser investiert... dies sagt sich als Nicht-Franzose etwas leichter. Mit Blick auf die Fallstatistik behaupte ich mal, dass die Franzosen die Italiener und (eventuell) die Spanier überholen werden.
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    1. Antwort von Dölf Meier  (Meier Dölf)
      Niemand spricht vom Teufel. Nur der kann weltweit ein solches Debakel verursachen . Ist das die Hauptprobe für die Übernahme der Weltherrschaft?