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Kunst «Ein religiöser Akt»: Daniel Eisenhut malt nackte Zürcher

Daniel Eisenhut geht es nicht um Voyeurismus, wenn er in einer Liveperformance nackte Zürcherinnen und Zürcher malt. «Es geht mir um die Begegnung, ums Menschsein», sagt der israelisch-schweizerische Künstler, der leidenschaftlich gegen Intoleranz und gesellschaftliche Ausgrenzung anmalt.

Daniel Eisenhut am Zeichnen.
Legende: Daniel Eisenhut bei seiner Performance in der Zürcher Jedlitschka Gallery. Daniel Eisenhut

SRF Kultur: Wie finden Sie Zürcherinnen und Zürcher, die bereit sind, nackt zu posieren?

Daniel Eisenhut: Ich frage einfach. Bis jetzt bekomme ich viele Zusagen. Einige wissen schon davon und warten, bis ich frage. Andere frage ich, ob sie Lust haben, zu posieren.

Ihre Zürcher Aktmodelle tragen alle eine Sonnenbrille. Warum?

Die Sonnenbrille ist ein Gag, ein Spiel mit dem urbanen Lifestyle. Aber sie ist auch eine Einladung zur Anonymität, wenn diese jemand braucht.

Was ist das Schöne daran, nackte Menschen zu malen?

Für mich ist das fast ein religiöser Akt. Ich begegne Gott, dem Göttlichen. Ich bin wie in Trance, weil ich jemanden sehe und mit jemandem zusammensein kann. Es gibt keine Zeit, keine Welt und keinen Lärm um mich herum. Es gibt nur das, was gerade ist.

Was bedeutet Nacktsein für Sie?

Wir sind alle nackt. Was uns trennt, ist die Frage: «Was muss ich anziehen, um dazuzugehören?» Es gibt viele Gruppierungen, die sich mit Kleidern abgrenzen: Polizisten, Politiker, orthodoxe Juden und orthodoxe Araber. Aber Kleider an sich existieren nicht. Wir sind alle nackt geboren und sterben alle irgendwann. Die Würmer sehen uns alle irgendwann mal nackt.

Grundsätzlich geht es ums Menschsein. Und wenn ein Mensch nicht bereit ist, sich zu zeigen, dann bin ich der letzte, der ihn zeigen würde. Es geht mir nicht um Voyeurismus, es geht um die Begegnung.

Eine Zeichnung einer nackten Frau.
Legende: Seine Kunst hat mit Voyeurismus nichts zu tun: Daniel Eisenheit mag es, nackte Körper zu zeichnen. Daniel Eisenhut

Warum malen Sie am liebsten nackte Menschen?

Das hat seinen Ursprung in meiner Kindheit. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, hat meine Mutter in Israel einen Aktmalkurs besucht. Als ich eine ihrer Zeichnungen gesehen habe, war ich wie in Trance, habe eine Kreide genommen und bin den Linien gefolgt. Mein Vater erwischte mich und fauchte mich an: «Was machst du da?» und ich sagte «Ich weiss es nicht».

Da wurde der Samen zum Aktmalen gepflanzt. Es dauerte lange, bis er keimte, aber ich habe seit damals immer Menschen nackt gesehen, habe sie mir nackt vorgestellt. Ich finde das einfach schön, interessant und spannend.

Die Menschen ziehen sich vor Ihnen aus. Sehen Sie denn auch ins Innere ihrer Modelle?

Wenn jemand in einen Raum kommt, dann weiss man, ob es ihm gut oder schlecht geht. Modelle sagen mir beim Betrachten ihrer Porträts oft, dass ich auch etwas aus ihrem Inneren sehe. Aber mir ist das nicht wichtig, ich mache es einfach gerne.

Viele Ihrer Arbeiten haben eine politische Dimension: Sie wählen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, Ausgegrenzte. Wie Schwule und Lesben in Weissrussland, die diskriminiert und schikaniert werden. Oder Sie porträtieren syrische Flüchtlingskinder. Welche ist Ihr nächstes politisches Projekt?

Ich werde mit palästinensischen und israelischen Veteranen arbeiten. Das heisst, Leute in meinem Alter um die 40 mit Kriegserfahrung. Leute, die ein Gewehr in der Hand hielten und auf jemanden schossen. Ich will nicht sagen, dass sie blutige Hände habe. Das ist zu grob. Aber Leute, die gegeneinander gekämpft haben, versuche ich durch das Malen auf die gleiche Ebene zu bringen. Nach langer Vorarbeit habe ich das erste Okay von palästinensischer und israelischer Seiten.

Werden auch da die Modelle nackt sein?

Nein, ich muss mich der Region anpassen. Ich kann nicht von mediterranen Männern verlangen, dass sie sich entblössen. Sie werden Unterhosen tragen, also Minimalkleidung. Es geht nicht darum, sie zu entblössen, sondern zu zeigen: So sieht dieser Mensch zu Hause aus.

Warum wählen Sie gerade diesen Konflikt zwischen Israel und Palästina?

Das Thema beschäftigt mich schon lange. Ich bin als Israeli aufgewachsen und habe ja auch diese Vorurteile. Gerade deshalb möchte ich zeigen, dass zwei Menschen in einer Scheisssituation sind, die gegenseitig ist. Das ist die Sache mit diesem Konflikt. Beide Seiten können sagen, sie haben Recht und beide Seiten haben Recht. Das ist eine Patt-Situation, die nur Kinder tötet. Wir haben schon genügend Kinder getötet.

Was wird man sehen auf Ihren Bildern?

Zwei Männer in Unterhosen. Alles andere wäre eine Verpackung. Darum geht es: Man sieht zwei 40-jährige Männer mit Kindern, die ihren Job machen und daheim sitzen. Und beide sind gleich, einfach auf der anderen Seite des Konflikts. Sie sind beide nur Menschen.

Zur Person

Daniel Eisenhut (geb. 1974) hat einen Schweizer Vater und eine israelische Mutter und ist in Israel aufgewachsen. 1997 immigrierte er in die Schweiz. Er hat ein eigenes Atelier und unterrichtet in den Fächern Kunst und Malen in der Schweiz und in Europa.

Veranstaltungshinweis

Daniel Eisenhut malt in der «Jedlitschka Gallery» in Zürich live Ganzkörperakte, täglich bis zum 2.Juli 2016.

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