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Kunst Eine Malerin zeigt, was Radioaktivität mit Insekten macht

Cornelia Hesse-Honegger warnt seit Jahren vor genetischen Schäden durch radioaktive Niedrigstrahlung. Ihre Erkenntnisse beim Zeichnen von geschädigten Wanzen sind heute durch Studien wissenschaftlich belegt. 2015 wurde sie mit dem Nuclear Free Future Award ausgezeichnet.

  • Nicht nur der Super-Gau gefährdet Menschen und Tiere.
  • Sogenannte Niedrigstrahlung wirkt über Jahre, bewirkt genetische Schäden und ruft Deformationen bei Insekten hervor.
  • Zeichnen und wissenschaftliche Arbeit verbinden sich bei Cornelia Hesse-Honegger zu einer neuen Symbiose.

Mutationen – schrecklich und schön zugleich

Als ich Cornelia Hesse-Honegger, Link öffnet in einem neuen Fenster zum ersten Mal begegne, in einem New Yorker Hotel, im Jahr 2011, ist sie auf dem Weg zu einer Konferenz mit Ärzten und Physikern, die sich mit der langfristigen Auswirkung von radioaktiver Strahlung befassen.

Der Atomunfall von Fukushima ist damals gerade ein halbes Jahr her, noch ist die Aufmerksamkeit weltweit gross, doch der Kreis derer ist klein, die sich mit den Folgen von atomarer Niedrigstrahlung auf Kleintiere beschäftigen.

Die Malerin ist eingeladen zu berichten von ihren Entdeckungen, die sie seit Jahrzehnten beim Zeichnen von Wanzen aus kontaminierten Gebieten macht: sie dokumentiert verformte Beine, Fühler und Flügel, aussergewöhnliche Farbmuster oder bizarre Auswüchse.

Bei einem Besuch in ihrem Haus im Entlebuch sehe ich zum ersten Mal ihre Gemälde im Original: die bunten Musterungen der «Heteroptera» (lat. Wanze) bestechen zunächst durch die Vielfalt ihrer Flügel.

Fast lassen die Farbschönheiten vergessen, dass es sich hier um Wanzen handelt, denen der Fühler aus dem Hinterleib wächst, deren Flügel sich nur als Klumpen entwickelt hat oder deren beide Körperhälften ihre Symmetrie verloren haben, weil ein Fühler ein Geschwür hat. Grauen und Faszination über den Aufbau des natürlichen Bauplans dieser Lebewesen halten sich die Waage.

Nicht nur der Super-Gau gefährdet

Als im Jahr 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl passierte, arbeitete Cornelia Hesse-Honegger als Wissenschaftliche Zeichnerin am Zoologischen Institut in Zürich.

Geübt im Zeichnen von mutierten Fliegen, und als Mutter sensibel der radioaktiven Strahlung gegenüber, wunderte sie sich damals, dass keiner ihrer wissenschaftlichen Kollegen die Frage stellte, ob die Schäden, die bisher im Reagenzglas bei Fliegen künstlich erzeugt worden waren, sich nun nicht in der «natürlichen» Umgebung abspielen würden.

Da sich keiner dafür interessierte, machte sie sich alleine auf den Weg: nach Südschweden zunächst, nach Sellafield, zu Atomkraftwerken in Deutschland und in der Schweiz, und später auch in die Nähe von Tschernobyl und nach Vietnam. Sie sammelte mehr als 16.000 Insekten und fertigte über 200 Bilder an.

Wanzen boten sich als Untersuchungsobjekte an, da sie über Generationen hinweg am selben Ort leben. Dort saugen sie mit ihren Rüsseln den kontaminierten Saft aus der Wirtspflanze.

Die Malerin regte Forschung an, doch beschwichtigten Wissenschaftler ihre Sorgen. Die Strahlung sei zu gering. Dass nicht nur Atomunfälle, sondern besonders die Niedrigstrahlung irreversible genetische Schäden verursacht, die erst in späteren Generationen sichtbar werden, ist mittlerweile belegt.

Zeichnen und Wissenschaft werden eins

Zeichnen und Malen sind für Hesse-Honegger Forschung, keine blosse Dokumentation. Gerade die minutiöse Wiedergabe ist für sie ein Weg, sich in den Gegenstand zu versenken, ihn in seiner Fülle zu sehen, mit seinen biologischen bis hin zu politischen Implikationen.

Es ist ein wochenlanger Prozess, in dem Cornelia Hesse-Honegger die nur wenige Millimeter kleinen Wanzen mit Hilfe der Lupe zunächst zeichnend überträgt auf eine Grösse von einem halben Meter, und dann detailliert den Farbauftrag aquarelliert.

Während mit Fotografie und Elektronenmikroskop etwas Vorbekanntes sichtbar gemacht wird, arbeitet Cornelia Hesse-Honegger umgekehrt: sie findet über dem langsamen Zeichenprozess etwas, wonach nicht gesucht werden konnte, weil es noch gar nicht bekannt war.

Buchhinweis

Cornelia Hesse-Honegger: «Die Macht der schwachen Strahlung – was uns die Atomindustrie verschweigt», Edition Zeitpunkt 2016

15 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Soltermann (ps)
    Hat es wissenschaftliche Relevanz, dass offensichtliche Facts ignoriert werden, nur weil inzwischen auf unserem Planeten die Vergleichsgruppen (frei von Niedrigstrahlung) fehlen? Schon die genaue Dokumentation eines IST-Zustandes hat Anerkennung verdient ... Man kann ihren Fingerzeig auch ignorieren um wissenschaftlich zu sein.
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  • Kommentar von Andreas Diethelm (Okapi)
    Es gibt nicht bloss eine Methode wiss. Erkenntnisgewinns, und die Scientific Community dreht sich allzuoft im Kreis, weil sie störende Befunde gerne als zufällige Anomalien übergeht, und bisweilen auch nicht frei von Standesdünkel oder Partikularinteressen ist. Lit.: L. Fleck, Th. Kuhn, P. Feierabend, etc. Glauben Sie nicht, die von ihr gemalten Arten seien nicht genügend in strahlungsfernen Gebieten untersucht worden, um den Unterschied in der Häufigkeit von sichtbaren Mutationen zu belegen.
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  • Kommentar von Peter Isler (SchweizerQualität)
    Das eigentlich relevante steht hier nur in der Einleitung: Ich würde gerne mehr zur Studie hören welche die Behauptungen angeblich wissenschaftlich stützt. Beim letzten Beitrag in Einstein zu Frau Hesse war davon nämlich nichts zu hören. Denn bei allem Respekt für ihren Einsatz und auch wenn die Resultate natürlich Sinn ergeben: Insekten im Umfeld von AKWs zu sammeln und zu zeichnen hat ohne Vergleichsgruppen aus nicht betroffenen Gebieten nullkommanull wissenschaftliche Relevanz.
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    1. Antwort von Willi Meier (wm)
      Sehr richtig! Die erwähnte Dissertation von J. Jenny enthält solche Vergleichsgruppen und kommt zum Schluss, dass Missbildungen von Wanzen in der Nähe von Kernkraftwerken NICHT häufiger auftreten als anderswo. - Apropos "MIssbildungen": Es ist nicht gesagt, dass ungewöhnliche Farbmuster prinzipiell unerwünscht sind. Sie könnten auch ein Mittel sein, um sich Aenderungen der Umwelt rasch anpassen zu können.
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    2. Antwort von Paul Soltermann (ps)
      Hat es fuer Herrn P.Isler wissenschaftliche Relevanz, dass offensichtliche Facts ignoriert werden, nur weil inzwischen auf unserem Planeten die (reinen) Vergleichsgruppen fehlen? Schon die genaue Dokumentation eines IST-Zustandes hat Anerkennung verdient ... ein Fingerzeig fuer die Menschheit eben.
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    3. Antwort von Paul Soltermann (ps)
      Was mich fasziniert an einem solchen "Lebensprojekt" ist der Lernprozess des Sehens den diese Kuenstlerin entwickelt hat. Dass viele Mutationen (zB. Fluegel in den Augen von Wanzen) keine Ueberlebenchance haben ist klar aber es koennte zB sein, dass es Exemplare gibt, welche durch Mutation eine deutlich bessere Ausgangslage haben und damit ihre "normalen" Artgenossen verdraengen koennen. Stichwort Unkraut bzw Untiere.
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    4. Antwort von SRF Kultur
      Wir haben den Artikel um Links auf einige Studien ergänzt, auf die sich Cornelia Hesse-Honegger bezieht.
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