Eine Mondsichel hinterfragt das Gipfelkreuz

Mit einer Mondsichel auf dem Gipfel der Freiheit im Alpstein wollte der Künstler Christian Meier seinem Ärger über christliche Gipfelkreuze Luft machen. Eine Aktion, die für Empörung sorgt, aber auch auf Verständnis trifft. Denn die Tradition der Gipfelkreuze hat auch fragwürdige Aspekte.

Sie ist drei Meter gross und leuchtet in der Nacht: Mit einer Mondsichel auf dem Appenzeller Berg Freiheit will der Künstler Christian Meier die Tradition der Gipfelkreuze hinterfragen. Als Atheist störe er sich an den Kreuzen, sagt er im Interview mit dem St. Galler Tagblatt.

Bei der Mondsichel liegt die Assoziation zum islamischen Halbmond nah. Die Aktion verfehlte ihre Wirkung nicht: Bei den lokalen Behörden gingen bald Beschwerden ein und Medien aus der Schweiz, Deutschland und Österreich berichteten darüber.

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Zur Person

Claudia Paganini ist Universitätsassistentin am Institut für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck. 2002 veröffentlichte sie das Buch «Dem Himmel nah… Von Gipfelkreuzen und Gipfelsprüchen» (Berenkamp Verlag).

Eroberte Berge

Dies überrascht nicht: «Religiöse Symbole haben eine sehr starke Symbolkraft. Religiöse Gefühle und Überzeugungen gehen den Menschen sehr nahe», erklärt die Theologin Claudia Paganini, die ein Buch über Gipfelkreuze geschrieben hat.

Die Tradition der Gipfelkreuze habe jedoch nicht nur eine fromme, religiöse Bedeutung. Das Gipfelkreuz sei auch eine symbolische Eroberung des Berges: «Für Alpinisten ist das Gipfelkreuz eine Art Handel mit Gott gewesen, eine Entschuldigung, dass man den Gipfel eingenommen und dadurch Gott gekränkt hat.»

Kein christliches Monopol

Die Frage, die der Künstler mit seiner Aktion aufwerfen wollte, findet Paganini berechtigt:«Wenn wir in einem Land leben, in dem unterschiedliche Religionen praktiziert werden, dann ist nicht einzusehen, warum nur Kreuze auf den Bergen stehen dürfen». Das Gipfelkreuz habe zwar eine lange Tradition, allerdings müssten sich Christen eingestehen, dass sie keinen Anspruch auf ein Monopol haben.

Der bekannte Bergsteiger Reinhold Messner geht sogar noch weiter: Für ihn haben religiöse Symbole in der Natur nichts verloren, wie er kürzlich in der Süddeutschen Zeitung sagte.

Paganini unterscheidet zwischen privaten und öffentlichen Plätzen: «Es ist eine Sache, wenn ich in meinem eigenen Garten eine kleine Hauskapelle baue. Es ist eine andere Sache, wenn ich das auf einem Gipfel mache, in der freien Natur, wo jeder gezwungen ist, das wahrzunehmen.»

Den Glauben in Frage stellen

Religiöse Symbole geben unserem Leben Sinn und Richtung, sagt Paganini. Künstlerische oder gar politische Aktionen mit religiösen Symbolen garantieren entsprechend emotionale Reaktionen: «Durch solche Akte sehen die Menschen ihren eigenen Glauben, ihren Überzeugungen angegriffen und in Frage gestellt.»

Christian Meiers Mondsichel hat zwar eine Diskussion in Gang gebracht, den Gipfel der Freiheit aber nicht endgültig erobert. Der Künstler hat den Behörden versprochen, die Installation wieder abzubauen. Nicht wegen verletzten religiösen Gefühlen, sondern weil er keine Genehmigung dafür hat.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 8. September 2016, 06.50 Uhr.