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Sammlung Ruth & Peter Herzog
Aus Kultur-Aktualität vom 17.07.2020.
abspielen. Laufzeit 05:09 Minuten.
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Fondation Herzog: Fotografien Und plötzlich macht es Klick

Die alten Fotos aus der Sammlung Herzog interessierten lange niemanden. Dabei verraten sie viel über die Gegenwart.

Seien es Aufnahmen von Schneekristallen, Glühwürmchen oder von Oma im Kreis der Familie: Ruth und Peter Herzog interessierten sich seit den 1970er-Jahren für das, was viele andere kaltliess: Für historische Fotografie ab 1840, die nicht von bekannten Fotografen gemacht wurde, sondern oft anonym und oft von Amateuren geknipst wurde.

Eine halbe Million Fotos hat das Sammlerpaar zusammengetragen. Gleich mehrere Ausstellungen in Basel zeigen nun einen Überblick.

Der Mond in Rot- und Blautönen.
Legende: Léon Gimpel: Anaglyph vom Mond (1923) as a collection by Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel. All rights reserved.

Zu sehen ist in allen Ausstellungen «vernacular photography», also Aufnahmen aus dem wissenschaftlichen, dokumentarischen oder privaten Rahmen.

Im Basler Kunstmuseum liegen zum Beispiel in Vitrinen einige wenige der sehr vielen Familienalben aus der Sammlung aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Fotoalbum
Legende: Familienalben und anderes: Porträts von Malern und Bildhauern von Pierre Petit, Charles Reutlinger, Pierre Etienne Carjat, Legé & Bergeron et al. © as a collection by Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel. All rights reserved.

Alle glücklichen Familien gleichen sich: Leo Tolstois Einsicht folgend, zeigen auch diese Fotos bürgerlicher Familien immer dasselbe: Säuglinge im Taufkleid, runde Geburtstage, Papas Lieblingshund. Jede Familie präsentiert sich als eine glückliche.

Sichtbar wird, wie sich visuelle Konventionen herausbilden. Bildtypen sind erkennbar. So wurde eine Familie und ihr Glück dargestellt – und manche dieser Regeln gelten heute noch, das zeigt ein Seitenblick auf Instagram.

Fotogeschichte der Ränder

Der spezielle Geschmack des Sammlerpaars sorgt dafür, dass die immer gleichen Fotos aus bürgerlichen Familien nicht langweilig werden. Nicht nur der Regelfall interessierte sie, sondern auch die Kuriosität.

So ist im Kunstmuseum neben europäischen Familienalben auch das Album eines Sultans zu sehen, der seine Haremsdamen fotografisch geradezu inventarisierte.

Alte Schwarzweissfotografie: Junge Frau mit der Federhut auf einem Balkon.
Legende: Frau auf einem Balkon in Paris. (Entstehungszeit: 1912-1915) as a collection by Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel. All rights reserved.

Zauber der Zeitreisen

So fremd diese Menschen in steifer Haltung und ernster Miene wirken, sie üben eine eigentümliche Anziehungskraft auf heutige Betrachterinnen und Betrachter aus.

Wer war die blinde Frau mit der runden Brille? Wem gehört die Hand, die ein Kind in der langen Belichtungszeit ruhig hält? Welche Geschichten stecken hinter den Fotos?

Die Fragen stellen sich umso drängender, als alle Fotos aus demselben Grund entstehen. Damals wie heute. Ein spezieller Augenblick soll festgehalten werden.

Die längst toten Menschen, die hinter der Kamera standen, taten dasselbe wie wir. Sie knipsten damals, wir knipsen heute. Über diese Parallele lässt sich gut in die Vergangenheit reisen.

Was ist die Fondation Herzog?

Ein Flohmarktfund in den 1970er-Jahren machte aus dem Basler Ehepaar Ruth und Peter Herzog passionierte Fotosammler. Im Lauf der Jahrzehnte sicherten sie grosse Mengen historischer Fotografien. Lange Zeit wurde der Bestand ihrer Sammlung auf 300'000 Fotos geschätzt.

Nach Digitalisierungs- und Inventarisierungsmassnahmen ist klar: Die Sammlung umfasst wohl 500'000 Fotos. Um die grosse Sammlung als Einheit auch für die Zukunft zu bewahren, ging sie 2015 an das «Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett».

Mustergültige Präsentation

Die Sammlung der Herzogs wuchert in diverse Richtungen, neben den Familienalben finden sich darin unzählige weitere Fototypen aus Presse, Industrie und Forschung.

Wie die frühneuzeitlichen Wunderkammern mit ihren Haifischzähnen, Porzellantassen und Riesenquallen dokumentiert diese Sammlung die menschlichen Versuche, die sichtbare (und sogar nicht-sichtbare) Welt zu begreifen. Darin ist sie ausserordentlich.

Im Kunstmuseum Basel findet sie zu einer ausserordentlichen Präsentation: Über Vitrinen ist die Archivsituation dieser oft sehr kleinen Quellen und Originaldokumente präsent, an den Wänden sorgen grosse Projektionen der historischen Fotos für museal inszenierte Höhepunkte.

Ausstellungshinweise

  • Kunstmuseum Basel: The incredible World of Photography. Sammlung Ruth und Peter Herzog (18.7.-4.10.)
  • Historisches Museum Basel: «Mittelalter & Moderne – Fotografien aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog (18.7.-4.10.)
  • Antikenmuseum Basel: Oriental Grand Tour. Fotografien aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog (13.9.-13.12.)

Nach den ersten Sälen, die sich ganz der Fotosammlung widmen, konfrontiert der zweite Teil der Ausstellung die historischen Fotos mit Bildern aus der Sammlung des Kunstmuseums.

Der Eiffelturm ist auf historischen Fotografien zu sehen und auf einem der zersplitterten Bilder von Robert Delaunay. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Warum gilt das eine als Kunst und das andere nicht? Und sahen Fotograf und Maler eigentlich dasselbe?

Dass diese Ausstellung zum konzentrierten Sehen, Bilderlesen und Fragenstellen verführt, ist ihr grosses Plus.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kuktur Aktualität, 17.7.2020, 07:20 Uhr

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