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Durch die Linse - Fotografien aus dem Psychiatriealltag
Aus Kultur-Aktualität vom 30.03.2021.
abspielen. Laufzeit 03:48 Minuten.
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Foto-Ausstellung So war das Leben in der «Psychi» wirklich

Alltag in der Anstalt: Was spielte sich früher in den psychiatrischen Kliniken der Schweiz ab? Diese Fotos zeigen es ungeschönt.

Ein Mann steht vor dem verschneiten Eingang der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich. Er reckt den Kopf und blickt gegen den Himmel. Fast sieht es aus, als wolle der Mann über den massiven Eisenzaun hinwegblicken, der die Anstalt einrahmt.

Legende: Willi Keller, «Maschenzaun, Hof D», Psychiatrische Klinik Burghölzli Zürich, 1970 © Willi Keller

Unweigerlich bekommt man den Eindruck des Eingeschlossen-Seins. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1971. Entstanden ist sie kurz vor dem Brand in der Klinik, bei dem 28 Patientin ihr Leben verloren.

Alltag, ungeschönt

Festgehalten hat diesen Moment der Fotograf und ausgebildeter Psychiatrie Pfleger Willi Keller. Es ist eines von vielen Bilder, wie man sie aus dem Psychiatrie-Alltag so noch nie gesehen hat in der Schweiz.

Es sei ein einzigartiger, intimer Einblick, sagt Museumsdirektorin Monika Jagfeld:«Historische Fotografien aus Psychiatrien zu dieser Zeit sind sonst meist gestellt.»

Personen seien gruppiert, hingesetzt, hingestellt worden. «Man hat schon damals eigentlich eine Werbefotografie gemacht» , so Jagfeld.

Legende: Willi Keller, «Die Regierung kommt». Psychiatrische Klinik Burghölzli Zürich, 1970 © Willi Keller

Ein Patient hinter der Kamera

Während die Fotos von Keller eher dokumentarischen Charakter haben, halten die ebenfalls ausgestellten Fotos von Roland Schneider den Moment fest. Der bekannte Schweizer Industrie-Fotograf war in den 1980er-Jahren selber Patient in der Psychiatrischen Klinik Solothurn.

Ein Foto fällt beim Rundgang durch die Ausstellung besonders auf: ein Mann, der sein Gesicht verdeckt und zwischen den Fingern hindurchschaut.

Es vermittelt den Ausdruck von Angst, von Eingeengt-Sein und zeigt einen Menschen, der versucht, sich zu schützen.

Legende: Roland Schneider, «Andy», Psychiatrische Klinik Solothurn, 1987 © Historisches Museum Olten

Blick ins Jetzt

Eine Gemeinsamkeit verbindet die Fotos von Willi Keller und Roland Schneider: Sie zeigen eine entindividualisierte Medizin, mit Betten gefüllten Schlafsäle und Reihen von sanitären Anlagen.

Den Fotos gegenübergestellt ist eine zweite Ausstellung «Living Museum» über den heutigen Alltag in der Psychiatrischen Klinik in Wil. Den Foto-Porträts von Patienten stehen Patientinnen als Bildschaffende gegenüber.

So sieht man beispielsweise ein Sofa, bedeckt mit Notizzettel voller Wünsche.

Legende: Living Museum Wil, Ateliers, Foto: Ladina Bischof, 2019 © Ladina Bischof

«Wir wollten nicht bei der vergangenen Zeit stehen bleiben. Psychiatrie heute ist etwas komplett anderes als damals», sagt Museumsdirektorin Monika Jagfeld. Es war ihr wichtig, dass die beiden Ausstellungen miteinander in Dialog treten.

Ausstellungshinweis

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Die Ausstellung «Durch die Linse» im Museum im Lagerhaus in St.Gallen ist noch bis zum 11. Juli 2021 zu sehen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktuell, 30.03.2021, 17:10 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Wie misst man, dass ein Mensch psychisch krank ist? Schlussendlich sind wir alle einmal neben der Spur, denn das Leben verläuft meistens nicht gerade. Ich bin froh hat sich die Medizin in auch vorangetrieben und macht gewisse Dinge nun anders. Es gibt noch vieles zu lernen.
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  • Kommentar von Alfons Bauer  (frustriert)
    Die einen sehen den Mann, der nach oben schaut, die anderen den Mann, der im Hintergrund der Hausecke zugewandt ist...
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