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Kunst Foto-Ikonen – wiedergeboren aus Watte, Karton und Kleber

Das World Trade Center in Flammen, Nessie im See, der Fussabdruck auf dem Mond – das sind Ikonen der Fotografie. Zwei Zürcher Fotografen bauen die Fotos als 3D-Modell nach und fotografieren sie. Das Ergebnis irritiert und fasziniert zugleich. Eine Sisyphos-Arbeit, die Einfallsreichtum abverlangt.

Legende: Video Ikonen der Fotografie – Wiedergeburt mit Watte, Karton und Kleber abspielen. Laufzeit 02:40 Minuten.
Aus Kultur vom 06.05.2015.

Es riecht nach Klebstoff und Farbspray, dicke Fotobände liegen auf einem Tisch. Das Atelier der Fotografen Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger, ein alter lichtdurchfluteter Industriebau mit hohen Decken, versprüht eher den Charme eines Künstlerateliers als den zweier Fotografen. Man sieht, dass hier gearbeitet wird – rechts ein angefangenes Modell einer Landschaft, links Computer, Stative, Folien und in der Mitte Materialien für das aktuelle Projekt ihrer Fotoserie «Ikonen»: Watte, Styropor und Kunstrasen.

Die Lust am Basteln

Ein Modell eines Fussabrdrucks in Mondsand mit Werkzeug drum herum.
Legende: Grosser Schritt für die Menschheit: Fussabdruck auf dem Mond. Making of «AS11-40-5878» (Original von Edwin Aldrin) Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger rekonstruieren Ikonen der Fotografie-Geschichte – als 3D-Miniatur und fotografieren sie danach. Darunter so berühmte Fotos wie das das letzte Bild der Titanic, der Fussabdruck des ersten Menschen auf dem Mond, oder der Demonstrant mit Einkaufstüten, der sich als einziger auf dem Tienamen-Platz in Peking den Panzern entgegenstellt. Cortis und Sonderegger fotografieren ihre Nachbauten nicht nur: Sie legen auf ihren Fotografien den Prozess offen, wie ihre Bilder entstehen.

Man sieht neben dem Modell immer auch die benutzten Werkzeuge: Klebeband und Karton, Batterien und Birnen, Farbe und Fotobücher. Dieser Rahmen gehört genauso zum Bild, wie die Miniatur selbst.

«Der Grund, warum wir nicht den Original-Ausschnitt wählen, ist, dass wir den Betrachter nicht täuschen wollen. Wir sind Bastler, und wir geben zu, wie es gebastelt worden ist», erläutern die beiden Fotografen. Ihr Interesse liegt beim Spielen und Experimentieren mit verschiedenen Materialien. Die Lust am Tüfteln soll auch für den Betrachter spürbar sein. Ausserdem wirft für Cortis und Sonderegger das Medium Fotografie immer auch die Frage nach der Wahrhaftigkeit auf.

Fotos müssen hinterfragt werden

Bei vielen Fotos, die sie nachbauen, sei nicht klar, ob sie gestellt oder manipuliert sind: «Die Mondlandung zum Beispiel. Da gibt es viele Geschichten darüber, ob es jetzt wirklich so passiert ist», sagt Jojakim Cortis. «Beim Bild von Loch Ness hingegen ist klar: Das war eine Inszenierung.»

Der Betrachter soll deshalb die Fotografie hinterfragen – das ist ihnen wichtig: «Man sollte der Fotografie nicht einfach eins zu eins trauen», sagt Cortis. Und: «Als es noch keine digitale Bildbearbeitung gab, gab es trotzdem Mittel, ein Bild zu inszenieren oder in eine Richtung zu lenken.» Mit der Frage nach der Wahrhaftigkeit beschäftigt sich auch ihre aktuelle Ikonen-Arbeit: das Hissen der US-Flagge durch Soldaten auf der japanischen Insel Iwo Jima 1945.

Der Kriegsfotograf Joe Rosenthal fotografierte am 23. Februar 1945 nämlich nicht das erste Hissen der Flagge, sondern lediglich den Moment, als die Flagge durch eine grössere ausgetauscht wurde. Rosenthal, der mit dem Bild den Pulitzer-Preis gewann, wurde daraufhin vorgeworfen, das Bild sei eine Inszenierung.

Mit Sprühdosen dem Bild die Farbe nehmen

Im Atelier in Adliswil soll nun mit Watte, Heissleim, Sprühfarbe, Kunstrasen und Styropor das berühmte Bild wieder entstehen. Einfallsreichtum ist gefragt: Normalerweise verzichten die beiden Fotografen darauf, Bilder mit Personen im Zentrum nachzubauen, da diese schwer herstellbar sind. Im Falle von Iwo Jima konnten sie jedoch Reproduktionen von Gedenkstatuen verwenden, die dem Foto nachempfunden sind.

Eine weitere Herausforderung stellt die Farbe des Bildes dar: «Wir versuchen, vor der Aufnahme das Modell analog schwarz-weiss zu machen, und das Foto so wenig wie möglich am Computer zu bearbeiten» erklärt Jojakim Cortis. Deshalb wird der Kunstrasen, der als Hintergrund dient, mit Sprühfarbe schwarz und grau angemalt.

Die Ikonen-Bilder fordern Geduld von ihren Machern. Von der Recherche bis zum fertigen Bild dauert es 2 bis 14 Tage – im Falle von «Making of The Rise of the Flag on Iwo Jima» rund eine Woche.

Überzeugen ohne Zeigefinger

Die «Making of»-Bilder von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger betören auf den ersten Blick durch Schönheit und Opulenz. Ihre Bilder wecken Emotionen durch die Bekanntheit der Vorlagen – unzählige Male hat man sie bereits gesehen. Oft ist auch deren Kontext präsent. Doch wenn Cortis und Sonderegger die Herstellung ihrer Bilder offenlegen, erinnern sie daran, dass jedes Foto immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. Das ist zwar keine neue Botschaft, die Bilder verfehlen ihre Wirkung trotzdem nicht.

Schlacht um Iwo Jima

Februar/März 1945: Die Endphase des Zweiten Weltkriegs im Pazifik. Die USA und Japan liefern sich einen erbitterten Kampf um den Militärstützpunkt auf der Insel Iwo Jima. Diese Schlacht ging als eine der blutigsten in die Geschichte des Pazifikkrieges ein.

Das Original-Foto «Iwo Jima»

Bereits kurz nach der Aufnahme wurde das Bild tausendfach reproduziert. Es war ein ideales Motiv für die amerikanische Kriegspropaganda, die mit dem Foto (und den überlebenden Soldaten) massiv für eine erneute Kriegsanleihe warb. Nach dem Krieg wurde das Bild zum Symbol für Amerikas militärische Stärke.

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