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Legende: Video Stefan Sagmeister und the «Beauty» abspielen. Laufzeit 07:33 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 15.05.2019.
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Funktionalismus im Design «Dieser Blödsinn muss aufhören»

Der Designer Stefan Sagmeister sagt, die Schönheit sei in den Verruf geraten. Sie gelte als oberflächlich, kommerziell oder kitschig. Stattdessen diktiere der Funktionalismus die Form. In der Ausstellung «Beauty», die zurzeit in Frankfurt zu sehen ist, will Stefan Sagmeister die Schönheit rehabilitieren. Doch ist barocke Ornamentik wirklich schöner als modernistische Kargheit?

Stefan Sagmeister

Stefan Sagmeister

Grafikdesigner

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Er ist ein international gefragter Grafikdesigner und zweifellos auch einer der unkonventionellsten Vertreter seiner Zunft. Der in New York tätige Österreicher Stefan Sagmeister wurde unter anderem mit Plattencovern für die Rolling Stones und Lou Reed berühmt. 2017 zeigte er im Zürcher Museum für Gestaltung die Ausstellung «Happy Show», Link öffnet in einem neuen Fenster, die sich mit dem Glück beschäftigte.

SRF: Man hat Ihren Schönheitsbegriff als rückwärtsgewandt bezeichnet. Fühlen Sie sich missverstanden?

Stefan Sagmeister: In diesem Fall schon, weil ich überhaupt kein Nostalgiker bin. Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, ins 19. Jahrhundert zurückzugehen. Ich würde sogar umgekehrt sagen: Leute, die heute auf dem Begriff Modernismus beharren, sind sehr rückständig. Diese Ideen sind jetzt 100 Jahre alt und werden nicht hinterfragt.

Wenn ich einen Vortrag halte vor Architekten über 65, dann herrscht da eisige Kälte.

Gibt es einen Aufschrei bei Designern und Architekten, die mit Ihnen nicht einverstanden sind?

Es gibt einen Aufschrei unter den älteren Architekten. Wenn ich einen Vortrag halte vor Architekten über 65, dann herrscht da eisige Kälte. Aber wenn die Architekten 50 und drunter sind, gibt es Standing Ovations.

Ausstellungshinweis

Zimmer, in dem alle Möbel das gleiche rosarate Muster aufweisen
Legende:Aslan Kudrnofsky / MAK Wien

Die Ausstellung «Beauty» , Link öffnet in einem neuen Fenstervon Stefan Sagmeister und Jessica Walsh ist noch bis zum 15. September im Museum angewandte Kunst, Link öffnet in einem neuen Fenster in Frankfurt am Main zu sehen.

Ich würde auch sagen, und da polarisiere ich sicher: Die Architekten, die ich bewundere, und die gut sind, verstehen das Anliegen. Es ist das Mittelmass, das da nicht mitkommt.

Grosses, eckiges, graues Gebäude.
Legende: «Schweizer Qualitäts-Quatsch-Architektur» nennt Sagmeister das Toni-Areal. Er fordert mehr Schönheit statt strengen Funktionalismus. Keystone / CHRISTIAN BEUTLER

Ein Beispiel aus der Schweiz: Als ich letztes Jahr im Museum für Gestaltung Zürich eine Ausstellung vorbereitete, habe ich tagelang im Toni-Areal gewohnt. Es ist schrecklich dort! Diese mittelmässige Schweizer Qualitäts-Quatsch-Architektur! Die hat so ein bisschen Qualität, die ist «corporate». Und die ist kalt.

Und das wichtigste: Die Architektur funktioniert nicht, und zwar nachweislich. Keiner der Balkone dort wird verwendet. Obwohl sie unter dem Deckmantel des Funktionalismus gebaut worden sind. Dieser Blödsinn muss aufhören.

Legende: Video Schönheit in der Architektur abspielen. Laufzeit 04:54 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 15.05.2019.

Beschäftigen Sie sich schon lange mit dem Begriff Schönheit?

Vielleicht seit etwa 10 Jahren. Auch ich war viele Jahre ein Designer, dem die Form und damit die Schönheit egal war. Mir ging es als junger Designer immer um die Idee und das Konzept. Ich habe eine Form gesucht, die dieser Idee untergeordnet war, wichtig war sie nicht.

Schönheit hat nicht nur Einfluss auf unsere Gefühle, sondern auch auf unser Verhalten.

Erst durch die Erfahrung habe ich gelernt, dass das Resultat viel besser funktioniert, wenn wir die Form ernst nehmen, wirklich an ihr arbeiten. So bin ich zur Schönheit gekommen.

Schlichtes Thermalbad mit grauen Steinwänden und beleuchtetem Schwimmbecken
Legende: Die Therme Vals gefällt Sagmeister: Ihre Schönheit lasse sogar schreiende Kinder verstummen. Keystone / GAETAN BALLY

Was finden Sie schön in der Schweiz?

Eines der schönsten Interieurs, das ich kenne, ist die Therme in Vals von Peter Zumthor. Die hat eine Qualität, die nicht nur meine Mutter, die mit zeitgenössischer Architektur nichts am Hut hat, komplett überzeugt. Ich habe bemerkt, dass selbst 10-jährige Jungen aufhören zu schreien und zu spritzen.

Wirkliche Schönheit vermittelt uns ein Bauchgefühl, wie wir uns darin zu bewegen haben. Denn Schönheit hat nicht nur Einfluss auf unsere Gefühle, sondern auch auf unser Verhalten.

Das Gespräch führte Meili Dschen.

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