Giacometti arbeitete alles weg, um an den Schädel heranzukommen

Alberto Giacometti beschäftigte sich über 30 Jahre seines Lebens intensiv mit der Frage, was ein Kopf und was ein Körper sei. Trotzdem bleibt in seinen Werken ein Geheimnis. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass 50 Jahre nach seinem Tod die Anziehungskraft des Künstlers noch immer immens ist.

Alberto Giacometti, mit Hemd und Krawatte, an einen Sockel gelehnt, auf dem drei Büsten stehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alberto Giacometti mit drei seiner Skulpturen an der Biennale in Venedig, 1962. Getty Images

Der amerikanische Kunstschriftsteller James Lord, der Alberto Giacometti in den 1950er-Jahren Modell sass, erzählt gerne eine Anekdote aus jener Zeit: «Während der Arbeit an meinem Porträt kam ein Besucher ins Atelier, sah das Bild und sagte: ‹Oh, das ist ja eine sehr tiefgehende Ähnlichkeit, das dringt stark in den Charakter des Modells ein, es trifft James genau!› Er meinte das psychologisch. Alberto reagierte heftig darauf und sagte: ‹Mit dem inneren Wesen des Modells habe ich nichts zu schaffen, ich bin lediglich an seiner Erscheinung interessiert, und ich möchte seine Erscheinung auf die Leinwand bannen.›»

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Etwas, das über das Fotografische hinausgeht

Befremdlich sind sie aber schon: die Gestalten auf den Gemälden Alberto Giacomettis, auch die überlangen stabdünnen Figuren, die aus dem Unbekannten zu kommen und zu schweigen scheinen.

Das hat wenig mit dem zu tun, was etwa Impressionisten oder Realisten unter «Erscheinung» verstehen würden. Sartre fragt sich denn auch angesichts der Menschenbildnisse Giacomettis: «Sind sie Erscheinungen oder Entschwindungen?» und findet die Antwort: beides zugleich.

James Lord hebt hervor: «Sein Interesse galt natürlich nicht einer fotografischen Ähnlichkeit. Es ging ihm darum, sein visuelles Erlebnis, wenn er mich ansah, darzustellen. Ich als Individuum und meine Persönlichkeit, mein Charakter, meine Lebenssituation, all das musste ausgelöscht werden.»

Gibt es also eine «Erscheinung», die über das hinausgeht, was der fotografische Blick oder der psychologische als Wirklichkeit festzumachen wissen? Um mit Sartre zu sprechen: eine Entschwindung (die aber dem, der hinschaut, etwas zur Erscheinung bringt)?

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Seine Hände suchten im Grunde das Skelett

Was genau löst Giacometti heraus aus unserem eingefahrenen visuellen Erleben von Körpern etwa und von Köpfen, und was gibt er uns stattdessen? Giacometti arbeitet alles weg, um an den Schädel heranzukommen, sagt die Pariser Restauratorin Eva Schwan, die stunden- und tagelang vor je einem der Gemälde sitzt. An den Totenschädel arbeite sich der Künstler heran, der «gerade noch mit etwas Leben» überdeckt sei.

Paola Carola, Psychoanalytikerin und Verfasserin von Essays über Kunst, sass wie James Lord häufig Modell für Giacometti. Sie schreibt: «Ich hatte den Eindruck, dass seine den Ton knetenden Hände im Grunde mein Skelett suchten: Ungewollt identifizierte ich mich mit diesem Klumpen Erde, den er formte, und hatte das seltsame Gefühl, abwechselnd geboren zu werden und zu sterben. Modelliert und wieder vernichtet zu werden. Und genau in diesem Hin-und-Her fand ich schliesslich meinen Ort.»

Steigende Anziehungskraft

Erscheinung und Entschwindung, Geborenwerden und Sterben, das Hin-und-Her, das zum Ort wird – Konfigurationen von Erfahrung, die im Werk Giacomettis gebunden sind und auf den Betrachter überspringen können. Konfigurationen, die in Frage stellen, wie die Welt mit den Augen wahrgenommen wird; wohl auch, was es heisst, ein Mensch in der Welt zu sein.

Vielleicht sind sein Werk, die Person und das Leben von Alberto Giacometti 50 Jahre nach seinem Tod von noch steigender Anziehungskraft, weil das Geheimnis geblieben ist und er in keinem Ismus behaust werden konnte und pulverisiert.

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