Gotthard Schuh, Grenzgänger zwischen Kunst und Journalismus

Der Schweizer Fotograf Gotthard Schuh arbeitete eigentlich als Maler. Als Quereinsteiger brachte er sich das Fotografieren selbst bei und gelangte als Fotoreporter zu Ruhm. Mit seinen atmosphärischen Bildern und seiner subjektiven Arbeitsweise war er eine Ausnahme unter den Fotografen seiner Zeit.

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Gotthard Schuh – Impressionen seiner Reisen

1:34 min, vom 28.11.2013
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Gotthard Schuh (1897-1969)

1931 bis 1941 Fotoreporter für die «Zürcher Illustrierte», 1941 bis 1960 erster Bildredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung». Schuh ist Mitbegründer des «Kollegium Schweizerischer Photographen», das sich für die Fotografie als eigenständige Kunstform einsetzte.

Mit der strengen Körperhaltung eines Tänzers, den Mund in höchster Konzentration zusammengekniffen, betrachtet der Junge die Murmel zwischen seinem Daumen und Zeigefinger. «Spielender Knabe», aufgenommen 1938 auf Java, ist eines der berühmtesten Bilder des Schweizer Fotografen Gotthard Schuh. Als die Ausstellung «The Family of Man» in der Schweiz halt machte, diente Schuhs Murmelspieler als Vorlage für das Ausstellungsplakat.

Gotthard Schuh, der Fotoreporter

Doch Schuhs Werk umfasst weit mehr als Ikonen wie diese. Sein Weg zur Fotografie allerdings war kein gerader: Nach dem Besuch der Kunsthochschule in Basel war er als Maler in der Schweiz und Deutschland tätig. Er hatte bereits eine 13-jährige Karriere hinter sich, als er relativ spät und wie viele seiner Zeitgenossen als Quereinsteiger und Autodidakt zum Medium der Fotografie wechselte – in einer Zeit, als die Reportage als modernes Kommunikationsmittel gerade aufkam.

Nach ersten Veröffentlichungen 1931 in der «Zürcher Illustrierten» arbeitete Schuh bald regelmässig als Freischaffender für die Wochenzeitschrift. Unter der Leitung von Arnold Kübler gehörte Schuh im folgenden Jahrzehnt neben Paul Senn und Hans Staub zu den wichtigsten Fotoreportern der Zeitschrift. Mit seiner Arbeit trug er wesentlich zur Verbreitung der sozialdokumentarischen Reportage bei.

Die Sprache eines Malers

«Spielender Knabe», hochkonzentriert beim Murmelspiel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gelangte als Ausstellungsplakat zu Berühmtheit: «Spielender Knabe», Java 1938. Keystone

Laut Peter Pfrunder, Leiter der Fotostiftung Schweiz, ist Schuhs künstlerischer Hintergrund als Maler auch für sein fotografisches Werk kennzeichnend: «Gotthard Schuh hat den Blick des Malers mitgenommen. Er hat auch beim Berichterstatten stets die Ästhetik, das gut komponierte Bild gesucht. Seine Bilder sprechen die visuelle Sprache des Malers.»

Schuh habe versucht, in seinen Bildern Atmosphäre und Sinnlichkeit einzufangen. Die darin wahrnehmbaren zwischenmenschlichen Beziehungen gehen weit über die Vermittlung von Information hinaus. So erstaunt es nicht, dass Schuh das als oberflächlich empfundene Tagesgeschäft des Reporters auf die Dauer nicht erfüllte.

Der Reiz des Fremden

Gotthard Schuh zog es in die Ferne, erst als Maler, dann als Fotograf. Seine Reise nach Indonesien 1938/39, als Europa im Krieg zu versinken begann, wurde oft als Flucht vor dem Hässlichen und Suche nach dem Paradies interpretiert. Doch Schuhs Reise auf die Inseln Bali, Java und Sumatra war mehr: Sie war ebenso eine Reise zu seinem Innern.

Dies wird in seinen Texten spürbar. Schuh reiste alleine und schrieb stimmungsvolle Reisenotizen, die 1941 zusammen mit seinen Fotografien im Buch «Inseln der Götter» erschienen. Der Bildband gehört zu den erfolgreichsten Fotobüchern eines Schweizers.

Reise zu sich selbst

«Balinesische Mädchen» mit Opfergaben, die sie auf dem Kopf transportieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schuhs Suche nach dem Exotischen: «Balinesische Mädchen», 1938. Keystone

Das subjektive Moment sei das Pionierhafte an Schuhs Arbeit, erklärt Peter Pfrunder. «Schuh hat beim hinausschauen seinen Blick immer auch nach Innen gewendet. Wenn er über die Welt berichtete, berichtete er stets auch über sich selbst. Dieses Hin- und Herpendeln zwischen dem Eigenen und dem Aussen ging weit über die übliche Vorstellung eines Reporters hinaus.»

So verlagerte Schuh ab den 40er-Jahren seine Tätigkeit weg vom Reporter, publizierte vorwiegend Fotobücher und war bis 1960 erster Bildredaktor der NZZ. Vor seinem Tod 1969 wandte er sich nochmals der Malerei zu.

Auf den Spuren Schuhs

In einer Retrospektive zeigte die Fotostiftung Schweiz 2009 sein facettenreiches Werk, in dem sinnliche und atmosphärische Bilder eine wichtige Rolle spielen. Die Ausstellung trug den Titel: «Gotthard Schuh – eine Art Verliebtheit» in Anlehnung an Schuhs Aussage: «Ich bin auch den kulturellen Dingen, die mich umgaben und umgeben, immer mit einer Art Verliebtheit begegnet.»

Sendung zu diesem Artikel

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    SRF 1 01.12.2013 11:55

    Sternstunde Kunst
    Gotthard Schuh - Eine sinnliche Sicht der Welt

    01.12.2013 11:55

    Gotthard Schuh ist nicht nur ein Pionier des modernen Fotojournalismus, er fand auch einen sehr persönlichen Stil, einen «poetischen Realismus». Von der Götterinsel Bali bis in seine Wahlheimat, das Tessiner Malcantone, folgt der Filmer Villi Hermann den Spuren des prägenden Schweizer Fotografen.