Henry Moore: Der englische Superstar der Bildhauerei in Bern

Henry Moore war lange Zeit Englands erfolgreichster zeitgenössischer Künstler. Fast jede Stadt wollte eines seiner Werke haben. Sie sind abstrakt genug, um modern zu sein, und figurativ genug, um verstanden zu werden. Das Zentrum Paul Klee präsentiert Moore nun in einer luftigen Werk-Übersicht.

Seinen ersten grossen Auftritt in der Schweiz hatte Henry Moore (1898-1986) in Bern. Die Kunsthalle richtete 1950 eine Soloausstellung mit Werken des britischen Bildhauers ein. Der Erfolg war bescheiden. Den Siegeszug des Henry Moore sollte dieser kleiner Misserfolg freilich nicht aufhalten. Seine raumgreifenden Skulpturen abstrahierter Körper begeisterten nicht nur elitäre Kunstzirkel.

Der Bildhauer und Zeichner wurde zum internationalen Superstar. Bald wollte jede Stadt ihren eigenen Moore haben. Moore wurde allgegenwärtig. Zu allgegenwärtig sogar. Man gewöhnte sich an seine grossen Liegenden in Stein oder Metall, die wie Hügel-Landschaften auf ihren Sockeln ruhen. Man übersah sie im Strassengetümmel. Nach vielen Jahren grossen Erfolges setzte eine gewisse Moore-Müdigkeit ein. In der Schweiz war der Künstler zuletzt vor 25 Jahren in einer Einzelschau in Martigny zu sehen.

Mit Zeichnungen zum Erfolg

Henry Moore in seinem Atelier. Er modelliert. Der Raum ist voll mit Skulpturen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Henry Moore im Atelier in seinem Haus Hoglands in Perry Green in den frühen 1950er-Jahren. The Henry Moore Foundation, www.henry-moore.org / ProLitteris

In England blieb Moore immer präsent. Und seit einigen Jahren arbeitet die Tate Britain auch kräftig an der internationalen Wiederentdeckung des Superstars der Nachkriegsjahre. 2010 präsentierte das Ausstellungshaus in London eine breit angelegten Retrospektive. Jetzt kommt Moore auch wieder in die Schweiz – wieder nach Bern. Das Zentrum Paul Klee zeigt eine sehr ansprechende Ausstellung mit Arbeiten, die vorwiegend aus der Tate Britain und der Henry Moore Foundation stammen. Mit der Tate Britain steht das ZPK in gutem Kontakt. Etliche Klee-Werke aus Bern wurden schon in London gezeigt. Die Moore-Ausstellung zeigt auch, wie bedeutend Museums-Kooperationen im internationalen Ausstellungsbetrieb geworden sind.

Vor allem aber zeigt die Ausstellung Henry Moore. 70 Arbeiten Arbeiten sind in der Schau versammelt. Neben wenigen grossen Plastiken vor allem kleinere Skulpturen und 42 Arbeiten auf Papier, die in der Schweiz bisher weniger bekannt sind. Dabei waren es Zeichnungen, die sogenannten «Shelter Drawings», mit denen Moore in England erste Erfolge errang. Moore, der lange als Kunstlehrer gearbeitet hatte, zeichnete während des Zweiten Weltkriegs Menschen, die in der Londoner U-Bahn vor den deutschen Bombenangriffen Schutz suchten.

Moore in Zürich, Zug und Biel

Krieg, Aggression, Zerstörung beschäftigen Moore auch nach dem Krieg. Er schuf Kriegerfiguren mit fehlenden Gliedmassen, die die Fragilität des Menschen darstellten. Bekannt machten ihn vor allem seine Mutter und Kind-Skulpturen und die grossen weiblichen Liegenden. Der menschliche Körper war seine wichtigste Inspirationsquelle, auch wenn er Abstecher in die Abstraktion unternahm, löste sich aber nie ganz vom Körperlichen. Damit traf er den Nerv seiner Zeit: abstrakt genug, um modern zu sein, figurativ genug, um von allen verstanden zu werden. Und mit einer so persönlichen Handschrift ausgestattet, dass man seine Werke garantiert wiedererkennt.

Die sorgfältig gestaltet Ausstellung macht Lust darauf, Moore auch im urbanen Alltag wiederzuentdecken. In der Schweiz kann man das zum Beispiel an der Seepromenade in Zürich, vor der Fondation Gianadda in Martigny, an der Badi Seeliken in Zug und vor dem Kongresshaus Biel.