Jesus an der Documenta Hilfloser Humanismus? Kunst im Zeichen der Flüchtlingskrise

Auf einem Obelisken in der Documenta-Stadt Kassel mahnt ein Jesus-Wort, Fremde aufzunehmen. Ein humanistischer Appell, dessen künstlerischer Wert SRF-Kunstredaktorin Ellinor Landmann nicht voll überzeugt.

Grosser Obelisk auf einem Marktplatz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gut gemeint, aber keine gute Kunst: Olu Oguibes Obelisk mit dem Jesuswort an der Documenta in Kassel. Imago/Rüdiger Wölk

SRF: «Ich war Fremdling, und ihr habt mich beherbergt.» Dieses Bibelzitat prangt an einem Kunstwerk an der Documenta 14 in Kassel. Wie prägend ist der biblische Imperativ vom Fremdling, den es aufzunehmen gilt, tatsächlich für die Documenta?

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Zur Person

Ellinor Landmann ist SRF-Kunstredaktorin.

Ellinor Landmann: Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich dieser Satz ist, der die documenta prägt. Aber dieses Jesuswort steht prominent an einem der sehr grossen Kunstwerke der Documenta 14 in Kassel.

Der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu Oguibe liess es an einem fast 20 Meter hohen Obelisken anbringen. Jetzt steht er auf dem Königsplatz mitten in Kassel.

Ein Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge – mitten in der Einkaufsmeile. Das Jesuswort das steht auf allen vier Seiten des Obelisken. In vier verschiedenen Sprachen – auch auf Arabisch.

«  Dieser Art von humanistischem Appell wird sich keiner verschliessen, wenn er diese Inschrift liest. »

Ist das nun aber auch gute Kunst?

Mich hat diese Arbeit – wie viele andere grosse Arbeiten für die documenta – nicht überzeugt. Ich finde sie ein bisschen einfach. Dieser Art von humanistischem Appell wird sich keiner verschliessen, wenn er diese Inschrift liest.

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Documenta 14

Diese Kunst provoziert in meinen Augen nicht. Sie bestärkt eher eine gesellschaftliche Übereinkunft, die so erst einmal billig zu haben ist. Kommt dazu: Dieser Obelisk ist ganz schön monumental.

Man muss aber auch sagen: Das hat eine gewisse Ironie. Das Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge gross auszuführen – nach dem Motto «Wenn schon, denn schon».

Ich finde es auch interessant, dazu gerade einen Obelisken zu wählen. Obelisken stehen ja normalerweise als Beutekunst zum Beispiel in Paris und zeugen von den Raubzügen der Eroberer.

Viel Monumentales also, wohl auch viel Plakatives an der documenta 14. Welche Installationen haben Sie am meisten überzeugt?

Eine sehr interessante Arbeit zeigt die deutsche Künstlerin Maria Eichhorn. Sie gründete in Kassel ein Institut für Provenienz-Recherche.

Gefülltes Bücherregal in sonst grossem leeren Raum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Unrechtmässig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher» von Maria Eichhorn. VG Bild-Kunst/Mathias Völzke

Sie fordert Besucherinnen und Besucher selbst nach Gütern zu suchen, die während der Nazi-Zeit der jüdischen Bevölkerung geraubt wurden. Und zwar vom Silberlöffel bis zum Ölbild. Auch das Sofa, das vielleicht noch auf dem Estrich steht, ist damit gemeint.

Von Oskar Hansen sind Pläne für ein geplantes Mahnmal für Auschwitz zu sehen, die allerdings nicht ausgeführt wurde. Das ist eine grundlegende Überlegung über Sinn und Zweck von Denkmälern. Das sind zwei gelungene Beispiele.

Es gibt aber auf dieser Documenta auch vieles, das gut gemeint, aber nicht unbedingt gute Kunst ist, weil es einfach in der Thematik und in der Relevanz der Thematik stecken bleibt. Kunst wird dann zum Vehikel für eine gute Sache und lädt nicht zur Auseinandersetzung ein.

Das Gespräch führe Joachim Salau.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Blickpunkt Religion, 18.6.2017, 8:00 Uhr.

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