«Keine nette Ausstellung»: Die documenta denkt Demokratie neu

«Von Athen lernen» will die 14. documenta, die 2017 in Athen und Kassel stattfindet. In Athen waren bereits erste Veranstaltungen zu sehen – ausgerechnet an einem «Ort des Scheiterns». Diese Prämisse sei ideal, sagt der Kurator. Ein Augenschein vor Ort.

Eine Frau am Mikrofon. Hinter ihr stehen mehrere Frauen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Abgesang auf die Demokratie? «Epitaph for Democracy»: eine Performance in Athen. Alkyone Karamanolis

Lupos Anwesenheit sei ein Beweis für die Gleichstellung der Spezies, sagt der Künstler Andreas Angelidakis. Lupo kreist einmal zufrieden um sich selbst und nimmt mit kaum unterdrücktem Kläffen auf einem der Sitzkuben Platz, mit denen Andreas Angelidakis den Ausstellungsraum gestaltet hat.

Ein flexibler Raum – wie für die Diskussion gemacht

Die Kuben sind aus Schaumgummi und frei verschiebbar. «Ich wollte einen Raum schaffen, der sich konstant ändert», sagt Angelidakis und reicht Lupo einen Knochen. «Das ist auch eine zentrale Idee des öffentlichen Programms, nämlich unsere Vorstellung davon, wie Diskussionen stattzufinden haben, zu hinterfragen.»

So gibt es kein Auditorium im herkömmlichen Sinn, keine Hierarchie zwischen Rednern und Zuhörern, die bequeme Position des Konsumenten ist dem Besucher der documenta verwehrt.

«Parlament der Körper» heisst dieser Raum, für den die Besucher selbst konstituierendes Element sind. Hier werden die ersten 34 «Freiheitsübungen» des öffentlichen Programms der documenta stattfinden.

Menschen, die einem Mann zuhören, der ein Megafon trägt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Orte der Folter, Orte der Freiheit»: Ein Themenwalk, der zum Auftakt der documenta in Athen stattfand. Alkyone Karamanolis

Demokratie – neu gedacht

34 Künstler, Aktivisten und Denker sind geladen, das, was wir für selbstverständlich halten, neu auszuloten: Demokratie, politische Repräsentation, das Verhältnis von Freiheit und freiem Markt, von Minderheiten und Mehrheiten, unsere Definition von Geschlecht, und ja, warum nicht – hier kommt Zwergspitz Lupo wieder ins Spiel – das Verhältnis zwischen den Arten.

Dabei hat schon die Ortswahl für Aufruhr in Athen gesorgt, war das Gebäude doch das Hauptquartier der Militärpolizei während der Juntajahre 1967 bis 1974. Warum in alten Wunden wühlen, haben viele gefragt.

Paul B. Preciado, Kurator der öffentlichen Programme, entgegnet: «Die documenta ist keine nette Ausstellung.» Und: «Mein Job ist es nicht, vom Mainstream geliebt zu werden».

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Zur Ausstellung

Die documenta, eine der weltweit grössten und wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, wird 2017 an zwei Orten stattfinden – in Kassel und in Athen. Das Motto der d14: «Von Athen lernen». Diese Tage war bereits der Auftakt der öffentlichen Programme in Athen.

Athen als Ort des Scheiterns

Für Preciado ist die Location eine willkommene Möglichkeit, um über Demokratie und Diktatur zu reflektieren, über Geschichte und Gegenwart – und wie das eine das andere bedingt.

Das ganze Programm ist ortsspezifisch, also von Athen aus gedacht. Dass die d14 ausgerechnet in der griechischen Hauptstadt stattfindet, ist schon ein Statement an sich.

«Athen ist heute eine der relevantesten Städte überhaupt, um zu verstehen, was in der Welt passiert», sagt Preciado, «denn die Stadt symbolisiert das Scheitern des europäischen Projekts und zwar sowohl ökonomisch wie politisch».

Mithin sei die Stadt der Ort der Wahl, um Antworten zu finden, Strategien des Widerstands zu entwickeln sowie neue politische und ökonomische Modelle.

Der Kurator: ein gefährlicher Mann

«Von Athen lernen» lautet daher das Motto dieser Doppel-documenta. Ausgerechnet von Athen, möchte man meinen, dem Pariah Europas. Eine Provokation also? Nicht im Mindesten, sagt der Kurator. «Wer in diesem Motto eine Provokation sieht, denkt von der Norm her, was ich schon mal nicht tue».

Paul B. Preciado ist spanischer Philosoph, Transgender-Aktivist und in der besten Position, um angestammte Sichtweisen in Frage zu stellen. Kein Wunder, dass ein Teil der griechischen Presse auf ihn losgegangen ist, noch bevor das Programm gestartet war. Das «andere» darf im Griechenland der Memoranden nicht gedacht werden.

Paul B. Preciado ist ein «gefährlicher Mann». Der bis vor ein paar Jahren übrigens eine Frau war. Beziehungsweise: Nichts ist, wie es scheint, und alles könnte anders sein. Willkommen bei der documenta 14. Ach ja, und herzliche Grüsse von Lupo.

Sendung: Kultur aktuell, 19.09.2016, 16:50 Uhr, Radio SRF 2 Kultur