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Kunst Kunst jenseits des White Cube: «Der Durchgang» in Basel

Dank Crowdfunding können die Basler Künstler Admir Jahic und Comenius Röthlisberger ihre erste verkaufsunabhängige Ausstellung realisieren. Dafür verlassen sie den gewohnten, steril-neutralen Rahmen von Galerien oder Kunstmessen und zeigen ihre Werke in einer ehemaligen Lagerhalle der SBB.

«Der Ausstellungsraum ist nicht geheizt, bitte warm anziehen», heisst es auf der Einladung zur Vernissage. Gerechtfertigt, es ist Januar und die Güterhalle im aufstrebenden Basler St. Johanns-Quartier ist nicht isoliert. Die Wände sind verziert mit Ornamenten, die die kalte Winterluft ungehindert hineinströmen lassen. Ein ungemütlicher Ort in dieser Jahreszeit, doch die dunkle, 150 Jahre alte Halle macht Eindruck: «Der Raum an sich ist fast schon ein Kunstwerk», sagt Admir Jahic.

Damit hat er Recht: Von aussen kommt die Halle unscheinbar daher. Ein grösserer Holzschuppen, könnte man meinen. Innen ist sie ein Prachtstück, für das die SBB nicht so richtig Verwendung hat und sie deshalb zur Zwischennutzung vermietet, zuletzt für ein Theaterprojekt.

Durch Crowdfunding finanziert

Admir Jahic (38) und Comenius Röthlisberger (42) haben die Halle zusammen mit der Basler Galerie Idea Fixa für ihre Ausstellung mit dem Titel «Der Durchgang» gemietet. Sie wollten weg vom üblichen Rahmen, in dem ihre Kunst sonst präsentiert wird: Galerien oder Messen, so genannte White Cubes.

Doch mit dem üblichen Ausstellungsrahmen fielen auch die üblichen Finanzierungsmodelle weg. Das Duo griff auf ein im Kreativbereich fast schon bewährtes Modell zurück, aufs Crowdfunding: Dank Sammlern und anderen Gönnern konnten sie die Kosten für Halle, Materialien und die restlichen Ausgaben aufbringen.

Nachthimmel auf dem Boden

Ihre Ausstellung umfasst drei Werkgruppen, das zentrale Element ist die Bilder-Serie «Noire, Noire». Dafür pressten die Künstler mit schwarzen Farbpigmenten durchmischtes Harz zwischen zwei Glasscheiben: 300 mal dieselbe Technik angewandt, gibt 300 verschieden Bilder: Lufteinschlüsse, Pigmentflecken und die Verteilung der Farbe sind letztlich vom Zufall abhängig.

Eigentlich sollten die Bilder an den Wände hängen. Aber: «Das passte nicht, die Wände sind zu eigen, zu speziell», sagt Jahic. Die Bilder liegen jetzt auf langen, niedrigen Tischen, von unten bestrahlt mit Neonröhren. Riesige Nachthimmel auf dem Boden, die nach oben hin das alte Gebälk der rund 15 Meter hohen Halle beleuchten.

Den Raum, nicht die Halle bespielen

Die zweite Werkgruppe «Self Sustaining Order» ist eine Installation: schmale Holzbalken mit Schraubzwingen bis kurz vor dem Zerbrechen gespannt. Diese Arbeit ist ein raumgreifender Kontrapunkt zu den liegenden zweidimensionalen Bildern. Rohes Holz, Handwerker-Materialien, in die Höhe gezogen, vergänglich: Löst man eine Zwinge, fällt alles zusammen. «Die Idee, mit Holz so etwas Temporäres zu installieren, damit experimentieren wird schon lange», erklärt Röthlisberger.

Unwillkürlich zieht man bei der Installation Parallelen zu den mächtigen Holzbalken und Verstrebungen im Dach der Halle. Tatsächlich hatten die Künstler probiert, die vorhandenen Balken in ihre Installation einzubeziehen. Doch wie bei den Bildern spielte die Halle nicht mit. Zu viel Ehrfurcht war da vor dem alten Gebälk: «Wir haben uns dagegen entschieden, das hätte irgendwie die Halle entweiht», sagt Röthlisberger.

Spielen mit den Erwartungen

Ähnlich wie in Galerien stehen also auch in der alten Lagerhalle die Kunstobjekte ohne Bezug zu ihrer Umgebung. Trotzdem spielen Jahic und Röthlisberger mit der Wirkung des 1000 Quadratmeter Raumes. Der Eingang führt direkt in einen weissen Gang, der immer enger und niedriger wird. Man muss sich bücken, um eine scharfe Ecke biegen, und kurz bevor es wirklich klaustrophobisch wird, steht man mitten in der Halle. «Das war ein Spiel mit den Erwartungshaltungen: Man sieht die grosse Halle von aussen und erwartet einen ebensolchen Innenraum – und dann ist es erstmal das Gegenteil», erklärt Jahic.

Kunst in der Recycling-Ära

Bei der dritten Werkgruppe «Lumières Fluorescentes» werden alte, verbrauchte Materialien mit Neonröhren zu neuem Leben erweckt: halb verrottete Styroporstücke mit grünem Algenbesatz, rostige Wellbleche. «Eigentlich gibt es so etwas gar nicht mehr. Das sind alles Materialien, die heutzutage recycelt werden. Normalerweise wäre das da wohl mittlerweile ein Milchkarton», erklärt Röthlisberger. In Szene gesetzt werden sie mit Licht und Glasscheiben: Wiederverwertbarer Müll wird in der Recycling-Ära zu Kunst.

Die Ausstellung dauert insgesamt zwei Wochen – nicht allzu lange, wenn man bedenkt, dass die Halle für ein halbes Jahr gemietet wurde. Es seien weitere Ausstellungen geplant, ein grösseres Projekt soll während der Art Basel im Juni die Halle bespielen, verraten die Künstler. Details wollen sie allerdings noch nicht nennen.

Jahic / Röthlisberger

Zwei junge Männer stehen von einer Wand.
Legende: Admir Jahic (links) und Comenius Röthlisberger. SRF/Kathi Lambrecht

Das Basler Künstlerduo Admir Jahic und Comenius Röthlisberger arbeitet seit rund acht Jahren zusammen. Sie arbeiten konzeptuell und mit unterschiedlichen Techniken, von Zeichnungen bis Installationen. Sie sind regelmässig an internationalen Kunstmessen vertreten und stellten bereits in den USA, Niederlanden oder Kuwait aus.

Ausstellungshinweis

«Der Durchgang» in der Güterhalle Bahnhof St. Johann, Vogesenplatz 19, 4056 Basel.

Öffnungszeiten: 17. Januar bis 2. Februar, immer freitags bis sonntags von 16 bis 20 Uhr.

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