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Kultur-Talk mit Erich Keller über das Kunsthaus Zürich und Bührle
Aus Kultur-Talk vom 18.09.2021.
abspielen. Laufzeit 26:24 Minuten.
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Kunstkontroverse Zürcher Kunsthaus wegen Bührle ein «kontaminiertes Museum»?

Der Historiker Erich Keller kritisiert in einem neuen Buch die Verlagerung der Bührle-Stiftung ins Kunsthaus. Und das ist mehr als eine Zürcher Kontroverse.

Im Zusammenhang mit Emil Bührle fallen Begriffe wie «historisch belastet» oder «dunkle Vergangenheit». Denn der Waffenfabrikant erwirtschaftete seine Gewinne ab den 1930er Jahren unter anderem aus Geschäften mit Nazi-Deutschland, er profitierte von Zwangsarbeit und sammelte in grossem Stil Kunst, darunter Bilder, die er nach dem Krieg als NS-Raubkunst zurückgeben musste.

Standortmarketing vs. historische Aufarbeitung

Trotzdem sollen die impressionistischen Meisterwerke aus der Sammlung des Waffenfabrikanten Zürich zu einem touristischen Anziehungspunkt machen. Zunächst lief alles glatt: Die rotgrüne Zürcher Regierung plante, die Bilder der Bührle-Stiftung als Leihgaben ins Kunsthaus Zürich zu transferieren.

Legende: Der Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses wird die Werke der Bührle-Stiftung beherbergen. Keystone / Christian Beutler

2012 bewilligte das Stimmvolk die Vorlage über die Erweiterung des Kunsthauses. 2017 wurde bei der Universität Zürich eine historische Studie in Auftrag geben, welche die letzten blinden Flecken erfassen und den Wissensstand zu Emil Bührles Geschäfts- und Sammeltätigkeit zusammenfassen sollte.

Diese Studie aber stehe im Verdacht, reichlich zahnlos gewesen zu sein, sagt der Historiker Erich Keller. Denn dass die Bilder als Leihgaben ans Kunsthaus gehen, war beschlossenen Sache, «egal was da von wissenschaftlicher Seite noch hätte kommen können.» Erich Keller wirkte selber an der historischen Studie mit, bis er publik machte, dass ein Beirat beschönigende Eingriffe vornahm.

Raubkunst im Kunsthaus Zürich?

Sein neues Buch «Das kontaminierte Museum» (Rotpunkt Verlag) dürfte für Aufregung sorgen. Denn Keller zweifelt darin auch die Provenienzforschung der Bührle-Bilder an und stellt die These auf, dass sich darunter NS-Raubkunst befinde.

Die Stadt Zürich und die Bührle Stiftung äussern sich auf Anfrage von SRF vor dem Erscheinen des Buches und ohne Kenntnis dessen Inhalts nicht. Esther Tisa Francini, Provenienzforscherin am Museum Rietberg, stellt der Forschung der Stiftung Bührle aber ein gutes Zeugnis aus. Sie entspreche den wissenschaftlichen Standards, sei online publiziert, öffentlich einsehbar und enthalte alle notwendigen Nachweise.

Und trotzdem verstummt die Kritik nicht. Denn es geht im Kern um die Bewertung von Forschungsergebnissen Und um eine schweizerische Eigenheit: den Begriff «Fluchtgut».

Schatten über der glanzvollen Eröffnung

Sollen auch Bilder, die jüdische Sammlerinnen und Sammler nach ihrer Flucht vor dem NS-Regime verkauft haben, wie Raubkunst behandelt werden? Konnten die Eigentümer frei entscheiden und hätten sie auch ohne Verfolgung verkauft? Antworten darauf sind schwierig. Und sie fehlen für einzelne Bilder der Bührle-Stiftung, etwa eine Landschaft von Cézanne oder das Mohnblumenfeld von Monet.

Legende: Bei einzelnen Bildern aus der Sammlung Bührle sind nicht alle Fragen der Herkunft geklärt. Keystone / Walter Bieri

Und so stellt sich kurz vor der glanzvollen Eröffnung des neu erweiterten Kunsthauses nicht nur die Frage, ob die Geschichte von Emil Bührle und seiner Sammlung kritisch genug aufgearbeitet wurde und im Zürcher Kunsthaus kritisch genug vermittelt wird. Es geht auch darum, wie sich die Schweiz und ihre Museen einer historischen Verantwortung stellen im Umgang mit Bildern, die sie ohne das NS-Regime vermutlich nie an die Wände hätten hängen können.  

Buchhinweis

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Erich Keller: Das kontaminierte Museum. Rotpunktverlag 2021. (Erscheint am 23.09.2021)

 

 

Radio SRF 4 News, Echo der Zeit, 18.09.2021, 18 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
    Hysterie der Intelligenzia - warum heute alles Nazi ist.
    Mich erstaunt immer wieder diese naive Infantilität gewisser Historiker, diese Leute sehen alles durch die Brille des 21. jh und glauben sich zu einem moralischen Urteil fähig. War es verwerflich mit den Nazis Geschäfte zu machen? JA. Ist ein Museumsbesucher heute dafür verantwortlich? Nein.
    Hätte Bürli mit der UdSSR bzw. Stalin Geschäfte gemacht... wäre Herr Keller ebenfalls so aus dem Häuschen?
    Narativkonformer Moralismus.
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Herr Dettwiler: G. Bührle kam mit ALLEN ins Geschäft, egal welcher politischer Couleur. Aber mit den Nazis wurde er nun mal so richtig gross, das schleckt keine Geiss weg.

      Und wer soll denn hinschauen, wenn nicht Historiker? Bührle starb ja 1956. Dessen Stiftung war aber nur ein fauler Kompromiss, als er wegen Steuerbetrugs in Millionenhöhe vor den Kadi traben musste und er sich nur so seinen Hals retten konnte: Die Bilder MUSSTEN in eine Stiftung überführt werden und in Zürich bleiben!
    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Das hat Th. Buomberger lange vor der Kunsthaus-Abstimmung in einem ausführlichen Beobachter-Artikel dargelegt. Da ging es nicht um Nazi-Hintergrund, sondern schlicht um Steuerbetrug (hat kein grösseres Medienhaus interessiert, darf ja nicht sein, dass bei einem Mäzenen kriminelle Energie geortet wird).

      Das Schauspielhaus hatte übrigens 1955 das Format, von Bührle kein Geld anzunehmen: «Wir wollen kein Blutgeld!» Ganz im Gegensatz zum Kunsthaus (siehe Saalbau 1956 und jetzt «Leihgabe»).
  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Hervorragende Kunst, wirklich gute Gemälde der jeweiligen Zeitgeschichte, gesammengetragen von Sammlern früher und heute, können nicht "kontaminiert" sein. Einzig was wirklich kontaminiert ist, das ist dieser extrem hässliche, völlig überdimensionierte Betonklotz am Heimplatz in Zürich. Ganz ohne Grün, nicht einmal für ein paar Bäumchen darum herum hat es gereicht, damit man/frau/kind dieses Mahnmal unpassender Architektur nicht so direkt ansehen muss.
  • Kommentar von Urs Ziegler  (Urs Ziegler)
    Ich finde, die Kunst kann ja nichts dafür, dass sie von reichen Sammlern gekauft wird, die ihr Geld mit Geschäften gemacht haben, die mit den heutigen ethischen Standards beurteilt mindestens diskussionswürdig wären. Aber wenn man dann eine Büste des Sammlers daneben stellt, dann muss man mindestens eine kritische Beurteilung darunter schreiben. Sonst stellt man sie lieber ins Archiv oder besser ins Altmetall.