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Malerin Helen Frankenthaler Sie wurde zur Randnotiz degradiert – und war doch stilprägend

Helen Frankenthaler gilt in den USA als zentrale Figur der Nachkriegskunst, blieb in Europa aber erstaunlich unsichtbar. Die aktuelle Retrospektive im Kunstmuseum Basel ist daher auch eine Korrektur der Kunstgeschichte.

Ein New Yorker Atelier, 1952. Die Kunstwelt blickt gebannt auf Männer wie Jackson Pollock, die ihre Leinwände wie ein Schlachtfeld behandeln und das Malen als heroischen Kampf inszenieren. Inmitten dieser aufgeladenen Atmosphäre steht eine 23-jährige Frau vor einer grossen, unberührten Stoffbahn. Helen Frankenthaler tut in diesem Moment etwas, das gegen alle Regeln verstösst: Sie legt die Leinwand flach auf den Boden.

Künstlerin in einem Atelier mit farbenfrohen Gemälden.
Legende: Helen Frankenthaler in ihrem Atelier in New York, 1974. Im Hintergrund das Werk «April Mood» (1974). Alexander Liberman/Helen Frankenthaler Foundation/ProLitteris

Sie beginnt nicht zu malen, sondern zu giessen. Frankenthaler verwendet stark verdünnte Farbe, flüssig wie Wasser. Die Farbe bildet keine Schichten, sie sinkt direkt ins Gewebe ein – wie Tinte auf Löschpapier. «Ich spüre, dass sich Frankenthaler mit Haut und Haaren dem Malprozess hingegeben hat», sagt Anita Haldemann, Kuratorin der neuen Frankenthaler-Ausstellung im Kunstmuseum Basel. «Es ist sichtbar, dass sie mit Einsatz des ganzen Körpers gearbeitet hat. Sie war geschickt im Nutzen des Zufälligen.»

Eine Pionierin als Randnotiz

Obwohl Frankenthaler als Pionierin die «Soak-Stain-Technik» entscheidend prägte, blieb ihr der grosse Ruhm in Europa lange verwehrt. Bekannte Künstler griffen das Verfahren auf und entwickelten es weiter. Sie wurden damit weltberühmt und gingen als Väter der «Farbfeldmalerei» in die Geschichte ein. Frankenthaler hingegen blieb oft nur eine Randnotiz – wahlweise als «Schülerin» oder schlicht als die Ehefrau des Malers Robert Motherwell.

Das lag auch an der damaligen Vermarktung von Kunst. «Der Kunstmarkt setzte früh und gezielt auf wenige männliche Markennamen wie Jackson Pollock oder Mark Rothko», erklärt Haldemann. Diese wurden zur Projektionsfläche für den Mythos des amerikanischen Nachkriegsgenies. «Frankenthaler war zwar präsent, aber der Markt und die Museen folgten anderen Prioritäten.»

Abstraktion mit Gedächtnis

Das Kunstmuseum Basel macht nun eine Verschiebung sichtbar. Frankenthalers Abstraktion war kein kahler Neubeginn. Während Kollegen die Kunstgeschichte für tot erklärten, suchte sie den Dialog mit alten Meistern wie Monet oder Rembrandt. Ihre Bilder erinnern an Landschaften und tragen ein kulturelles Gedächtnis sichtbar in sich.

Lange wurde das als Mangel an Radikalität ausgelegt. Frankenthaler verweigerte den lauten Bruch, ihre Arbeiten waren weder klar gegenständlich noch radikal anti-gegenständlich. In einer Zeit, die eindeutige Manifeste verlangte, war für ihre nuancierte Haltung wenig Platz.

Die heutige Suche nach dem Leisen

Dass sich der Blick heute ändert, ist eine Frage der Vollständigkeit. Zeitgenössische Betrachtungen suchen Grösse nicht mehr nur im gewaltsamen Umbruch, sondern im Dialog mit dem Material. In diesem Licht wird Frankenthalers Beitrag erst richtig greifbar.

Künstlerin im Atelier mit abstrakten Gemälden an den Wänden.
Legende: Helen Frankenthaler in ihrem Atelier in New York, 1961. Helen Frankenthaler Foundation/André Emmerich/ProLitteris, Zurich

Für Kuratorin Anita Haldemann ist die Neubewertung deshalb längst überfällig: «Es ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Wer die Geschichte der Abstraktion und der Gegenwartsmalerei wirklich verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.» Frankenthaler hat den Raum für eine Kunst geöffnet, die nicht schreien muss, um gehört zu werden.

Hinweis

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Die Sonderausstellung «Helen Frankenthaler» im Kunstmuseum Basel zeigt mehr als 50 Werke der Künstlerin und ist noch bis 23. August im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Den Film «Malen ohne Regeln», der unter anderem das Schaffen von Helen Frankenthaler zeigt, können Sie bei Play SRF streamen.

SRF 1, Sternstunde Kunst, 19.4.2026, 12:00 Uhr

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